Zeitung Heute : Hellblond trifft mausgrau

Kerstin Decker

Carola Ferstl bändigt Bullen und BärenKerstin Decker

Das Hellgrau der Haare kontrastiert gewagt das Steingrau der Anzüge, um vor dem avantgardistischen Mausgrau der Schuhe dann doch zu kapitulieren. Monochromatisch stehen sie vorm Kaminzimmer des Adlon und reden über Geld. Und über die "Blase". Wer ist die "Blase"?

Der Klavierspieler spielt "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".

Ihre Stimmen sind auch grau. Nur die Frau am zweiten Tisch links lacht öfter. Hat sie denn keine Angst vor der "Blase"? Sie trägt knallrot zu hellblond. Wegen der Frau in knallrot und hellblond sind die Monochromatischen gekommen.

"Berliner Effektenbank" steht heute am Kaminzimmer des Hotels Adlon. Der Bankdirektor sagt, wie sehr er sich freue, Frau Ferstl endlich mal nicht hinter Studio-Glas zu sehen, sondern hier bei ihm "zum Anfassen". - Der Bankdirektor zögert kurz. War das jetzt falsch? Carola Ferstl nickt ihm ermutigend zu. Gleich wird sie den Grauen einen Vortrag halten. Über die leuchtenden Farben des Geldes. Und wie aus viel Geld noch viel mehr Geld wird.

Damit ist Carola Ferstl, die Telebörsen-Frau von n-tv bekannt geworden. Im letzten Jahr auch noch mit einem Buch. Es heißt "Geld tut Frauen richtig gut", und seine Kapitel tragen Titel wie "Geld ist wichtig". Bodo Schäfer ("In sieben Jahren zur ersten Million") übernahm den philosophischen Teil: Weil Frauen so irrational und emotional sind wie die Börse, können sie auch besonders gut mit Geld umgehen. Carola Ferstl schrieb dann den rationalen Teil zu Schäfers Thesen. Sehr praktische Dinge.

Hoffentlich hat der Großaktionär ganz hinten am letzten Tisch das Buch nicht gelesen. Die Börse ist eine Frau? Das hat er doch immer befürchtet und fragt den Effektenbank-Gründer gerade mit streng gezügelter Panik, wann denn nun die "Blase" komme. "Blase" klingt ja viel sanfter als Crash. Und romantischer. Alles löst sich einfach in Luft auf. Das Konto, das Geld, die eigene Existenz. Der Banker berichtet ihm sofort mit diskreter Faszination von den drei Crashs, die er schon mitgemacht habe und dass kein Crash wie der andere sei, weshalb man wirklich schon sehr gespannt sein dürfe. Auch könne man ungemein viel aus Crashs lernen. Das Gesicht des Anlegers erfriert mitten in der Vorspeise. Da steht Carola Ferstl auf. Jetzt liegt alles an ihr. Das Wohl der Aktionäre, das Seelenheil der Menschen mit Geld.

Carola Ferstl lächelt wieder. Und spricht über die "Telebörse". Vor dreizehn Jahren sei diese - "damals noch ohne mich" - bei Sat 1. gestartet. Bis die "Bild"-Zeitung schrieb: "Hausfrauen verzocken ihr Haushaltsgeld". Da bekam Sat 1 einen Schreck, und die "Telebörse" kam zum Deutschen Sportfernsehen. Aber nachher zu uns!, sagt Carola Ferstl. Ihr rotes Kostüm leuchtet jetzt noch röter. Die Erfolgsgeschichte von n-tv ist zugleich die der "Telebörse", schließt sie zuversichtlich. Und meine eigene!, scheint ihr Lächeln hinzuzufügen. Carola Ferstl, die Börsenfrau Deutschlands.

Sie ist 31 Jahre alt. Sie hat Betriebswirtschaftslehre studiert wie viele. Nicht ganz so viele lasen im Sommer 1992 die Nachricht, dass Karl-Ulrich Kuhlo in Berlin einen Nachrichten-Sender aufbauen wollte. Und noch weniger sagten sich: Da muss ich hin. Nach zwei Wochen hatte Carola Ferstl ihren Vertrag und ein Jahr später die "Telebörse".

Nun hält sie Bänkern Vorträge als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Mit gelassener Eleganz. Ja, auch sie habe zu denen gehört, die ihre Telekom-Aktien zu schnell verkauften. Melancholisches Nicken im Kaminzimmer das Adlon. Doch begann nicht alles damit, dass immer mehr Nicht-Börsianer n-tv sahen und ihr Haushaltsgeld verzockten?

Bei dem Wort "verzocken" fährt der Effektenbank-Kunde, der vorhin nach dem Eintreffen der "Blase" fragte, jedesmal zusammen. Inzwischen ist auch Carola Ferstl beim großen Crash. Jawohl, zu beobachten sei die größte Aktienblase seit 1929. Grundsätzlich gäbe es da zwei Möglichkeiten. Die ganz schlimme, also die 1929er-Möglichkeit oder aber - die blonde Frau im roten Kostüm zögert effektvoll - "leben wir nicht in einer völlig neuen Welt?" Letzteres sei eher ihre Ansicht.

Bankiers und Kunden der Effektenbank greifen mit neuer Gleichmut nach ihren Gläsern. Das Kaminfeuer brennt ruhig. Die jüngsten Daten seien hoffnungsvoll. Arbeitslosenzahlen in den USA leicht angestiegen. Hier ist das eine gute Nachricht. Sie zeigt an, dass die Konjunkturlokomotive USA Dampf verliert. Und dann sagt Carola Ferstl noch etwas sehr Schönes. Sie glaubt, dass Europa der Markt dieses Jahres werden wird. Frankreich! flüstert ein Kunde dem anderen verschwörerisch zu.

Nein, Carola Ferstl gibt keine Anlagetipps, sagt nicht vorher, ob an der Börse die Bullen-Hausse oder die Bären-Baisse kommen wird. Sie spricht über Strömungen. Und sie findet ein wunderbar versöhnendes Wort für stürzende Aktien. Sie nennt diese Aktien-Bewegungsform das "Zurückkommen". Zurückkommen. Irgendwie klingt das positiv. Wie eine Heimkehr. Wie der ewige Kreislauf des Lebens. Wir kommen aus dem Nichts, wir gehen ins Nichts. Genau wie die Aktien. Aber das sagt Carola Ferstl nicht. Hätte ein Mann dieses "Zurückkommen" erfinden können?

Doch dann bricht ein Verdacht sich Bahn. Ist gar das Fernsehen selbst schuld an der Las-Vegasierung der Börse? Weil es inzwischen Millionen bewegt. Die Monochromatischen wollen das jetzt genauer wissen: Frau Ferstl lädt also Herrn F ein. Herr F mag die Aktie M und schon zieht die an. Nur weil er in die "Telebörse" kommt. Und dann fallen sie wieder. Ein Ausdruck tiefen Zweifels steht sekundenlang in Carola Ferstls Gesicht. Dieser Effekt ist nicht vermeidbar, sagt sie. Außerdem habe sie keinen Einfluss auf die Auswahl ihrer Studiogäste. Und das sei gut so. Übrigens plant sie noch in diesem Jahr eine richtige "Börsenshow" auf n-tv. So ein bisschen wie "Talk im Turm" solle das werden. Nur mit richtigen Unternehmern. Unternehmer zum Kennenlernen!

Jemand steht auf und sagt: Ich bin der letzte Anleger! - Es klingt sehr endgültig.

Da schlägt Carola Ferstl eine zukunftsfrohe Arbeitsteilung vor: Die Banker sagen Ihnen, was Sie machen müssen, um eine seriöse Anlage zu haben, und ich sage Ihnen, was Sie machen müssen, damit Sie Spaß haben!

Der letzte Anleger lächelt.

Die Lammkeulchen kommen. Der Effektenbank-Gründer sieht aus, als denke er darüber nach, ob man zugleich der letzte Anleger und der erste Zocker sein kann. Dann erzählt er den letzten Anlegern vom ersten Börsenkrach der Weltgeschichte. Als alle in holländische Tulpenzwiebeln investierten. Kennen Sie den? Und die Tulpenzwiebel-Aktien stiegen und stiegen ... Der Aktionär, der Angst hat vor zockenden Hausfrauen, sagt, er fühle sich doch wie in Las Vegas. Und dass eine Tulpenzwiebel eine Tulpenzwiebel bleibe.

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