Zeitung Heute : Helfer in Nordkorea: Schikane ohne Grenzen

Harald Maass

In einem Krankenhaus in Süd-Pjöngsan, zwei Autostunden von der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang entfernt, hat Rupert Neudeck sterbende Kinder gesehen. Zu acht lagen sie in einem Raum, die schmalen Arme mit Infusionsflaschen verbunden. "Dünn und unterernährt" seien die Körper gewesen, sagt Neudeck in Peking, zurück von einer Reise durch Nordkorea. Auf seinem Notizblock hat der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur die Gewichte der Kinder aufgeschrieben: Ein dreijähriges Kind wog nur 7,4 Kilogramm. "Vielleicht ist es jetzt schon tot", sagt Neudeck. "Uns sind die Hände gebunden."

Neudeck war in vielen Teilen der Erde unterwegs. Ende der 70er Jahre rettete er vietnamesische Bootsflüchtlinge aus dem südchinesischen Meer, daraus gründete sich Cap Anamur. Die Organisation kümmerte sich um Flüchtlinge im Kosovo und Hungernde in Afrika. Doch jetzt, nach den Eindrücken aus Nordkorea, ist der Helfer ratlos. "Wir sind mit unserem Latein am Ende", sagt Neudeck.

Vor drei Jahren kam Cap Anamur nach Nordkorea. Damals tauchten erste Berichte über die Hungersnot in dem isolierten stalinistischen Land auf. Man sah Bilder von bis auf die Rippen abgemagerten Kindern, die Haare von der Unterernährung struppig und ausgebleicht. Menschen aßen Blätter von den Bäumen, berichteten Diplomaten. Das Regime in Pjöngjang schob die Schuld auf ein Hochwasser und erlaubte westlichen Hilfsorganisationen zum ersten Mal die Arbeit in dem Land. In zwei Provinzen begannen die Helfer von Cap Anamur, Lebensmittel zu liefern und Krankenhäuser herzurichten. "Es gab keine Medikamente, keine sterilen Geräte. Im Winter hatten die Menschen keine Kohle zum Heizen", sagt Neudeck.

Die Auflagen des Regimes für die Hilfsorganisationen waren von Beginn an streng. Abgeschottet von der Bevölkerung mussten die Mitarbeiter von Cap Anamur, ein Arzt, ein Techniker und eine Krankenschwester, in einer Siedlung für Diplomaten wohnen. "Normale Koreaner haben hier keinen Zutritt, an allen Eingängen stehen Militärposten", berichtet die Krankenschwester Lucia Gunkel. Anderen Hilfsorganisationen ging es ähnlich: Reisen, auch zu den eigenen Projekten, mussten Wochen im Vorfeld bei der Regierung angemeldet werden. Spontane Stopps während der Fahrt, Gespräche mit den Bauern oder Arbeitern waren verboten. "Das Gesetz Nummer eins lautet: kein Kontakt zur Bevölkerung", sagt Neudeck.

Spitzel der Staatssicherheit

Anfangs hatten die internationalen Helfer noch Hoffnung. Als die Vereinten Nationen, das Kinderhilfswerk und das Welternährungsprogramm ihre Büros in Pjöngjang bezogen, glaubte man, dass sich nun auch Nordkorea langsam öffnen werde. Nach langen Verhandlungen mit dem so genannten "Flutkatastrophen-Komitee" erreichten die Organisationen, dass ihre Mitarbeiter zumindest in den Provinzhotels übernachten durften. Es gab Erleichterungen bei der Einfuhr von Hilfsgütern. An der grundsätzlichen Situation änderte sich jedoch nichts. In kaum einem Land der Erde werden Hilfsorganisationen vom Staat derart in ihrer Arbeit beschränkt. Cap Anamur darf bis heute seinen Namen nicht in koreanischer Schrift auf die Dienstautos schreiben. Transporte übernimmt das Militär. Die Hilfsorganisationen dürfen außerdem nur zu koreanischen Mitarbeitern Kontakt haben - und die arbeiten meist als Spitzel für die Staatssicherheit. Die Verwendung der Hilfsgüter können die Organisationen kaum überwachen. Einige Hilfsgruppen, darunter die französische Organisation "Ärzte ohne Grenzen", zogen sich deshalb aus Nordkorea zurück.

Ausweisung eines Mitarbeiters

Auch Cap Anamur bekam die harte Hand des Regimes zu spüren. Ende vergangenen Jahres musste der Arzt Norbert Vollertsen Nordkorea verlassen. Sein Vergehen: Der Mediziner hatte beim Besuch der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright amerikanische Journalisten durch Pjöngjang geführt. Dass Vollertsen mit der nordkoreanischen Freundschaftsmedaille ausgezeichnet worden war, nachdem er bei einer Notoperation in der Provinz einem Verbrennungsopfer Teile seiner eigenen Haut gespendet hatte, nützte ihm nichts. Wegen "Disziplinarverstößen" wurde der Deutsche des Landes verwiesen.

Rupert Neudecks Engagement in Nordkorea wurde hierzulande aber auch schon kritisch diskutiert. Anfang des Jahres wollte Neudeck 200 000 Rinder nach Nordkorea liefern, um sie vor der Vernichtung in Deutschland zu retten, nachdem dort wegen BSE der Markt zusammengebrochen war. Er wollte damit auch die Hungersnot in Nordkorea lindern - ein umstrittenes Projekt. Neudeck stieß auf Widerstände bei den deutschen Behörden. In Berlin hatte man Bedenken, ob Nordkorea das Fleisch richtig kühlen könne. Andere warnten davor, dass die Lieferung der Armee zu Gute kommen könnte und Rindfleisch ohnehin nicht die geeignete Nahrung für hungernde Menschen sei. Nach wochenlangen Diskussionen fehlte es dann plötzlich an Tieren. Der Markt in Deutschland hatte sich schneller als erwartet erholt. Im September sollen nun immerhin 3000 Tonnen Fleisch aus Deutschland nach Nordkorea verschifft werden, kündigte die Bundesregierung an.

Eine Woche war Neudeck in Nordkorea unterwegs. Geändert habe sich in den vergangenen Jahren kaum etwas. Wie bei früheren Besuchen bewachten staatliche Begleiter jeden seiner Schritte. "Auf den Feldern arbeiten die Bauern noch immer mit der Hand, man sieht keine Maschinen", sagt er. Weil jeder Kontakt mit den Menschen untersagt ist, musste Neudeck von außen durch die Fenster in die Häuser schauen, wenn er etwas vom Alltag der Nordkoreaner mitbekommen wollte.

Lohnt es sich denn, gegen all die Widerstände weiterzumachen? Neudeck sieht keine andere Möglichkeit- 1,8 Millionen Tonnen Getreide fehlen Nordkorea allein in diesem Jahr. Wenn die Hilfsorganisationen sich zurückziehen, warnt er, könnte es "eine Situation wie in Äthiopien geben". Eine Ahnung davon bekam er bei den Kindern in Süd-Pjöngsan.

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