Zeitung Heute : HELSINKI

Karelien war hart umgekämpft. Russische und schwedische Herrscher hatten sich den schmalen Landstrich jahrhundertelang gegenseitig streitig gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel ein Teil des Gebiets zwischen Ostsee und Weißem Meer an Finnland. Weitere Konflikte waren vorprogrammiert. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs besetzte die Rote Armee Karelien, musste sich dann allerdings wieder zurückziehen. Das Land blieb geteilt.

In den neunziger Jahren wurde die Grenze durchlässig. Mit dem Ende der UdSSR siedelten viele finnischstämmige Bewohner Kareliens in ihre alte Heimat über. Auch Viktor Kärppä, die Hauptfigur in den Krimis des Schriftstellers Matti Rönkä, verlässt sein Elternhaus in Sortavala, um sich in Finnland eine neue Existenz aufzubauen. Leicht ist es nicht. Im sowjetischen Teil Kareliens hatte er sich nie richtig zu Hause gefühlt, und in Helsinki gilt er als „Halbrusse“ mit zweifelhaftem Charakter. Kärppä versucht, das Beste daraus zu machen. Er gründet ein Detektivbüro und hilft Einwanderern bei der Suche nach Angehörigen.

Nebenher erledigt er auch mal Botengänge für die russische Mafia. Die Demarkationslinie zwischen Gut und Böse hat Kärppä in Rönkäs Debüt „Der Grenzgänger“ selbst festgelegt: „Ich töte nicht, schlage nicht und raube nicht, aber wenn ich bei Dingen helfen soll, durch die ein Staat oder ein reicher Mensch ein bisschen weniger einsackt, dann bin ich dabei.“ Diese Robin-Hood-Mentalität muss Kärppä allerdings bald wieder aufgeben. In Rönkäs zweitem Roman „Bruderland“ wird er kurzerhand vom Privatdetektiv zum Kleinkriminellen degradiert. Der neue Viktor Kärppä ist der Prototyp eines umtriebigen Migranten mit profunden Kenntnissen der finnisch-russischen Schattenwirtschaft: ein Hehler.

Damit läuft der Finne Matti Rönkä zur Höchstform auf. Er ist geradezu besessen von der Mikroökonomie des kleinen Grenzverkehrs und der Welt der Schieber, Schmuggler und Schwarzhändler. Während Viktor Kärppä versucht, sich die Drogenfahndung vom Hals zu halten, besorgt er schnell noch gefälschte Papiere für eine Handvoll Landsleute aus Karelien und vermittelt sie gegen Provision als Handlanger auf die Baustellen in Helsinki, und er betreibt im Internet einen schwunghaften Handel mit schrottreifen Wolgas aus der Sowjetzeit, um gleichzeitig für seine fragwürdigen Kumpels gestohlene Audis inklusive elektronischer Wegfahrsperre nach Russland zu überführen. Und er kommt immer durch damit.

KOLJA MENSING

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben