Zeitung Heute : Her mit dem schönen Leben

Der Tagesspiegel

Von Christoph Villinger

Hoffentlich bald wieder in Lohn und Brot, so träumen viele Arbeitslose. Doch einige Friedrichshainer Erwerbslose haben andere Träume. Lohnarbeit verbinden sie mit „keine Kraft mehr für eigene Gedanken, Aktivitäten und Schmusen, statt dessen Suff, Angst und Resignation“. Vor Jahren gründeten sie ihren Verein „Die Hängematten“, ihr Motto „Her mit dem schönen Leben“. Die Forderung nach „Arbeit für Alle“ geißeln sie. Das sei ein „sich dem System von Lohnarbeit und Ausbeutung Unterwerfen“.

Als faul in der Hängematte liegend empfindet sich die 39-jährige Anne Seeck aber gar nicht. „Wir Hängematten leisten jede Menge ehrenamtliche Arbeit, die nicht honoriert wird,“ sagt die gelernte Diplompädogogin, die nach mehrmaliger Arbeitslosigkeit inzwischen von Sozialhilfe lebt. Dabei werde doch so viel vom Ehrenamt geredet. „Uns Arbeitslosen fällt doch auch die Decke auf den Kopf“, nennt sie als Motivation dafür, dass sie sich seit 1997 mit zehn Mitstreitern in der Erwerbsloseninitiative „Hängematten“ in Berlin-Friedrichshain engagiert. Ihr Ziel: Eine Grundsicherung für alle in Höhe von 800 Euro plus Warmmiete, ohne Zwang zur Arbeit. Oder einen öffentlichen Nahverkehr zum Nulltarif. Zu den Themen bieten sie häufig Diskussionsrunden an, aber da kämen nie viele Besucher.

Seit 1998 bieten die „Hängematten“ im Stadtteilzentrum „Zielona Gora“ Beratungen für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger an, oder offene Treffs für Erwerbslose mit Kaffee und Keksen. Zwei der „Hängematten“ wurden von der Kreuzberger-Friedrichshainer Bezirksverordnetenversammlung in den Widerspruchsausschuss des Sozialamts gewählt. „Dort werden die unklaren Fragen behandelt“, sagt Dieter Hoch, 49 Jahre alt und arbeitsloser Redakteur. Etwa ob das Sozialamt oder der Sozialhilfeempfänger einen ungewollten Kabelanschluss bezahlen muss. Wichtiger wäre ihm, gegen die Pflicht zur „gemeinnützigen Arbeit für Sozialhilfeempfänger“ vorzugehen. Aber die sei Gesetz, an der könne er nichts ändern. Jedenfalls nicht allein. Doch auch von der Gesamtheit der Berliner Erwerbslosen – etwa eine viertel Million Menschen - gehe kein Druck aus. „Die Menschen ohne Job sind meist sehr fatalistisch“, sagt Seeck. Das protestantische Arbeitsethos sei sehr tief in den Köpfen verankert. Deshalb, so Seeck, werde eine „Grundsicherung für Arbeitslose sofort mit Finanzierung von Faulheit assoziiert“. Stattdessen solle man das kreative Potenzial sehen, das dabei freigesetzt werden kann.

Künftig möchten sich die „Hängematten“wieder mehr in die aktuellen Diskussionen in der Stadt einmischen. Geplant ist zur Zeit an jedem dritten Freitag im Monat eine Diskussionsveranstaltung im Stadtteilladen. Auf der nächsten am 15. März sollen Aktionen und Strategien gegen die Sparpolitik des Senats diskutiert werden, so Anne Seeck. Und überhaupt: „Bei den aktuellen Berichten rund um die Arbeitslosigkeit, fehlen doch völlig die Fragen nach dem Inhalt, der Bezahlung und dem Sinn von Arbeit.“

Hängematten in der Grünberger Straße 73, Telefon: 030 / 29 00 68 08.

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