Zeitung Heute : Herlitz-Beschäftigte: Irgendwie wird es schon weitergehen

Der Tagesspiegel

Von Moritz Schuller

Die Stimmung unter den Herlitz-Mitarbeitern ist gedämpft optimistisch. „Es wird schon irgendwie weitergehen“, sagte ein junger Mann gestern beim Verlassen des Firmengeländes. 1400 Arbeitsplätze in Berlin und Brandenburg sind durch die mögliche Pleite der Herlitz AG bedroht. Gestern übernahm ein Insolvenzverwalter in dem Berliner Traditionsunternehmen das Ruder.

Schichtwechsel bei Herlitz, am Tag, an dem der Schreibwarenproduzent Insolvenz beantragt hat: „Ich habe heute Morgen aus der Zeitung vom Insolvenzverfahren erfahren“, sagt ein Mitarbeiter. Ein anderer hatte sich noch am Abend im Internet auf den neuesten Stand gebracht. Gestern schickte die Firmenleitung ihren Beschäftigten dann offiziell eine E-Mail.

„Die Stimmung ist mies“, sagt Klaus Hornickel. Der 53-Jährige ist seit zwei Jahren bei Herlitz. „Ich weiß nicht, was wird.“ Gearbeitet wird aber auch an diesem Tag ganz normal, der Betriebsratsvorsitzende spricht davon, dass die Produktion „auf Hochtouren“ läuft. „Wenn alle zu Hause bleiben würden, dann wäre schon morgen dicht“, fasst einer die Stimmung zusammen. Und so ist es: Herlitz-Laster fahren auf den Betriebshof in den ehemaligen Borsigwerken, Mitarbeiter kehren von der Mittagspause zurück, der zypriotische Geschäftsmann, der mit Herlitz gerade über ein Exportgeschäft verhandelt hat, weiß nichts von einer drohenden Pleite.

In der Belegschaft glauben die meisten ohnehin, dass es irgendwie weitergehen wird. Vielleicht auch, weil auch in der Vergangenheit immer eine Lösung für das Unternehmen gefunden wurde. Überrascht war deshalb auch keiner von der aktuellen Krise, auch ärgern könne er sich nicht mehr, sagt Peter Leukert. Er arbeitet bei Herlitz als Einrichter. Durch die über Jahre andauernde Krise kennen sich die Mitarbeiter inzwischen sogar mit dem betriebswirtschaftlichen Vokabular aus: Das „operative Geschäft“ sei durch die hohen Schulden zu sehr belastet worden, weiß Stefan Wagner aus der Materialwirtschaft. Er hofft, dass ein Insolvenzverfahren auch eine Chance für die profitablen Zweige des Unternehmens bietet. Viele, die das Firmengelände verlassen sprechen vom „Kerngeschäft“ des Unternehmens, das gesund sei. „Selbst wenn der Name abhanden kommt, die Firma wird weiterbestehen“, sagt einer. Herlitz habe sich in den letzten Jahren einfach verzettelt, „zu viele Firmen gekauft, zu viele Häuser gebaut“. Den gesunden Teil der Firma werde schon jemand übernehmen. Die Stimmung unter den Mitarbeitern sei eigentlich gut, berichtet eine ältere Dame. Seit 12 Jahren arbeitet sie bei Herlitz, als „kleine Angestellte“. Woher sie ihren Optimismus nimmt, kann sie nicht sagen.

An Protest denkt bei Herlitz zurzeit keiner. „Ich habe sieben Jahre Aktionen mitgemacht“, sagt jemand, „irgendwann ist auch Schluss damit.“ Mit der Trillerpfeife durch Berlin zu ziehen, dazu ist im Moment noch keiner bereit, und auch der Betriebsrat denkt nicht an Kampfmaßnahmen. Doch zu weiteren Opfern ist keiner bereit. „Auf 200 Mark würde ich nicht mehr verzichten“, sagt ein Mitarbeiter. „Das würde auch nichts ändern.

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