Zeitung Heute : Herberts gesungene Ruckrede

Philipp Köster wartet immer noch auf den WM-Song

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Notti magiche, inseguendo un goal ... Zwei Zeilen genügen, schon sind wir wieder mitten drin im heißen Sommer 1990, den Gianna Nannini so enthusiastisch besang, sehen wieder Brehme den Elfmeter schießen und Franz Beckenbauer über römischen Rasen schlendern. Und kaum hören wir Baddiel & Skinner leise singen: „We still believe, we still believe“, sehen wir schon siebzigtausend Menschen beim EM-Halbfinale 1996 zwischen Deutschland und England in Wembley mit strahlenden Augen singen, dass der Fußball nun endlich nach Hause gekommen ist.

Die WM 2006 hat ihr Lied, ihren ganz speziellen Song noch nicht gefunden. Das mag daran liegen, dass Herbert Grönemeyers offizielle Hymne „Zeit, dass sich was dreht“ eben doch nur die Ruckrede von Roman Herzog vertont. Der lange angekündigte WM-Song der Sportfreunde Stiller „’54 ’74 ’90 2006“ ist ebenfalls kein selbstironisches Meisterwerk, sondern allzu sehr auf den hohen Mitgrölfaktor getrimmt.

So akut ist der musikalische Notstand, dass die Stimmung in den Stadien immer dann überbordet, wenn altbekannte Tanzhits eingespielt werden. In Leipzig tanzten Holländer und Serben entfesselt zu den Klängen der auf Kirmesschlager spezialisierten Hermes House Band. So weit ist es gekommen. Tröstlich allein, dass auch die anderen Nationen in der Sache nicht so recht vorankommen. Selbst die Engländer sind sich derart uneinig, dass als kleinster Nenner die Coverversion eines Bangles-Klassikers mit dem neuen Titel „Walk Like An English Fan“ gilt.

Wir geben die Hoffnung auf einen tauglichen WM-Song nicht auf. Oder um es mit Baddiel & Skinner zu sagen: We still believe.

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