Zeitung Heute : Herostratos, der Brandstifter

Ilse Tubbesing

Viele Völker und Kulturen sind über diese Stadt hinweg gezogen. Von den antiken Stätten an der Westküste Kleinasiens - Troja und Pergamon, Halikarnassos und Milet - ist Ephesus wohl die imposanteste. Viertausend Jahre alt. Einst die "Weltstadt Ephesus". Die Archäologen bescheinigen ihr, eine halbe Million Einwohner gehabt zu haben. Unter römischer Herrschaft war dies die wichtigste Stadt ganz Asiens. Über die marmorne Kuretenstraße - die sozusagen ein Kurfürstendamm war - gingen Kaiser und Kaufleute, Priester und Philosophen, Seeleute, Krieger und jene Schönen, deren Liebe käuflich war. Aller Reichtum, alle Schätze der Welt, Perlen, Gold Lapislazuli, Spezereien und kostbare Stoffe, Moschus und Ambra, Amphoren und Marmor, kostbare Hölzer und Papyros wurden angelandet im Hafen von Ephesus, gehandelt und verkauft.

Ende des Reichtums

Schon um 500 vor Christus schrieb der Philosoph Heraklit: "Möge nie der Reichtum euch ausgehen, Epheser, dass nicht offenbar wird, wie verkommen ihr seid." Doch der Reichtum ging ihnen aus. Der kleine Fluss Mäander (Menderes) war der Ursprung ihres Erfolges und der Anlass für ihren Untergang. Er schob sein Mündungsdelta immer weiter ins Meer hinaus - ließ damit die Hafenstadt Ephesus im Binnenland zurück. Im dumpfen Sumpfklima, das allen Krankheiten günstig war. Der Hafen verlandete, die Stadt zerfiel, weil der Fluss ihr das Leben nahm. Ein Erdbeben besorgte den Rest.

Heute ist im "untergegangenen" Ephesus die ganze Welt zu Gast. Zu Hunderten und Aberhunderten drängen die Besucher durch das riesige Ruinenfeld, wandern in Sonnenglut und Pinienduft über die Marmorstraßen, wo zerfallene Prunkfassaden an dreitausendjährige Tempel erinnern. So mancher Tourist lässt sich einfangen vom Zauber der Vergangenheit, sitzt gedankenverloren auf dem Säulensockel, wo zwischen zerbrochenen Friesen und korinthischen Kapitälen leuchtendrot der Mohn blüht.

Später sitzen alle dicht gedrängt auf den Marmorbänken des Amphitheaters, das zu griechischer Zeit in den Fels geschlagen, von den Römern wahrhaft theatralisch ausgebaut wurde und 24 000 Menschen Platz bot. Es ist eines der wenigen, fast unversehrt erhaltenen Bauwerke der untergegangenen Stadt. Österreichische Archäologen haben es in jahrelanger Arbeit aus dem Erdreich ausgegraben und getreulich wieder hergestellt. Heute drängt sich hier die Menge bei den Folklore-Veranstaltungen. Da sitzen die Studenten aus Kanada neben den jungen Mädchen aus Frankreich, die Deutschen, die Engländer und sogar Japaner in Scharen. Auch die Türken sieht man lauschen, ganze Großfamilien vom Lande, die in das Amphitheater gekommen sind zum Kunstgenuss und zugleich zum ausführlichen Picknick.

Es sind auch Türken, die später die Touristen aus aller Herren Länder durch das weitläufige Ruinenfeld führen, Fremdenführer, bestens geschult. Universitätsprofessoren unter ihnen, die Deutsch in Deutschland und Französisch an der Sorbonne gelernt haben. Kundige, engagierte Abgesandte ihrer Nation. Fesselnd verstehen sie zu erzählen, was in den Jahrtausenden in Ephesus geschah, wo jeder Stein ein Stück Geschichte ist, wo auf den Bauwerken der Hellenen die Römer ihre Tempel errichteten, wo die Schichtenfolge den Archäologen Geheimnisse preisgab.

Der Tempel der Artemis. Der fremde Besucher erinnert sich, davon hat er schon in der Schule gehört. Dieser Tempel war eines der Sieben Weltwunder der Antike. Hundert Jahre Bauzeit. Er zog Priester, Tempeljungfrauen und staunende Bewunderer in die Stadt. Bis Herostratos kam, ein Wahnsinniger, ein "Terrorist", wenn man so will, der Feuer legte an das Heiligtum der Artemis, weil er wollte, dass sein Name in die Geschichte einging. Der Tempel, dessen Vorhalle und Umgänge aus Holzbalken bestanden, ging 356 vor Christus, in Flammen auf. Herostratos hatte erreicht, was er erreichen wollte: sein Name ist noch heute der Inbegriff für sinnlose Zerstörung.

Allerorten lehrt diese Standt den Betrachter das Staunen. Von einem Säulengang zum anderen könnte man streifen, schauen und nachlesen, was hier geschah. Prachtvoll wieder hergestellt (aus vorhandenen Bruchstücken) wurde die Celsusbibliothek von 105 vor Christus. Nischen in den Mauern bargen die kostbaren Buchrollen, ein Hohlraum trennte die innere von der äußeren Mauer und schützte so die Rollen vor Feuchtigkeit.

Über Aquädukte wurde das Wasser von weither nach Ephesus geleitet, es gab öffentliche Brunnen am Straßenrand. Typisch für die römische Zeit waren die großen Gymnasien, Sportanlagen mit Bädern. Obere und Untere Agora gilt es zu besichtigen, das großartige Heraklestor mit seinen Halbreliefs, aber vielleicht verliebt sich der Betrachter in den zierlichen Tempel des Kaisers Hadrian, mit korinthischen Säulen und syrischem Giebel, ein Bauwerk, das fast intimen Charakter hat. Wo anfangen, wo aufhören?

Ganz nebenbei: Kein türkischer Fremdenführer lässt den verschmitzten Hinweis auf jenes Wegzeichen im Straßenpflaster aus, das den ankommenden Besucher vom Hafen direkt ins - Freudenhaus führte.

Ob Heratempel oder Trajansbrunnen, ob Variusbad oder Stadion, Peristylhaus oder dreischiffige Basilika aus christlicher Zeit, hier kündet jeder Stein von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Auch im benachbarten Archäologischen Museum zu Selçuk, wo kostbare Funde aus Ephesus hervorragend präsentiert sind. Statuen und Statuetten, Sarkophag und Relieffries, dazu das einst vergoldete Standbild der Göttin Artemis, und viele Fruchtbarkeitssymbole, männliche wie weibliche, in schöner Übertreibung.

Hier wie dort wird der Betrachter an Heraklit erinnert, der 500 Jahre vor Christus in Ephesus geboren wurde und nicht nur seine Zeitgenossen an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnerte.

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