Herausforderungen mit Handicap : Miteinander statt Mitleid

Drei Frauen und ein Mann mit Handicap erzählen, was sie sich von anderen wünschen – und wofür sie jeden Tag aufs Neue kämpfen

Bojan Krstulovic
Silja Korn
Silja KornFoto: mauritius images

„Wir sollten von den Kindern lernen, mit Behinderung natürlich umzugehen.“



„Im Januar 2000, als wir wegen des Datums noch um unsere Computer fürchteten, hatte ich meinen persönlichen Systemabsturz.“ Im 40. Lebensjahr erkrankte Annette Kreis an Enzephalitis. Woher das Virus kam, weiß sie bis heute nicht. „Ich habe es mir immer so zurechtgelegt, dass mich jemand in der U-Bahn angeniest haben muss. Am nächsten Morgen konnte ich nicht mehr aufstehen.“ Die Journalistin ist seitdem querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. „Wenn ich das erzähle, fangen die Leute fast an zu weinen und ich muss sie noch trösten. Dieses Mitleid ist mir unangenehm und hilft keinem.“

Die Kreuzbergerin konnte wegen des Rentenrechts nicht weiter als Selbständige arbeiten. Sie ringt mit der Krankenkasse, mit dem Jugendamt. „Die größte Herausforderung ist es, als Behinderte Anerkennung zu finden, das Kind trotzdem erziehen zu können und für mich selbst Verantwortung zu übernehmen. Das ist für mich Teilhabe.“ Der Vater hat erst nach Annettes Erkrankung wieder Kontakt zu seinem Sohn, sieht ihn nun regelmäßig. „Janosch war damals drei. Er ist sehr selbständig. Ich musste aufpassen, dass er trotzdem Kind bleibt und nicht den Beschützer spielt. Er sollte sich nicht gedrängt fühlen, zu Hause die Verantwortung zu übernehmen.“

Mutter sein ist für sie eine Selbstverständlichkeit, Anerkennung aber nicht. „Mir fehlt, dass jemand sagt: Mensch, Dein Sohn ist aber gut geraten, trotz Rollstuhl. Ja, das soll man ruhig aussprechen. Wie es die Kinder machen, wenn sie mich fragen: Warum läufst du nicht? Ihre Mütter ziehen sie dann weg. Wir sollten von den Kindern lernen, mit Behinderung natürlich umzugehen.“

Annette rollt ein Stück nach links, zurück in die Sonne, und streicht sich das Haar aus dem Gesicht. „Sagt bitte nicht, wir seien an den Rollstuhl gefesselt. Ich bin froh, dass Rollstühle erfunden wurden. Ansonsten wäre ich wirklich gefesselt, aber ans Bett. Der Rollstuhl gibt mir meine Freiheit.“

„Ich möchte als Beispiel wirken, über den eigenen Schatten zu springen.“

„Als ich blind wurde, erhielt ich Mobilitätstraining. Ich bin da manchmal stundenlang an der Straße gestanden, und wenn mir jemand hinüber helfen wollte, winkte ihm meine Trainerin entgegen: Ich musste selber lernen, zu fragen. Ich stand und stand, irgendwann habe ich mich überwunden, aber dabei ganz hektisch und laut geredet.“

Auch jetzt redet Silja Korn schnell, doch mit reicher Melodie in der fröhlichen Stimme. „Zuerst habe ich mich als Opfer gesehen und gedacht, die Menschen müssen auf mich zukommen und mir helfen. Irgendwann wurde mir klar, dass meine Behinderung sich nie ändern wird. Also musste ich selbst etwas tun. Ich beschloss, dass ich Erzieherin werde.“

Die Berlinerin setzte sich über Hindernisse hinweg, über Vorschriften, die dies nicht vorsahen, und über Bevormundungen durch vermeintlich gute Ratschläge. „Mein Lebensmotto ist: Höre nicht nur auf andere, sondern auch auf dich selbst. Wenn ich dann einmal etwas angefangen habe, mache ich weiter bis zum bitteren Ende.“ Sie lacht kurz, energisch. „Ich habe gemerkt: Wenn ich fest hinter meiner Idee stehe, mich nicht als Opfer fühle, dann werden mir Hände gereicht.“

Die 45-Jährige spricht über Widerstände – mit der Heiterkeit einer Siegerin. „Mir wurde alles abgesprochen: dass ich Frau bin, heiraten darf. Als ich schwanger wurde, haben mich viele Menschen merkwürdig angeschaut, das spürt man ja. Manche haben mich sogar angesprochen, und meinem Mann haben sie gesagt: Wie kannst du nur eine Blinde schwängern.“

Silja ist ihren Weg gegangen. Sie wünscht sich, dass Menschen mehr auf sie zugehen. Und sie tut dafür das Ihre. „Ich möchte als Beispiel wirken, über den eigenen Schatten zu springen. Wenn ich male, fotografiere, ist das Austausch mit den Leuten. Sie verlieren ihre Hemmungen, sehen in mir mehr als die Blinde. Wenn wir uns nicht in der Öffentlichkeit zeigen, wie soll man wissen, dass es uns gibt?“

„Ich möchte nicht immer ,Bitte’ und ,Danke‘ sagen müssen, bei jedem Handgriff ein schlechtes Gewissen haben.“

„ ,Theologie? Was wollen Sie denn damit?‘ hat mich einmal ein Wiener Professor gefragt und dabei das ,Sie‘ betont. Das gibt es schon vereinzelt in den Köpfen, was ich als Rollstuhlfahrer an der Uni will. Das ist aber die Ausnahme.“ Gregor Steininger erlitt bei seiner Geburt einen Sauerstoffmangel. „Im Volksmund bin ich Spastiker“, sagt der 22-jährige Österreicher. Bis Juli verbringt er sein Auslandssemester in Berlin. „Ich hätte auch nach Paris oder Polen gehen können. Das war mir aber wegen des Rollstuhls zu unsicher.“

Er bereut seine Entscheidung nicht, hat aber mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie in seiner Heimatstadt: Treppenstufen, unzugängliche Toiletten. „Der Nahverkehr ist ein Problem. Die niederflurigen S-Bahnen sind besser als in Wien, aber es gibt bei euch nicht genug Lifte. Wir haben an jeder U-Bahn-Station einen, oft zwei. Von Wedding zur Fakultät am Hackeschen Markt muss ich sechs Lifte benutzen. Wenn nur einer kaputt ist, kann ich das ganze Unternehmen schmeißen. Das passiert mir einmal die Woche.“

Gregor wird von jungen Berlinern im Alltag unterstützt. „Ich könnte ohne diese Hilfe nicht studieren. Die Angestellten der Uni können mir ja zum Beispiel nicht eine Viertelstunde lang Bücher reichen, bis ich alle beisammen habe. Ich möchte auch nicht immer ,Bitte’ und ,Danke‘ sagen müssen, bei jedem Handgriff ein schlechtes Gewissen haben.“ Man merkt Gregor an, dass er vom Modell der Persönlichen Assistenz überzeugt ist. „Sie ist wichtig für unsere soziale Integration.“

Das Studium hilft ihm, sich als Teil der Gesellschaft zu fühlen. „Und ich kann ihr später etwas zurückgeben. Ich kann mir vorstellen als Lehrer oder etwa in einer Pfarrgemeinde als Seelsorger zu arbeiten. Hier wie dort gibt es rechtliche Hürden. Das wird noch ein Kampf werden, ein langer Weg für mich.“

„Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – so steht es im Gesetz. Aber es wird nicht umgesetzt.“

„Man muss immer weiterpowern, weitermachen und das Gebet von vorne beginnen.“ Seit 25 Jahren kämpft Ursula Lehmann für Mobilität für Behinderte. „Bus und Bahn für alle!“ ist ihr einfacher Satz, und ebenso entschieden und energisch spricht die Frau im Rolli. „Wir haben ganz viel Werkzeug an der Hand, in Form von Gesetzen. Da steht drin: Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Aber es wird nicht umgesetzt.“

Ursula Lehmann, 1943 in Berlin geboren, ist seit dem sechsten Lebensjahr behindert. „Ich habe zwanzig Jahre in der Verwaltung gearbeitet. Jetzt bin ich Rollstuhlfahrer-Aktivistin.“ Und ständig auf Achse. Auf ihren vier dicken Reifen hat sie in fünf Jahren 10 000 Kilometer zurückgelegt – mit herausfordernder Neugier. „Ich wollte mir eine neue Moschee ansehen, da haben die mich wegen des Rollis rausgeworfen.“ Sie scheut keinen Gegner, legt sich sogar mit dem türkischen Generalkonsulat an. Bei anderen Moscheen habe es keine Probleme gegeben. „Auch bei Scientology durfte ich rein“, sagt sie mit sympathischer Genugtuung.

Jetzt sitzt sie auf der Veranda des Hotels Mit-Mensch in Karlshorst – auch als Aktivistin für Mobilität. „Als wir hier eine Feier hatten, mussten wir alle vom nächsten S-Bahnhof herrollen, da die Tram 21 nicht barrierefrei ist. Rollstuhlgerechte Hotels sind ja Mangelware in dieser Stadt. Jetzt ist hier mal eins, und dann fährt nicht mal eine geeignete Bahn vorbei.“

Sie findet immer etwas zu tun für ihre Mission, auch wenn sie gerade nicht in Gremien sitzt oder Briefe schreibt. Einfach so, unterwegs. „Wenn jemand alleine dasteht, dann biete ich ihm an: ,Komm doch mit! Die Leute staunen dann, welche Möglichkeiten sie haben.“ Ursula Lehmann will durch nichts aufgehalten werden – höchstens von der leeren Batterie ihres Rollis. Bojan Krstulovic

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