Zeitung Heute : Henze oder Katze?

MEIN KLASSISCHES LEBEN

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Von Christine Lemke-Matwey

Neulich am kalten Buffet. Apropos, kalte Buffets, sind die nicht längst ausgestorben, wie Umweltschutz, ABBA oder Bundfaltenhosen? Nun, es gibt sie noch, sie heißen nur ein wenig anders, nämlich Hot and Cold Fingerfood oder Stand-by-Dinner. Neulich also, die Uraufführung von Hans Werner Henzes zehnter Sinfonie in Luzern durfte als gelungen betrachtet werden, in den Fenstern der kleinen Stadt brannten Lüster mit blutroten Kerzen, und der Mond grinste schief über dem Vierwaldstättersee – da entdeckte ich die Lösung meines klassischen Kernproblems. Denn wie um alles in der Welt die Partitur der Sinfonie, das Programmbuch zur Sinfonie, Henzes Werkverzeichnis, mehrere aktuelle Luzerner Festival-Prospekte, drei pressfrische Geschenk-CDs, mein feuchtes Badezeug sowie eine Magnum-Tafel Schweizer Schoggi unauffällig mit mir führen, in alle Richtungen wendigst Smalltalk treiben – und trotzdem noch Bündnerfleisch, Chäsküechli und ausreichend Wein fassen? Unmöglich, befand der Schweizer an sich, und ertüftelte ein weißes, käselochgroßes Plastikteil, das auch als Hüft- und/oder Sockenhalter taugt. In diesem Fall diente es allerdings dazu, am Tellerrand festgeclipst zu werden und ein Glas zu arretieren. Superpraktisch.

Ich habe mir also mein Material zwischen die Knie geklemmt und mein Glas erfolgreich arretiert, da strebt Herr W., ehedem Berlin, auf mich zu. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, so derangiert sieht er aus: dunkelviolett um die Augen, durchgeschwitzt bis in die Haarspitzen. Lieber Herr W., rufe ich ihm entgegen, keine Sorge, die haben hier das Problem gelöst, und schwenke triumphierend mein Weinglas mit angebissenem Chäsküechli dran. Nee, nee, ächzt Herr W., ehedem Berlin, darum geht es nicht. Worum denn dann, flöte ich und angle mir noch zwei Krabbenspießli. Um Simon Rattle etwa, der der leibhaftige Anlass der Henze-Sinfonie sein soll – und wie es wohl ist, sich höchstpersönlich in Töne gesetzt zu finden? Stellen Sie sich vor, lieber W., Ihr Herz ein Orgelpunkt, Ihre Niere ein Bassschlüsselchen, Ihr Dickdarm ein Crescendo, Ihr Rückgrat ein Dominantseptakkord! Überhaupt: Wie finden Sie die Sinfonie? Herr W. wischt sich den Schweiß von der Stirn: Gar nicht, psst. Gar nicht? Nee, morgens um sechs in Südfrankreich losgefahren, oder eben nicht, sondern erst morgens um neun, und hier unglücklich eingetroffen, als die Kerzen brannten und der Mond grinste. Unser Kater war weg. Spurlos verschwunden. Drei Stunden lang. In Südfrankreich. Henze oder das Tier.

Das habe ich dem armen W. dann nicht gesagt, aber ich finde es schön, dass auch andere Menschen gelegentlich ein Kernproblem haben. Und wer weiß, vielleicht dient das besagte, käselochgroße Plastikteil demnächst ja auch als Katzenhalter?

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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