Helmut Schümann : Frühling - Jaaaaaa! Jaaaahaaaa!

Helmut Schümann HP mit Kontur

Ja! Jaaaaaaa! Jaaaaaahaaaaa! Ja! Ja! Ja! Endlich, endlich! Es ist vollbracht! Wir haben es geschafft! Wir haben überlebt! Vom Eise befreit sind Menschen und Fahrradwege! Ahh! Ohh! Mhmm! Veronika, der Lenz ist da, die Mädchen singen tralala! Und die Jungen singen tralala. Die Alten auch. Und die Mittelalten? Die singen tralala. „O schüttel ab den schweren Traum / und die lange Winterruh; / es wagt es der alte Apfelbaum / Herze, wag’s auch du!“ Um Fontane zu Wort kommen zu lassen. Ja! Jaaaaaaaaaa! Jaaaaaaaahaaaaaa! Ja! Ja! Ja! Temperaturen über dem Zehngradpunkt, wann hat es das zuletzt gegeben? Serotonin, Dopamin, schüttet euch aus vor Freude, es werde Licht, es ward Licht. Hasen, die springen, Lerchen, die singen, werden sicher den Frühling bringen. Bauernregel. Die Hasen springen, die Lerchen singen, er ist da. Hei, wie das Fahrrad surrt, wie die Haare flattern, von der Mütze befreit. Handschuh, dein Verbleib sei die Mottenkiste. Dicker Mantel, lange Unterhose, eurer auch. Hinfort mit euch. Welch ein Jubel, welch ein Tirilieren! Seid gegrüßt, ihr Sumpfdotterblumen, du Wiesenschaumkraut! Ja! Ja! Jawoll!

Die drei am häufigsten zu hörenden Wörter des gestrigen Tages? Erstens: Ahh (langgezogen). Zweitens: Endlich (geseufzt, also: ääähndlich). Drittens: Herrlich (oft mit dem Zusatz, ist es nicht herrlich?)!

So ist es: Aaaaahääähndlichherrlich! Menschen auf den Straßen und Plätzen, Menschen mit erkennbaren, weil unvermummten Gesichtern. Lachende Gesichter, befreite Gesichter. Nun wird alles wieder gut. „Frühling soll mit süßen Blicken / mich entzücken und berücken“, forderte schon Brentano. Ist es nicht wie das ersehnte Herausfinden aus der Ödnis, wie das Auftauchen aus dem schwärzesten Loch der Depression, wie das Erwachen nach komatöser Starre, wie ein Ruck nach Stillstand? Aber nun wollen wir mal nicht gleich politisch werden nach ein paar Sonnenstrahlen. Ruck? Bewegung? Aufbruch? Wer denn? Wann denn? Wo denn? Weil, ist ja kein Herausfinden, Auftauchen, Erwachen, kein Ruck. Ist ja nur eine Jahreszeit, die ein wenig Wärme bringt und laut Heine „Jasmin und Röselein, / Und Veilchen und duftige Kräuter, / Und Sellerie für den Bräutigam / Und Spargel für das Bräutchen.“ Und ist dann doch so viel mehr, nämlich die Botschaft und Kunde, dass es irgendwo da draußen ein besseres Leben geben muss als das in grau und unter der Eisdecke. Danke, Frühling! Danke, Sonne! Danke, Thermometer!Helmut Schümann

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