Zeitung Heute : Helfende Hände

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Wie viele Menschen die Terroristen in Beslan zu ihren Geiseln gemacht hatten, weiß niemand. Fest steht, unter ihnen waren hunderte Kinder, die gemeinsam mit Eltern und Geschwistern, auch Babys, den ersten Schultag feiern wollten. Diejenigen, die jetzt freigekommen sind, brauchen medizinische und vor allem psychologische Betreuung.

Das russische Rote Kreuz und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) arbeiten wegen des Tschetschenienkonflikts schon seit Jahren in der Region. Das IKRK hat dem Zentralkrankenhaus chirurgische Ausrüstungen übergeben, vom Roten Kreuz sind 25 russische Psychologen angereist, die bereits am Donnerstag versuchten, verzweifelten Angehörigen zu helfen. Auch Berlin oder Washington haben Hilfe angeboten, die Bundeswehr hält ein Ambulanzflugzeug in Bereitschaft, um Verletzte zu bergen. Doch bisher hat Moskau dankend abgelehnt. Bernhard Kühn vom Generalsekretariat des Roten Kreuzes in Berlin geht trotz der chaotischen Bilder aus Nordossetien davon aus, dass die medizinische Versorgung fürs Erste gewährleistet ist. Und psychologischen Beistand, sagt er, kann nur ein Muttersprachler leisten, der die Mentalität der Menschen und ihre Lebensbedingungen kennt.

Doch gerade die seelische Not der Kindergeiseln ist groß. Ihr Urvertrauen ist für immmer zerstört, sie haben Todesangst erlebt und nicht einmal ihre Eltern konnten ihnen helfen. Gerade die Kleineren unter ihnen verstehen vermutlich gar nicht, was passiert ist. Sie könnten sich sogar selbst für die Katastrophe die Schuld geben, sagt Hubertus Adam von der Uniklinik Hamburg – vielleicht haben sie ja am Tag zuvor ihren Bruder geärgert. In der Krisensituation selbst sind die Kinder oft noch erstaunlich robust. Sie können „Wegtauchen“, doch das fordert später seinen Tribut. Das reicht von Albträumen und Beziehungsstörungen bis zu Angstattacken schon bei Schritten.

Die Kinder von Beslan sollten jetzt besonders viel Zuwendung, körperliche Nähe erfahren, weil das psychischen Störungen entgegen wirken kann. Außerdem sollen sie langsam an die Erinnerungen heran geführt werden, raten Experten, um dann das Erlebte Schritt für Schritt verarbeiten zu können.Rudi Tarneden vom UN-Kinderhilfswerk (Unicef) hält es deshalb für wichtig, dass die Kinder sich „der Erinnerung stellen“ können. Dazu gehören auch Informationen darüber, was genau wirklich passiert ist. Mit Blick auf das Geiseldrama in dem Moskauer Theater vor zwei Jahren ist aber fraglich, ob die Behörden daran interessiert sind.

Weil der seelische Zusammenbruch, bei Kindern wie Erwachsenen, auch erst nach Monaten oder Jahren kommen kann, wäre eine lang angelegte psychologische Betreuung notwendig. Allerdings kostet diese Hilfe entsprechend viel, weshalb zweifelhaft ist, ob sie überhaupt geleistet werden wird.

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