Helmut Schümann : Der gnädige einarmige Bandit

Die Zeiten sind schlecht. Die beste aller Welten ist nicht mehr. Und wo bleibt das Gute. Das hat unser Kolumnist diesmal in Bochum am Glücksspielautomaten entdeckt.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Es geht Ihnen doch auch so: Ich schlage in der Früh meine Zeitung auf, die selbstredend die ist, die Sie in der Hand halten. Oder ich habe die Online-Nachrichten meines Vertrauens angeklickt, die selbstredend nur die sind, auf deren Website Sie gerade scrollen. Oder ich habe am Vorabend Nachrichten geschaut, Radio gehört, was auch immer. Das Resultat ist immer das gleiche: Es gruselt einem vor dieser Welt in diesen Tagen. Sie ist nicht mehr die beste aller Welten, die wir je hatten. Vielleicht war sie es noch nie, aber dass sie besser war als die heutige, ist unbestritten. Es wird gebombt und geschlachtet, geköpft und die Menschlichkeit verleugnet. Es wird annektiert und gelogen, so wirr ist diese Welt, dass selbst seriöseste Menschen auf Panik machen und eine europäische Kriegsgefahr heraufbeschwören. So dieser Tage geschehen in einer Frankfurter Tageszeitung nebst Online-Auftritt. So wirr ist diese Welt, dass selbst überzeugteste Pazifisten zu den Waffen greifen (zumindest die Waffenergreifung verstehen), obwohl sie doch wissen, dass Waffen niemals Frieden schaffen. So geschehen hier in diesem Moment.

Und wo bleibt das Heil, das Gute und Schöne, wenigstens etwas Lustiges, etwas zum Schmunzeln, das ein wenig aufhellt in diesen Tagen, die ja nun auch klimatisch bedingt wieder dunkler und düsterer und nasser werden?

Das Glück des einarmigen Banditen

Das kommt diesmal aus Bochum. Einer Stadt, die trotz Grönemeyer und Currywurst nicht so sehr prädestiniert ist für die Heiterkeit des Lebens. Ein Mann dort wurde verurteilt, wegen irgendetwas eine Geldstrafe in Höhe von 710 Euro zu zahlen. Er konnte nicht bezahlen, vielleicht wollte er auch nicht, es gibt Indizien, das Letzteres stimmt oder beides. Ein Haftbefehl wurde ausgestellt. Der Mann sollte für 71 Tage ins Gefängnis. Ein Tagegeld von zehn Euro spricht nicht dafür, dass der Mann seine Tage ansonsten auf der Sonnenseite verbringt.

Bei einer Personenüberführung stellten Zivilpolizisten fest, dass die überprüfte Person der gesuchte Mann ist. Die Routinekontrolle fand in einem Spielsalon statt. Der Mann stand an einem Spielautomaten und daddelte. Es bietet sich hier an, den Spielautomaten „einarmigen Banditen“ zu nennen. Als die Beamten den Mann abführen wollten, blinkte der „Bandit“ und spuckte 1000 Euro aus. Der Mann zahlte sofort seine Schuld und hatte einmal Glück im Leben. Dies ist kein Plädoyer für Glücksspiel. Die gehen selten gut aus. Schon mal gar nicht das russische Roulette, das die Welt gerade spielt.

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