Zeitung Heute : Helgoland: Ein Felsen für alle Fälle

Markus Poch

Ein Mittwoch im Frühling. Mittagszeit. Die Kartoffeln dampfen auf dem Herd. Doch niemand ist in der Küche. Die Straßen sind wie leer gefegt. Fliegeralarm hat die Menschen in den Luftschutzbunker getrieben. 3000 Männer, Frauen und Kinder hocken dort, in Todesangst zusammengepfercht 20 Meter tief im Felsen. Es ist der 18. April 1945 auf Helgoland. Alliierte Kampfflugzeuge werfen kurz vor Kriegsende ihre unheilvolle Last ab: mehr als 12 000 Bomben auf das winzige Stückchen Land mitten in der Nordsee. Die meterdicke Betondecke vibriert wie bei einem Erdbeben. Nach zwei Stunden ist das Inferno vorbei, die Menschen aus dem Bunker haben überlebt. Aber ihre Häuser stehen nicht mehr. Nicht ein einziges hat dem Bombenhagel standgehalten.

Alte Helgoländer sind bis heute von tiefer Trauer erfüllt, sprechen nicht gerne über den schlimmsten Tag in ihrem Leben. Aber sie sind stolz darauf, dass die Insel den Neuanfang geschafft hat und heute wieder beliebtes Ausflugsziel ist für Reisende aus aller Welt.

In diesem Sommer feiert der "rote Bombenfelsen" seinen 175. Geburtstag als Seebad. Auch, wenn es jahrelang nicht danach ausgesehen hatte: Helgoland erntet jetzt, was ein vermeintlich verrückter Bootsbauer 1826 gesät hatte ...

Schiffe und Flugzeuge steuern Deutschlands einzige Hochseeinsel täglich aus allen Richtungen an, bringen pro Jahr mehr als 500 000 Menschen auf die kaum zwei Quadratkilometer kleine "Landmasse" 70 Kilometer vor der deutschen Nordseeküste. Viele sind Tagesbesucher, die für einen Spaziergang an frischer Seeluft, ein Mittagessen mit Fischspezialitäten und zum zollfreien Einkauf von Kosmetika, Spirituosen, Tabak- oder Juwelierwaren anreisen.

Viele bleiben auch länger, nutzen die Wellness-Einrichtungen und das gesunde Klima, um zu regenerieren. Immerhin ist Helgoland einer der sonnenreichsten Orte Deutschlands mit besten Luft- und Wasserwerten.

So viel Positives gab es nicht immer zu berichten. Im Gegenteil: Anfang des 19. Jahrhunderts, als "Heligoland" noch unter Britischer Flagge, droht die reiche Schmugglerinsel im Elend zu versinken. Der Wohlstand zu Zeiten der Kontinentalsperre unter Napoleon bricht ein, das Lotsenmonopol für die Deutsche Bucht geht verloren. Vom Fisch- und Hummerfang allein können die Menschen nicht leben. Da hat der Bootsbauer Jacob Andresen Siemens, gerade 32 Jahre alt, die Vision von einer bequem zu erreichenden Urlaubsinsel mit Seebad-Qualitäten und entsprechenden Einnahmequellen. 1826 wird seine umstrittene Idee offiziell beurkundet. Der Aufschwung beginnt. Heimische Handwerker zimmern eine Badeanstalt zusammen, Fähren aus Cuxhaven und Hamburg bringen die ersten Kurgäste.

Als Helgoland 1890 deutsch wird, ist es längst ein etabliertes Urlaubsziel der Privilegierten. Alte Postkarten vermitteln einen Eindruck davon. Glanz und Gloria verschwinden mit der Evakuierung während des Ersten Weltkrieges, nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg glaubt kein Insulaner an eine "Auferstehung" seiner Heimat. Der Urlauber von heute sucht historische Bausubstanz deshalb vergeblich. Denn alles, bis auf den Leuchtturm, ist erst nach 1952 aus einer Mondlandschaft neu entstanden. Zeitzeuge Benno Krebs zeigt in seinem Café beeindruckende Amateurvideos über den einst bedeutenden Marinestützpunkt, seine Zerstörung und den komplizierten Wiederaufbau.

Helgoland hat ein eigenes Tempo. Da ist keine Hektik, kein Lärm, da fehlen die Autos. Das einzige "öffentliche Verkehrsmittel" ist ein Fahrstuhl, der Unter- und Oberland verbindet. Als Konditionstest empfehlen die Insulaner jedoch die drei Treppen mit 182 bis 260 Stufen. Wer ins Schwitzen kommt, kann sich - bei passendem Seegang - auf der Südmole unter natürlichen Salzwasserduschen erfrischen. Auch die Wanderung über den Klippenrandweg am Westufer des 60 Meter hohen Felsens zeigt dem gestressten Stadtmenschen, wie gestählt seine Muskeln sind. Je nach Trainingsstand kann er sich aufrecht gehend oder nur auf allen Vieren gegen die steife Brise zu behaupten.

Unten donnert die Brandung gegen die Kaimauer vor dem roten Sandstein. Neben den Erholungsuchenden schätzen Seevögel diese Naturgewalten. Im Frühjahr nisten sie zu tausenden auf dem so genannten Lummenfelsen, Deutschlands kleinstem Naturschutzgebiet. Lummen, Dreizehenmöwen, Basstölpel, Eissturmvögel und Austernfischer brüten hier in schwindelerregender Höhe - mit bester Aussicht auf das Wahrzeichen Helgolands, die "Lange Anna".

Den freistehenden Felsturm kennen die eigentümlichsten Insulaner in Ermangelung von Füßen oder Flügeln nur aus der Robbenperspektive: Eine Seehund-Gruppe ist seit Jahren auf Helgoland heimisch. Morgens und abends dösen die lustigen Kameraden zufrieden in der seichten Brandung der vorgelagerten Düne. Sie teilen das Glück ihrer menschlichen Mitbewohner, dass es den Alliierten 1945 und 1947 entgegen ihrer Vorhaben nicht gelungen ist, das Eiland zu sprengen und für immer von den Landkarten zu tilgen.

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