Zeitung Heute : Heroin gegen Heroinsucht

Heroin auf Krankenschein – das will die SPD, das wollen aber auch unionsgeführte Länder wie Hessen und Hamburg. Diese Woche wird die Initiative im Bundesrat eingebracht. Was bringt sie?

Rainer Woratschka

Die Kampflage ist ein wenig verworren. Das SPD-geführte Gesundheitsministerium möchte schwer kranken Drogenabhängigen künftig mit der kontrollierten Abgabe von Heroin helfen. Die Unionsfraktion ist strikt dagegen, sie fürchtet einen Dammbruch. Doch es sind unionsgeführte Bundesländer, die das noch unter Rot-Grün gestartete Vorhaben vorantreiben. Hessen und Hamburg haben eine Bundesratsinitiative eingebracht, Niedersachsen und NRW schlossen sich an. Am Freitag stimmt die Länderkammer darüber ab, ob es künftig als Ultima Ratio auch Heroin auf Krankenschein geben soll.

Die Befürworter berufen sich auf eine Studie, wonach sich die Heroinbehandlung der Therapie mit dem Ersatzstoff Methadon als überlegen erwies. So besserte sich die Gesundheit von 80 Prozent der Heroin-, aber nur von 74 Prozent der Methadonpatienten. 69,1 Prozent der Heroinbehandelten senkten den illegalen Drogenkonsum – gegenüber 55,2 Prozent in der Methadongruppe. Die Kriminalität unter Heroinbehandlung nahm deutlicher ab, die Probanden lösten sich auch stärker von der Drogenszene. Während sie zu 27,4 Prozent in „illegale Geschäfte“ verwickelt blieben, lag die Rate der Methadonpatienten bei 40,2 Prozent.

An dem Modellversuch haben seit 2002 1032 Abhängige in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Karlsruhe, Köln und München teilgenommen. Es handle sich um „die bisher aufwändigste und sorgfältigste Studie zur Suchtbehandlung Opiatabhängiger in Deutschland“, betont der Studienleiter und Hamburger Suchtforscher Christian Haasen – und empfiehlt ausdrücklich, die Heroinbehandlung in die Regelversorgung aufzunehmen.

Die knappen Ergebnisse rechtfertigten es nicht, eine harte Droge zu legalisieren, hält Jens Spahn (CDU) dagegen. Es drohe die Gefahr, dass Heroinbehandlung die Regel werde. Sie sei aber dreimal so teuer wie die Methadontherapie. Und stecke man das Geld dort hinein, ließen sich auch ohne Heroin bessere Ergebnisse erzielen.

Ähnlich argumentieren die Krankenkassen. Der Gesetzentwurf berge die „erhebliche Gefahr einer unsachgemäßen Ausweitung“ von Heroinbehandlung sowie „das Risiko, dass es auf Dauer zu einer Abgabe des Suchtstoffes kommt und das Ziel der Abstinenz aus den Augen verloren wird“, heißt es in der Stellungnahme zur heutigen Anhörung im Bundestagsausschuss. Außerdem werde die Heroinoption dann für viele attraktiv, es sei mit einer „raschen Aufweichung“ der Kriterien zu rechnen. Bei bis zu 15 000 Patienten koste das 150 bis 200 Millionen Euro im Jahr.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung gibt zu bedenken, dass „nur sehr wenige Ärzte“ zur Heroinversorgung bereit wären. Im Übrigen könnten die Studienergebnisse auch mit „privilegierter Betreuung“ der Heroinpatienten zusammenhängen. Stark machen sich für das Gesetz hingegen diejenigen, die sich besonders mit dem Modellprojekt befasst haben: Drogenexperten und die beteiligten Städte. Aber auch Polizeigewerkschaft und Städtetag fordern die kontrollierte Heroinabgabe. Sie sehen dadurch vor allem die Chance, Begleitkriminalität zu senken.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar