Zeitung Heute : Herd und Bügeleisen gehen automatisch aus

Es gibt in Deutschland 38,2 Millionen Wohnungen mit 170 Millionen Räumen. Nur zehn Prozent sind für Ältere geeignet. (Quelle: IAT Gelsenkirchen) „Ambient Assisted Living“ – intelligente Assistenzsysteme machen das Leben im Alter sicherer und bequemer

Nora Grimme

Nur ein bis zwei Prozent der Wohnungen in Deutschland sind bislang barrierefrei. Für Wohnungsbauunternehmen, Innenausstatter und Technikanbieter tut sich ein komplett neuer Markt auf. Was muss die Wohnungswirtschaft tun, um diesen Markt zu erschließen? Welche politischen Rahmenbedingungen sind notwendig?

Nach Aussage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) dürften in Deutschland im Jahr 2030 voraussichtlich 26 Millionen Menschen 60 oder älter sein. Die meisten möchten im Alter in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Das ist aber nicht einfach: Erstens kann man leicht einsam werden – viele Menschen haben wenige oder gar keine Kinder und auch die Freunde werden seltener. Zweitens nimmt die Beweglichkeit ab. Daher dürften immer mehr „altersgerechte“ Wohnungen gebraucht werden. Geeignete Technik, so das BMBF, könne dafür sorgen, dass Senioren länger ein selbstständiges Leben führen könnten.

Das BMBF unterstützt die Forschung nach Intelligenten Assistenzsystemen, so genannten „Ambient Assisted Living“ (AAL), die das Leben im Alter in der eigenen Wohnung sicherer und bequemer machen sollen. Das Ministerium kündigte an, für die Jahre 2009 bis 2012 dafür 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen zu wollen. Derartige Technologien könnten etwa Teppichböden sein, die mit Sensoren ausgestattet und mit einem Computer verbunden sind: Wenn jemand stürzt und nicht wieder aufsteht, wird ein Signal ausgesandt, damit Hilfe kommt. Sensoren am Körper könnten den Blutdruck messen und die Daten einem Arzt schicken.

Franz Dormann ist der Geschäftsführer von Gesundheitsstadt Berlin e. V. Seiner Ansicht nach sind drei Bereiche wichtig für intelligenten Wohnungen: Technik, Dienstleistungen und Soziales. Er fordert, die Wohnungswirtschaft müsse „eine gewisse Offenheit entwickeln für die Notwendigkeit, mit diesen technischen Systemen zu arbeiten.“ Optimal sei es, die technische Ausstattung einer Wohnung modular aufzubauen. Dann könnten die Bewohner bei Bedarf neue Teile hinzunehmen oder die Ausstattung abspecken.

Grundlage der Ausstattung einer intelligenten Wohnung sei ein schneller Internetzugang. Es müsse ein Rechner mit passender Software vorhanden sein, um Informationen über die Nachbarschaft zu liefern: vom nächsten Pizzaservice bis hin zu Terminen bei der Fußpflegerin, vom Wandernachmittag bis zum Kaffeekränzchen. Außerdem seien Rauchmelder wichtig oder die Möglichkeit, elektrische Geräte in der Wohnung abzustellen: Wenn der Bewohner ausgeht, sollten Herd und Bügeleisen automatisch verlöschen, Kühlschrank und Anrufbeantworter aber an bleiben.

Solche Technik gibt es zum Großteil bereits. Das Fraunhofer inHaus-Zentrum in Duisburg erforscht sie mit dem Themenfeld „Health and Senior Care“, das Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme ist konzeptionell an einer Modelleinrichtung der Alpha gGmbH beteiligt. Diese Tochter des katholischen Sozialwerks St. Georg führt eine WG für Demenzkranke, die teils mit dieser Technik ausgestattet ist – wobei es sich um eine betreute Einrichtung handelt.

Aber: „Technik allein hilft nicht“, betont Dormannn, sie „ist nur ein Mittel, um Dienstleistungen zu organisieren und zugänglich zu machen.“ Zunächst seien entsprechende politische Rahmenbedingungen notwendig: „Wir beginnen auf dem Kongress, alle auf Entscheiderebene zusammenzubringen.“ Alle Bereiche müssten vernetzt erforscht werden.

Wichtig sei vor allem der soziale Bereich. Viele ältere Menschen leben allein und werden von professionellen Altenpflegern unterstützt. Diese müssen ihre Arbeit immer dokumentieren. Dies ist statt auf Papier auch in einer Datenbank möglich. In diese, so Dormann, sollen sich der Arzt und Angehörige einloggen können. „Die wollen vielleicht wissen, was der Pflegedienst am Morgen getan hat.“

Außerdem solle man nicht warten, bis ein alter Mensch aktiv wird, sondern auf ihn zugehen: „Das Hauptproblem sind alte Bewohner, die isoliert leben, die keine Ansprache mehr haben“, sagt Dormann. Man brauche „Kümmerer fürs Soziale, die sich mal melden“ und auf Angebote in der Nachbarschaft hinweisen.

Da gibt’s jedoch ein großes Problem: das Geld. „Wir haben noch keine Refinanzierungs-Geschäftsmodelle“, räumt Dormann ein. Für die Technik seien einmalige Kosten von 4000 bis 7000 Euro nötig. Dann müsse die Servicestruktur finanziert werden. Bewohner mit geringen Haushaltseinkommen seien nicht bereit, dafür Geld auszugeben.

Immerhin, mehrere Ministerien fördern etwa Modellprojekte, so unterstützt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Mehrgenerationenhäuser.

Vor allem aber könnten Krankenkassen profitieren, so Dormann. Dazu müsste man nachweisen, dass sie mit intelligenten Wohnungen letztlich Geld sparen. Eine Möglichkeit besteht darin, Aufenthalte im Krankenhaus zu vermeiden oder die stationäre Pflege hinauszuschieben: „Die stationäre Pflege wird sich stark verändern. Früher betrug die Verweildauer im Schnitt drei Jahre, heute 17 Monate“, sagt Dormann: „Das alles ist in der Diskussion, die Politik wird sich damit stark beschäftigen müssen.“ Denn: Intelligentes Wohnen ist eine „Chance für Lebensqualität im Alter, aber eben auch von ökonomischer Bedeutung.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!