Henning Harnisch im Interview : „Es fühlte sich richtig an“

Nach dem Ende seiner Sportlerkarriere ging Basketballer Henning Harnisch spontan an die Uni. Er studierte Kulturwissenschaft an der HU.

Henning Harnisch (41) ist Sportdirektor des Profi-Basketballteams Alba Berlin. 1985 bis 1998 spielte er dort als Profi. Bis 2004 studierte er in Berlin an der HU und der FU.
Henning Harnisch (41) ist Sportdirektor des Profi-Basketballteams Alba Berlin. 1985 bis 1998 spielte er dort als Profi. Bis 2004...Foto: Heike Zappe

Henning Harnisch, welches Bild von der Humboldt-Uni ist Ihnen in Erinnerung?

Es ist dieser Gang zum Institut: Mit dem Fahrrad zu den Hackeschen Höfen, Richtung Sophienstraße, durch die Touristenströme, durch dieses leicht Künstliche. Dann in diese ruhige Straße hinein, Richtung Institut. Es ist eher Alltag, der aber auch sehr bestimmend war.

Haben Sie in Ihrer Zeit als Profisportler Eigenschaften entwickelt, die Sie prägten?

Ich habe in diesem Mannschaftssport ein Medium gefunden. Sich darin wohl zu fühlen, bringt einem die Erfahrungen und die Ruhe, auch andere Sachen anzugehen. Man neigt heute dazu, Sekundärbegriffe wie Leistung, Wettkampf und Erfolg zu wichtig zu nehmen. Kinder sollten deswegen Sport machen, quasi als eine Art Dauerpraktikum für die harte Wirtschaftswelt. Aber welche Qualität im Spiel liegt und welche Freude man haben kann, das kommt oftmals zu kurz.

Sie haben sich 13 Jahre lang diesem Medium hingegeben. Wie kommt man davon wieder los?

Bei mir war es immer ein Spiel. Ich habe mich dem mit allem, was ich hatte, ausgeliefert. Profisport bietet einem ja auch die Möglichkeit, dass man ein Stück weit seine Kindheit verlängern kann: Spaß haben, Spielen, Rumschreien, auch körperlich werden. Aber wenn man das jeden Tag macht, Jahr für Jahr, dann lebt sich das irgendwann aus.

Wann haben Sie gemerkt, dass es vorbei war?

Das war ein Prozess, das hat zwei, drei Jahre gedauert. Ich habe gemerkt: Eigentlich möchtest du anders leben. Der Profisport hat ja noch einen riesengroßen Vorteil: Der Tag, das Leben, ist sehr gegliedert, aber man hat viel Freiraum nebenher, um zu lesen. Das habe ich exzessiv betrieben in meiner Sportlerkarriere.

Was haben Sie so gelesen?

Sehr viel zeitgenössische Literatur, Amerikaner, Theorie ausgehend von der Poptheorie, französische Philosophen und sehr viel „cultural studies“-Sachen, kreuz und quer. Alles mit großer Lust und Aufregung.

Daraus entwickelte sich die Idee, eine neue Leidenschaft zu einem Beruf zu machen?

1998 lief mein Vertrag bei Alba aus, es gab Angebote aus dem Ausland, das hat mich auch gereizt. Dann hatte ich ein langes Gespräch mit dem Manager von Alba, Marco Baldi, ob ich dort weiterspiele. Während des Gespräches kam es dazu, dass mir klar wurde: Eigentlich möchte ich aufhören. Und von da an „schwebte“ ich. Es fühlte sich richtig an.

Und „Flying Henning“ flog 1998 direkt an die Uni?

Es war Sommer, und ich musste ganz schnell sein mit dem Einschreiben. Für mich war die Richtung klar, bei den Kulturwissenschaften hatte ich vorher als Gasthörer Veranstaltungen besucht. Film war für mich auch ein Thema. Und so schaute ich, ob man das zusammen studieren kann. Zum Wintersemester 1998 fing ich an der Freien Universität an Filmwissenschaften zu studieren und an der Humboldt-Uni Kulturwissenschaften. Ich wollte sehen, wie das wäre, wenn man mal richtig Zeit hat, mit der Theorie strukturiert umzugehen.

Haben Sie den Altersunterschied zu den Kommilitonen im Studienablauf gespürt?

Nicht nur, dass ich wahrscheinlich im Schnitt zehn Jahre älter war, ich hatte auch schon diese eigene Biographie, eine Geschichte. Da reinzukommen und diese Abläufe zu verstehen, war schwierig. Dennoch hatte ich noch nicht diesen Status eines „Rentner-Studenten“.

Aber Sie hatten ja schon Familie.

Das erste Kind kam im zweiten Semester, das zweite im achten, allein das bricht mit dem Alltag von vielen anderen Studenten. Es gibt eine Verantwortungsebene, beziehungsweise ein Element, das die anderen so nicht haben.

War denn Ihr Abitur gut genug, um einen Studienplatz zu bekommen?

Ich hatte etliche Wartesemester, ich glaube zwanzig (lacht), und die haben mir sehr geholfen, als ich diesen hohen Numerus Clausus überwinden musste. Bei 20 Wartesemestern hat man einen Abi-Durchschnitt von 3,0 ausgeglichen.

Sie haben einen Magisterstudiengang an zwei Unis gewählt. Wie muss man sich Ihren Studienalltag vorstellen?

Ein Grundreiz von Berlin ist für mich, dass die Stadt so unterschiedlich ist. Der Alltag war bestimmt von vielem Hin- und Herfahren von Steglitz nach Mitte, strukturiert durch die Vorlesungen, Seminare, aber auch vom Drumherum, in den Cafés abhängen, in den Bibliotheken, systematisch Filme gucken. Allerdings wird man so durchgeschleust, ohne dass die Uni einen eigenen sozialen Ort schaffen würde und dass die Studenten das selber nicht hinbekommen. Es fehlte mehr Miteinander außerhalb von diesen klassischen Dingen wie Seminaren und Vorlesungen.

Als Mannschaftssportler waren Sie ein Teamplayer. Kollidierte das auch mit dem Aufbau des Studiums?

Das stimmt. Wenn man einmal Mannschaftssportler war, sucht man sich seine Mannschaft. Die Uni ist nicht der Ort, der das aus sich selber heraus herstellt. Jeder muss sehen, wo er bleibt; was ja auch zur heutigen Zeit passt: Krempel deine Ärmel hoch! Setz’ dich durch! Krieg’ das hin! – Ich fand eben immer Sachen gut, wo es über das Einzelne hinausging.

Gab es unter den Dozenten Persönlichkeiten, die Ihrer Auffassung entsprachen?

Wer für mich gerade in diesem kulturwissenschaftlichen Studium sehr wichtig war, als Hochschullehrerin, war Karin Hirdina. Es hat großen Spaß gemacht, dort ein Gegenüber zu haben, die die Perspektive der Studierenden ernst nimmt, fördert, aber auch einfordert. Durch sie habe ich eine Systematik, wie die Ästhetik funktionieren kann, kennen gelernt.

Und als Pendant im anderen Fach?

Bei den Filmwissenschaftlern war das die Professorin Gertrud Koch, eine Grande Dame. In ihren Vorlesungen kam ich ins Schwärmen. So habe ich mir das immer vorgestellt, wie intellektuelle Menschen sind. Ihnen beim Denken zusehen und wie sie artikulieren, ist sehr faszinierend!

Sie haben während des Studiums ein einjähriges Tutorium geführt. Beim Thema „Das Ästhetische im Sport“ assoziiert man Leni Riefenstahl oder Werbespots von Sportbekleidungsherstellern ...

Es stellt sich die Frage: Inwieweit ist der Sport selber ästhetisch zu begreifen? Was passiert, wenn die Medien sich einschalten? Danach entstehen Wechselwirkungen, und man kommt vom Ästhetischen schnell auch in Richtung Ästhetisierung. Dafür ist Leni Riefenstahl mit ihrem Olympia-Film beispielhaft. Wir haben uns eine Art theoretisches Rüstzeug gegeben, um dann selber an Orte des Sports zu gehen.

Sie kamen aus der Praxis und befassten sich dann jahrelang ausschließlich mit Theoretischem.

Ich habe irgendwann eine wahnsinnige Praxissehnsucht bekommen. Ich wollte selber Filme machen und merkte, man hat null Handwerkszeug dafür. Wie kann man über das Medium Film reflektieren, wenn man noch nie selber Licht gesetzt hat? Ich habe dokumentarische Versuche gemacht und einen Kurzfilm. Zudem habe ich regelmäßig für die „Tageszeitung“ geschrieben über Basketball und Sport, auch über Sportliteratur. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass die Theorie mehr zu tun hat mit der Praxis.

Eine Stadt wie Berlin bietet allerhand Ablenkung vom Studieren.

Studieren in Berlin funktioniert komplett anders als in einer Universitätsstadt wie Marburg oder Tübingen. An der HU ist man Teil der Stadt. In dem Augenblick, wo man aus dem Institut rausgeht, ist man Teil dieser Metropole. Die Uni ist kein Identifikationsmedium wie das amerikanische College. Das schaffte eine Grundstruktur, aber es schafft nicht so einen Spirit: „Ich, der Humboldt-Student, gehe als Humboldtianer durch diese Unizeit.“

Ihre Magisterarbeit haben Sie über „Film als Architekturkritik“ verfasst. Trotz Ihrer Abschlussnote von 1,0 wollten Sie nicht in der Wissenschaft bleiben, sondern gingen zurück in Ihr gewohntes Metier, zunächst als Teamchef der Albatrosse, jetzt als Sportdirektor.

Das Schöne ist, dass ich mir durch dieses Studium Generale theoretisches Rüstzeug für meine jetzige Tätigkeit aneignen konnte. Das hilft mir total. Jetzt ist es gerade so, dass mir ein bisschen Theoriefutter fehlt. Aber wir haben eine außeruniversitäre Arbeitsgruppe bei uns, Leute mit einem akademischen Hintergrund, die im Basketball in unserem Jugendprogramm arbeiten. Wir treffen uns, lesen Kulturtheorie und denken darüber nach, was Sport in Deutschland ist oder sein könnte.

Sie haben zu Beginn des Jahres innerhalb einer Ringvorlesung an der HU gesprochen zum Thema „Werkstattbericht – Alba Berlin als Sportverein. Oder wie der Sport dringend neue Begriffe braucht“.

Da ging es nicht um ästhetische Dinge, sondern konkret darum, dass wir versuchen, eine aktive Rolle zu spielen in der Stadt. Was passiert, wenn der Profisport versucht, in der Innenstadt ein Kinderprogramm aufzubauen? Bei Themen wie Schulsport und Jugendtrainer merke ich, dass 90 Prozent der Menschen, mit denen ich darüber rede, ein leeres Gesicht bekommen. Das muss man ernst nehmen. Man muss neue Begriffe finden.

Haben Sie Ambitionen, diese Gespräche fortzusetzen?

Ja. Die Universität ist kein abstrakter Ort und die Stadt auch nicht, das wird gelebt. Ich glaube, es geht immer darum, wie man ein Miteinander herstellt und aus diesem doch sehr geschlossenen System Universität herauskommt und es öffnet in Richtung Stadt. Es gibt eine Kooperation zwischen Alba und der Humboldt-Uni, wo wir am Sportwissenschaftlichen Institut Trainer ausbilden. Außerdem berate ich mit dem Sportsoziologieprofessor Sebastian Braun, wie wir gemeinsam arbeiten können. Wir sind uns inhaltlich und räumlich sehr nah.

Wie stellen Sie sich ein ideales Hochschulstudium vor?

Das hat wenig mit der Realität zu tun. Es ist bestimmt durch kluge Lehrer, die Möglichkeiten und Lerntechniken schaffen, dass man versteht, was das Tolle am Studieren ist: einlesen, weiterlesen, schreiben lernen, denken lernen. Ein Studium, das nicht grundsätzlich bestimmt ist über Module, Scheine, Praktika und Praxis im Sinne von Vorbereitung auf das Berufsleben. Aus meiner Sicht funktioniert das so nicht.

Wie sollten junge Leute nach der Schule ihr Leben anpacken, ob in der Uni oder außerhalb?

Man müsste eigentlich fragen, wie sich Leute heutzutage aufrüsten sollen. Es geht ja schon los in der Vorschule mit der ersten Fremdsprache. Ich wünsche jedem, dass er sich ein Stück weit frei machen kann von diesem Druck, der da aufgebaut wird. Als ob 17 Praktika mehr dazu führen, dass Dinge wahrscheinlicher werden. Es sollte möglich sein, dem näher zu kommen, wie die Welt funktioniert und was wirklich wichtig ist. Darum geht es doch: Leidenschaft und Spaß an Dingen entwickeln, weit weg davon, ob man sich damit aufrüstet als Arbeitskraft.

Das Gespräch führte Heike Zappe.

Mehr Interviews im Internet: www.hu-berlin.de/alumni/prominente/interviews

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