Zeitung Heute : Heldinnen Meine

Bibiana Beglau,39, zählt zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen in Theater und Kino. Für den RAF-Film „Die Stille nach dem Schuss“ erhielt sie den Silbernen Bären. Wir haben gefragt: Welche Frauen sind Vorbilder für Sie? – Acht Antworten

Im Film: Am 7. Juli kommt „Was du nicht siehst“ mit Bibiana Beglau in die Kinos.
Im Film: Am 7. Juli kommt „Was du nicht siehst“ mit Bibiana Beglau in die Kinos.Foto: Cinetext/Morgan

CASSANDRA

Als Kind war ich auf einer Waldorfschule in Braunschweig. In der dritten Klasse erzählte uns die Lehrerin Geschichten aus der griechischen Mythologie. Die von Cassandra hat mich sofort gepackt. Diese Tragödie, da sitzt eine Frau, redet und warnt die Menschen – und alle sagen: Du sprichst nicht die Wahrheit, du bist hysterisch. Das hat mich berührt. Als die sich mit Agamemnon vor den Toren von Mykene angelegt hat, habe ich mir sie als eine Frau mit Mittelscheitel vorgestellt, die eine Art Sackkleid trägt, etwas verwirrt ist und wie im Wahn spricht. Auf dem nächsten Kindergeburtstag habe ich mich dann genau so als Cassandra verkleidet. Ich habe mir einen Umhang wie einen Leinensack genäht. Das Nähen konnte ich noch aus dem Waldorf-Kindergarten, das war eine grobmotorische Arbeit, die ich als Kind perfekt beherrschte. Damals trug ich ganz lange Haare, kämmte mir einen Scheitel und zog das Kleid über. Alle anderen waren als Ritter oder Prinzessin verkleidet, nur ich sah aus wie ein Kartoffelsack. Aber ich stellte mir vor, die wirkliche Verkleidung war nicht das Kleid, sondern dass ich mich innen drin so fühlte.

GRACE JONES

Ich weiß noch, wie ich mit 13 Jahren in einem Braunschweiger Plattenladen stand – und plötzlich dieses unglaubliche Albumcover von „Island Life“ sah. Da steht sie auf einem Bein, hat einen roten Tanga und eine rote Brustbinde an, trägt eine eckige Frisur und hat ein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Ich dachte: Was ist das – ein Mann, eine Frau, ein tolles Rennpferd? Sie war so kräftig und wie auf Hochglanz poliert. Die Platte konnte ich mir nicht leisten, zu gerne hätte ich sie geklaut, aber dafür war ich zu brav. Erst später habe ich die Musik gehört, „La Vie En Rose“ und so weiter. Die äußere Gestalt hat mich mehr fasziniert als ihre Lieder. Diese Arschbacken, diese Wangenknochen, diese roten Lippen! Wie sollte der Mensch sein, der in diesem Körper steckt? Ich finde, sie agiert wie eine Kunstfigur. Was die im James-Bond-Film „Im Angesicht des Todes“ als Killerin gemacht hat, war schräge Avantgarde. Die haut ja nicht einfach Männer zusammen, die schlägt ein Rad und knallt mit der Ferse an den Kopf ihrer Gegner, so dass sie einen Schädelbasisbruch haben. Wie sie den Körper als Waffe einsetzt, das war Wahnsinn! Wie eine Gerätschaft, die man in alle Richtungen benutzen kann: Da kann man Sex mit machen oder mit der Kniescheibe eine Fensterscheibe zertrümmern.

JOAN COLLINS

Für mich war sie als Alexis im „Denver Clan“ der Archetyp der Rachegöttin. Das lief abends im ZDF, eigentlich durfte ich als Waldorfschülerin gar kein Fernsehen gucken. Haben natürlich alle in meiner Klasse gemacht, sobald die Eltern aus dem Haus waren. Es gab eine tolle Lehrerin bei uns, sie legte den Elternabend immer auf einen Termin, an dem im Fernsehen gerade James Bond oder „Denver Clan“ lief. So konnten wir das sehen. Ich fand die Intrigen, die Rachsucht großartig. Ich dachte, mit der kann niemand Sex haben. Die ist wie eine Spinnenfrau: Wenn man der zu nahe kommt, ist der Kopf ab. Und niemand kann doch den Mut haben, den Lippenstift von der zu zerstören. Für mich war sie die moderne Rächerin, die Intrige als einen großen Spaß verstand. Die war so böse, so klug, das kannte ich in meiner Welt gar nicht. Sie ist eine Figur wie Lady Macbeth. Sie sagt ein Wort – und die Welt dreht sich in die andere Richtung. Als ich Lady Macbeth 2008 gespielt habe, am Schauspielhaus Zürich, habe ich tatsächlich an Alexis gedacht: an eine Frau mit einem Mund, der oben aufgeworfen wird, die ihre Mundwinkel süffisant verzieht und helle zynische Augen besitzt.

DAVID BOWIE

Es mutet seltsam an, aber als ich mit 15 Jahren „Ziggy Stardust“ das erste Mal gehört und die Aufmachung von Bowie gesehen habe, da dachte ich: Das könnte ich als Mädchen auch. Der war nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Frau, nicht Mann. David Bowie stand für die Haltung, sich keinem Geschlecht zuordnen zu müssen. Ich fand die Möglichkeit des Andersseins interessant, die Uneindeutigkeit – ich wollte nie eine Barbie sein. In meiner Jahrgangsstufe stand ich damit allein auf weiter Flur. Die anderen haben Police rauf und runter gehört, während eine Freundin und ich Bowie für den Verkünder der Wahrheit hielten. Ich wollte damals nie so aussehen wie die Jugendlichen in meiner Klasse. Mitte der 80er Jahre trugen alle Bundfaltenjeans, ich mochte am liebsten die alte Skihose meines Vaters, eine Keilhose aus den 70er Jahren, die den Bund natürlich weit oben hatte. Meine Mutter hat sie mir umgenäht, ich zog ein weißes T-Shirt darunter, manchmal eine schlichte Trachtenjacke, an den Füßen trug ich säurefeste Arbeitsschuhe – und dazu kamen meine gelockten orange gefärbten Haare. Ich glaube, manche in der Schule fanden mich damals komisch.

MARGUERITE DURAS

Ich finde, die französische Schriftstellerin beschreibt Zusammenhänge ganz einfach, trotzdem habe ich immer das Gefühl, dahinter steht noch eine ganz andere Welt. Ich habe als Teenager mit „Der Liebhaber“ angefangen, natürlich. Man erzählte sich an der Schule, dass es eine autobiografische Geschichte sei. Wie sie als junges Mädchen eine verbotene Beziehung zu einem chinesischen Geschäftsmann einging. Ein paar Schüler aus den oberen Stufen redeten darüber, von denen habe ich das in der Pause aufgeschnappt. Diese krude Form der Erotik hat mich interessiert. Ich dachte, der Roman wäre so kompliziert und unverständlich, dass ich als Leserin gar nicht mitkomme. Aber eigentlich war es eine banale Geschichte. Duras hat etwas Pures und Tristes, sie schreibt Sätze, bei denen ich mir nie sicher bin: Ist das noch Literatur oder reines Nacherzählen? Oft erzeugen Schriftsteller eine Stimmung durch ewige Beschreibungen, ihr gelingt das durch Einfachheit. Sie ist nicht meine Lieblingsschriftstellerin, für mich jedoch ein Vorbild, gerade und einfache Formulierungen zu benutzen. Sie schreibt so, wie man ein Foto macht. Realistisch, klar, das Abbild eines Moments.

MONICA VITTI

Das erste Mal habe ich sie in dem Film „L’Eclisse“ von Antonioni wahrgenommen. Es gibt eine Szene, da steht sie in einem Raum, ein Mann sitzt am Tisch, beide haben die ganze Nacht durchdiskutiert. Trotzdem ist sie so schön und zart. Auf einmal schaut sie auf ihre Finger, als ob sie Staub darauf betrachten würde, und dann wehen ihre Haare leicht. Ich war fasziniert von dieser unberührbaren Lichtgestalt. Den Film habe ich zum ersten Mal 1993 gesehen, in einem kleinen Kino in der Nähe der Sternschanze, ich war gerade fertig mit der Schauspielschule in Hamburg. Wie die Vitti spielt, besitzt eine große Modernität: auf der einen Seite das Verschlossene, auf der anderen diese spürbare Leidenschaft. Die Komödien mit ihr habe ich nicht gesehen, das muss ich noch nachholen. Ich kenne sie nur als die Fremde, die leidenschaftlich in sich ruht. Neulich habe ich ein Bild von ihr als ältere Dame entdeckt. Sie hatte immer noch die blonde Mähne, trug eine große Brille und bunte Kleidung – wie eine coole Italo-Tante.

ANNA MAGNANI

Mit Anfang 20 habe ich sie als „Mamma Roma“ von Pasolini gesehen. Ein unglaubliches Gesicht besaß sie in dem Film. Wenn sie ganz zum Schluss eine dunkle Gasse entlanggeht, bleibt sie an einer Tür stehen, dreht sich um und hat diesen sagenhaften Blick – als ob Feuer in den Augen lodert. Und dann dieses weiße, gerade gewachsene Gesicht. Sie besitzt etwas Harsches, Verschlossenes, wie ein Stück altes schwarzes Holz, das schon mal im Feuer gelegen hat. Über sie habe ich mich nach dem Film schlaugemacht. Habe gelesen, dass sie aus ganz armen Verhältnissen kam, sich durchgewurschtelt und mit Ach und Krach die Schauspielschule geschafft hat. Sie hat zuerst im Wandertheater gearbeitet und später für das Kino. Sie steht für eine unromantische Verkörperung von Armut und Arbeit, typisch für den Neorealismus in Italien. Sie hat ihr Leben lang gearbeitet, und das sieht man ihr an. Man erkennt, dass sie viele Geschichten selbst durchgemacht hat. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Schauspielerin wie Uma Thurman ähnlich für unsere Zeit steht wie Magnani damals für die 50er Jahre. Sie besitzt unbewusst eine ähnliche Kräftigkeit.

PEACHES

Ich habe 2000 das Album „The Teaches of Peaches“ von einem Freund als Geschenk bekommen. Das erste Mal gehört und sofort super gefunden. Mir gefiel, dass sie so offensiv mit ihrem Körper umging. Oft reden wir nur darüber, wie wahnsinnig liberal wir sind. Dann kommt diese Kanadierin nach Berlin, knallt ihr Fleisch und Blut auf den Tisch und macht sich über unsere Verkorkstheit lustig. Die Songs waren harte Club-Musik, sehr typisch für Berlin, fand ich. Ein paar Jahre später habe ich sie auf einem Konzert in Hamburg gesehen. Da stand sie in einem Glitzerhöschen auf der Bühne, machte die Beine seltsam breit, zappelte herum, schrie, hatte Achselhaare und stellte den schlimmsten anzunehmenden Fall einer Frau dar. Vergangenes Jahr habe ich sie mal getroffen, auf einer Party zu Ehren von Yoko Ono im Soho House. „Yoko Ono ist schon im Bett“, hat sie zu mir gesagt. Ich habe mich dann kurz mit ihr unterhalten und sie in meine Vorstellung für den nächsten Abend in die Schaubühne eingeladen. Leider musste sie am selben Abend auch auftreten. Wie gerne hätte ich mir das noch mal angesehen.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz

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