Zeitung Heute : Heller als Milliarden Sonnen

Der Tagesspiegel

von Thomas de Padova

Ein Blitz - und dann die Nacht. Schon nach einer Sekunde kann alles wieder vorbei sein. Eben noch leuchtete die stärkste Lichtquelle am Himmel auf, kurz darauf ist nur noch ein sanftes Nachglühen zu erkennen.

Jede Nacht registrieren astronomische Messgeräte inzwischen irgendwo am Himmel einen solchen Blitz, von den Wissenschaftlern als „Gammastrahlungsausbruch" bezeichnet. „Das sind für kurze Zeiten die größten Lichtproduzenten im ganzen Universum", sagte Edward van den Heuvel von der Universität Amsterdam bei einem Symposium in München. Dort diskutierten Astronomen, Kosmologen und Elementarteilchenphysiker vergangene Woche über die rätselhaften Feuerbälle.

Bislang weiß niemand genau, was dort draußen im All passiert. Nur eines ist inzwischen klar: Die Blitze, die wir sehen, flackerten bereits auf, als das Universum noch viel jünger war als heute. Ihr Licht trifft mit enormer Zeitverzögerung auf der Erde ein.

Ein Beispiel hierfür war der Blitz vom 8. Mai 1997. Mit dem Keck-Teleskop in Arizona machten Astronomen damals eine Aufnahme der Eruption. Sie stellten anhand des Lichtspektrums fest, dass die hochenergetischen Strahlen sieben Milliarden Jahre bis zur Erde unterwegs gewesen waren. Der Ausbruch hatte sich damit zweieinhalb Milliarden Jahre vor der Entstehung unserer Erde ereignet - und war erst jetzt zu sehen.

Wegen ihrer hohen Leuchtkraft gestatten es die allnächtlichen Blitze den Astronomen, sehr weit in die Vergangenheit des Kosmos zu schauen. Bisher studierten die Forscher dazu in der Regel andere Objekte. Lange Zeit standen Supernovae in dem Ruf, die kräftigsten Leuchterscheinungen am Himmel zu sein. Schon im Jahre 1054 berichteten chinesische und japanische Astronomen über eine Supernova, einen „neuen Stern". Er war zwei Wochen lang sogar am Tageshimmel mit bloßem Auge zu sehen, ehe er langsam wieder verblasste.

Noch heute, fast 1000 Jahre später, zeigen sich die Folgen des damaligen Vorfalls im Sternbild Stier. Ein schillernder Nebel hat sich an der bezeichneten Stelle weit in den Weltraum hinaus ausgebreitet. Die einstige Explosion hat zudem einen außerordentlich kompakten Sternenrest zurückgelassen. Dieser Neutronenstern sitzt mitten im Krebsnebel und rotiert mit atemberaubender Geschwindigkeit um seine Achse.

Was die Sternengucker im Jahre 1054 gewahrten, war allerdings nicht dieser neue Stern, sondern die Detonation seines Vorgängers. Solche Supernova-Explosionen laufen immer in ähnlicher Weise ab. Sie treten ein, wenn ein sehr großer Stern den Brennstoff in seinem heißen Kern aufgebraucht hat. Nichts kann ihn dann mehr davor schützen, mit einem Mal in sich zusammenzufallen, während seine äußere Hülle in spektakulärer Weise ins All hinaus fliegt.

Je nach Masse des ursprünglichen Sterns bleibt im Zentrum ein Himmelskörper aus zusammengepressten Atombausteinen zurück, ein Neutronenstern, oder aber ein noch exotischeres Gebilde, ein Schwarzes Loch. Es ist so dicht, dass ihm nicht einmal mehr Lichtstrahlen entkommen können.

Supernovae sind milliardenfach heller als unsere Sonne. Sie stehen wie Leuchttürme am Himmel. Mit ihrer Hilfe können Astronomen riesige Entfernungen im Weltall abschätzen. Mit den noch glanzvolleren „Gammastrahlungsausbrüchen" könnte sich die Fernsicht jetzt noch einmal verbessern. Für qualitative Schlussfolgerungen ist es jedoch wichtig zu verstehen, wie viel Energie diese Blitze tatsächlich freisetzen.

„Es gibt inzwischen einige Hinweise darauf, dass die Lichtquellen die Energie nicht gleichmäßig, sondern nur in bestimmte Richtungen hin aussenden", sagte van den Heuvel. Ein solcher gebündelter Strahl traf wohl auch am 23. Januar 1999 auf der Erde ein. Er stellte jede Supernova in den Schatten und war so hell, dass man die Lichtquelle trotz ihrer enormen Entfernung noch mit einem einfachen Feldstecher am Himmel hätte erkennen können.

Wissenschaftler können nur darüber spekulieren, woher diese ungeheuren Energien kommen. Sie unterscheiden neuerdings zwischen zwei Arten von Ereignissen: sehr kurzen, heftigen Blitzen, die manchmal nur eine Hundertstel Sekunde dauern, und einem längeren Leuchten, das mehrere Minuten anhalten kann.

Möglicherweise werden wir bei den kurzen Blitzen Zeugen einer Verschmelzung eines Neutronensterns mit einem Schwarzen Loch oder zweier Neutronensterne zu einem Schwarzen Loch. Das deckt sich mit der Vorstellung, dass das Universum vor vielen Milliarden Jahren viel hitziger war als heute. Vor allem in den dichten Zentren der neu geborenen Galaxien vereinigten sich offensichtlich viele Sterne miteinander. Die anfangs noch kleinen Schwarzen Löcher im Galaxienkern wuchsen dadurch zu wahren Monstren heran.

Andreas Eckart von der Universität Köln hat beobachtet, dass Sterne im Zentrum unserer Milchstraße mit Geschwindigkeiten von bis zu 1400 Kilometern pro Sekunde um eine unsichtbare Quelle kreisen. Dort muss seinen Berechnungen zufolge eine Masse von drei Millionen Sonnen auf engstem Raum zusammengeballt sein.

„Heutzutage bleiben die Schwarzen Löcher in den Galaxien hungrig", sagte Günther Hasinger, Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching. „Es dauert viel länger, bis weiter außen gelegene Sterne in das Schwarze Loch in der Mitte der Galaxie hineinfallen. Früher, das sehen wir auf Aufnahmen, waren die Schwarzen Löcher 100- oder 1000 Mal aktiver." Von ihren damals üppigen Gelagen scheinen die Blitze noch heute zu künden.

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