Helmut Schmidt : Der Überzeugungseuropäer

Er sagt, es könnte seine letzte große Rede werden, da möchte er sie vor der SPD halten. So spricht Helmut Schmidt, der Staatsmann, vor den Delegierten in Berlin als einer von ihnen. Und er schenkt seiner Partei einen großen Moment: Wir können es – mit Raison.

Stephan Haselberger

Es wird über eine Stunde dauern, bis der Redner schließlich in seine Jackentasche greift, wo er die Tabakvorräte verwahrt, den Schnupftabak und die unvermeidliche Schachtel Reyno Menthol. Eine Stunde, in der er weit zurückblickt und weit nach vorn, während die da unten im Saal still sind, sehr still. Keine Bewegung in den Parteitags-Gängen, kein Geraune im Publikum, nur gebannte Aufmerksamkeit.

Es spricht Helmut Schmidt. 92 Jahre ist er alt, er sitzt im Rollstuhl. Aber sein Geist, der ist so frisch und klar, dass sich niemand seinen Worten entziehen kann. Der Altkanzler, der nicht nur in seiner Partei um so mehr Bewunderung erfährt, je älter er wird, hat ein langes Manuskript mitgebracht für seine Geschichtsstunde, eine Lektion in Verantwortungsbewusstsein. Sie dürfte vor allen Dingen der schwarz-gelben Regierung in den Ohren klingen. Denn was Schmidt, gestützt auf seine lange Lebenserfahrung und die Autorität des geachteten Staatslenkers und Krisenmanagers, zu sagen hat, lässt sich nicht einfach als plumpe Parteinahme wegwischen. Über so etwas ist er längst erhaben.

Schmidt beginnt mit einer sehr persönlichen Erinnerung. Als ihn die Einladung zum Parteitag erreichte, da habe er sich daran erinnert, wie er auf den Tag genau vor 65 Jahren „mit Loki auf dem Fußboden kniend Einladungsplakate für die SPD in Hamburg-Neugraben gemalt habe“. Nun aber sei er im Blick auf alle Parteistreitigkeiten „altersbedingt schon jenseits von Gute und Böse angekommen“. Ihm gehe es inzwischen um größere Fragen, um die Rolle „unserer Nation“ in Europa.

Deutschland und Europa. Das ist sein Thema in dieser Stunde, und man hat das Gefühl, da ziehe einer die Summe aus den Erkenntnissen eines langen politischen Lebens, um sie hier mit jenen, denen er sich politisch als „alter Sozi“ immer am nächsten gefühlt hat, zu teilen. Vielleicht wird diese Rede einmal als sein Vermächtnis gelten, dass es seine letzte große werden würde und er sie vor seiner Partei halten wolle, hat er ihrem Vorsitzenden Gabriel erklärt. Daraus wird ein Auftrag an die SPD, ein Appell an die Deutschen.

Seine Lehrsätze formuliert Schmidt mit knallharter Sachlichkeit, ohne ein einziges Mal laut zu werden. Sie sind abgeleitet aus der Geschichte Europas und Deutschlands Schicksal als Land im Zentrum des Kontinents. Schmidt will, dass die Deutschen es endlich verstehen: Seit dem Dreißigjährigen Krieg tobt der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie in Europa, und der zweite Dreißigjährige Krieg, der von 1914 bis 1945 dauerte, der ist noch gar nicht lange vorbei. Und auch jetzt, in der Europäischen Union des Jahres 2011, ist der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie, vorhanden und immer noch gefährlich. Denn die europäischen Partner sehen die Dominanz Deutschlands mit Misstrauen. Den Riesen im Zentrum einzuhegen, ist für den Redner das Ursprungsmotiv der europäischen Integration. „Wer dies nicht verstanden hat, dem fehlt eine unverzichtbare Voraussetzung für die Lösung der gegenwärtig höchst prekären Krise Europas“, mahnt der Redner.

Natürlich bleibt Schmidt, der Welterklärer, nicht an Europas Grenzen stehen. Als er in Hamburg geboren wurde, 1918, lebten zwei Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es sieben Milliarden. „Der ganze Rest der Welt ist explodiert, aber die europäischen Nationen überaltern und schrumpfen“, sagt er. Wenn Europa in dieser neuen Welt überhaupt eine Bedeutung behalten wolle, müsse es zu gemeinsamer Handlungsfähigkeit finden. Ansonsten sei nämlich nicht auszuschließen, dass nicht nur die einzelnen europäischen Staaten, sondern auch die „europäische Zivilisation insgesamt“ zur Randerscheinung würden.

Unten in der ersten Reihe sitzt Peer Steinbrück, eifrigster Schmidt-Eleve in der SPD und dessen Favorit im Rennen um die Kanzlerkandidatur. Steinbrück hat einen verzückten Ausdruck im Gesicht. Keiner in der Führungsriege klatscht so begeistert wie er.

Angela Merkels Name fällt nicht in Schmidts Vortrag, dafür oft der des großen Europäers Helmut Kohl. Und doch ist Schmidts Rede in ihrer Rationalität und ihrem historischen Pathos eine erbarmungslose Abrechnung mit dem Vorgehen der schwarz-gelben Koalition in der Schuldenkrise. Das liegt nicht nur daran, dass der Altkanzler Merkel in ganz zentralen Punkten direkt widerspricht: Die gemeinsame Verschuldung der EU-Staaten, gegen die sich Merkel stemmt, wird laut Schmidt „zwangsläufig unvermeidlich werden“. Und die Sparpolitik, die Berlin auch den anderen Ländern Europas vorschreiben will, vergleicht der Redner mit der Deflationspolitik Heinrich Brünings, die zu Massenarbeitslosigkeit und schließlich zum Niedergang der Weimarer Republik geführt hat. Dahinter steht der unausgesprochene Vorwurf der Geschichtslosigkeit, für die er die Kanzlerin verantwortlich macht.

Andere führende Vertreter der schwarz-gelben Koalition kanzelt Schmidt regelrecht ab: Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), Außenminister Guido Westerwelle und Wirtschaftsminister Philipp Rösler (beide FDP) bezichtigt er „schädlicher Kraftmeierei“. Kauder, weil der als „Deutschnationaler“, erklärt habe, in Europa werde künftig Deutsch gesprochen. Westerwelle, weil er glaube, fernsehgerechte Auftritte in Tripolis, Kairo oder Kabul seien wichtiger als enge Kontakte mit den europäischen Hauptstädten. Rösler, weil der meine, eine europäische „Transfer- Union“ in Europa verhüten zu müssen. Sie alle haben die Lektion aus der Geschichte nicht verstanden. Setzen sechs!

Es gab eine Zeit, da reagierte die SPD genau auf den Schmidt’schen Oberlehrerstil höchst allergisch. Denn damals, als Helmut Schmidt noch Kanzler war, nahm er sich gerne auch die eigene Partei vor. Deren ständiger Drang nach visionärem Überschuss war dem hanseatischen Rationalisten innerlich zutiefst zuwider.

Umgekehrt ertrugen viele Sozialdemokraten nur schwer seine schneidige, zuweilen arrogante Kommando-Politik, die Widerspruch kaum duldete. Der Publizist Günter Gaus schmähte den Kriegsteilnehmer im Kanzleramt deshalb seinerzeit als „Offiziersledermantel-Genossen“.

In der Halle des ehemaligen Postbahnhofs ist nichts mehr zu spüren von dieser Entfremdung. Je länger der Mann mit dem weißen Haarschopf zu den Delegierten spricht, desto mehr redet er sich hinein ins Herz der SPD. Natürlich sind die meisten Sozialdemokraten schon lange fest davon überzeugt, dass die verrückt spielenden Finanzmärkte von der Politik endlich kontrolliert werden müssen.

Dass nun aber auch Schmidt mit seiner ganzen Nüchternheit, seiner Lebenserfahrung und seinem Gespür für Geschichte davon spricht, eine „Herde von hochintelligenten und zugleich psychoseanfälligen Finanzmanagern“ spiele „ein Hasardspiel zulasten aller anderen Nichtspieler“ und müsse deshalb von den Europäern ganz dringend an die Leine genommen werden, das lässt alle Wunden der Vergangenheit vergessen machen. Nun beruft sich Schmidt sogar auf den linken Philosophen Jürgen Habermas. Der habe recht mit seiner Warnung, dass die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen Abbau von Demokratie erlebe. An das Europäische Parlament appelliert der Altkanzler deshalb, einen „Aufstand“ zu wagen gegen die Lobby der Banken. Er, der nie als Gefühlsmensch galt, fährt fort mit der Bedeutung von Emotionen in der Politik. „Wir brauchen Vernunft nicht allein, sondern auch ein mitfühlendes Herz gegenüber unseren Partnern“, meint er – und meint den Umgang mit Griechenland.

Es ist lange her, dass Helmut Schmidt zuletzt auf einem SPD-Parteitag gesprochen hat. Und vielleicht noch länger, dass man die Nähe zwischen ihm und der SPD so stark spüren konnte. Er ist eben doch immer Sozialdemokrat geblieben. Und am Ende sagt er es deutlich. „Wir Sozialdemokraten“ seien seit über 100 Jahren „internationalistisch gesonnen“ – und das „in viel höherem Maße als Generationen von Liberalen, Konservativen oder Deutsch-Nationalen“. Auch als alter Mann halte er immer noch fest „an den drei Grundwerten des Godesberger Programms: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“.

Keine Bewegung in den Parteitags-Gängen, kein Geraune im Publikum, nur gebannte Aufmerksamkeit – auch nach einer Stunde ist es noch so still wie zu Beginn dieses Auftritts. Dann legt Helmut Schmidt sein Manuskript zur Seite. Sein letzter Satz ist ein Aufruf gewesen, dafür zu kämpfen, dass die „historisch einmalige Europäische Union aus ihrer gegenwärtigen Schwäche standfest und selbstbewusst hervorgeht“.

Die Bodyguards vom Bundeskriminalamt schieben Schmidt in seinem Rollstuhl noch kurz Richtung Bühnenrand. Unten im Saal sind die Genossen aufgestanden, beseelt und ergriffen. Sie haben eine Gewissheit geschenkt bekommen von dem alten Mann: Wir, die SPD, können es besser. Minutenlang zollen sie ihm ihren Respekt, auch dann noch, als Schmidt die Bühne längst verlassen hat und unter ihnen in der ersten Reihe angekommen ist.

Der Mann im Rollstuhl verzieht keine Miene. Er gibt nicht zu erkennen, ob ihn die Welle von Sympathie innerlich bewegt, die durch den Saal rollt. Wahrscheinlich schon.

Beim Ausscheiden des legendären Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner hatte Schmidt ein paar kurze Worte des Dankes gefunden. „Lieber Herbert, auch wenn Du es nur bärbeißig wirst anhören wollen, möchten wir die Gelegenheit ergreifen, dir einmal öffentlich Danke zu sagen. Es ist nicht nur Respekt und nicht nur Solidarität, die wir empfinden, sondern es ist auch Zuneigung, und ja, Liebe ist es auch.“

Unten in der ersten Reihe zündet sich Helmut Schmidt endlich seine Reyno an. Jetzt gerät der Parteitag völlig aus dem Häuschen.

Ja, Liebe ist es auch.

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