Zeitung Heute : Herr Bond dreht ein neues Ding

NAME

Von Markus Feldenkirchen

Film ab. Der Vorspann: Das ist die unglaubliche Geschichte eines ehemaligen Erotikfilm-Darstellers, der danach in den 90er Jahren als TV-Showmaster Karriere machte und nun in der Politik für Bewegung sorgen soll. Während diese Sätze durchs Bild laufen, vergnügen sich im Hintergrund zwei nackte Menschen. Dann kann die Handlung beginnen.

Vor drei Jahren produzierte der Regisseur Claus Räfle seinen Satire-Film „Der Kandidat“. Darin lässt ein Wirtschaftsverband nach einem eigenen Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl suchen. Ein Design-Kandidat, sympathisch, ein guter Verkäufer ohne eigene Meinung. Die Wahl fällt auf Peter Bond. Im Film wird die Entscheidung so begründet: Er hat die besten Ratings bei Frauen zwischen 40 und 60 und bei Wählern aus dem Osten. Er sieht hervorragend aus, hat einen einprägsamen n, und was am wichtigsten war: Er hatte Zeit. Vielleicht wird diese Film-Satire niemals öffentlich gezeigt werden. Um den Streifen an sich wäre es weniger schade. Denn die Realität war schneller als die Fiktion.

Zeit hatte Peter Bond nämlich auch im wahren Leben, als ihn ein Generalsekretär der FDP in Mecklenburg-Vorpommern fragte, ob er sich für die Liberalen engagieren wolle. Bond hatte zehn Jahre lang das Glücksrad auf Sat1 moderiert, eine Werbesendung, bei der die Kandidaten erst an einem Rad drehen, dann Buchstaben kaufen und am Ende ein Lösungswort fehlerfrei aussprechen mussten. Mehr als 3000 Mal hat er das gemacht, jeden Abend vor bis zu fünf Millionen Zuschauern. Bis Sat1 das Glücksrad aus dem Programm nahm, weil man bemerkte, dass die fünf Millionen vor allem Rentner waren. Da musste auch Bond gehen. „Das Glücksrad hat mich bekannt und beliebt gemacht in Deutschland“, sagt Peter Bond.

Dieser Mann tritt nun als Kandidat für den Bundestag an. Die FDP in Mecklenburg-Vorpommern hat ihn nach fast ganz oben gehoben, auf den zweiten Platz der Landesliste, mit Chancen auf einen Platz im Parlament. Denn bei Bundestagswahlen zählen anders als beim Privatfernsehen auch Rentner-Stimmen. Seit dem Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt glauben die Liberalen zudem wieder an ihre Ost-Kompetenz. Und das mit der FDP war auch kein Zufall. Erstens hat sie Bond sein Leben lang gewählt. Und zweitens steht die FDP ja selbst seit Einführung ihrer „Strategie 18“ im Verdacht, eine Werbeagentur mit Ortsvereinen und Wahlzulassung zu sein, der die semiseriöse Fassade offenbar nichts ausmacht, solange nur Aufmerksamkeit garantiert ist. Beinahe hätte ja auch das ausgemusterte Pornohäschen Dolly Buster in einem FDP-Werbespot mitgespielt, ehe er vom Präsidium gerade noch gestoppt wurde.

Für den 49-jährigen Bond ist der Beginn seiner politischen Karriere erst mal ein beachtlicher Millieusprung: vom Erstwohnsitz München-Nymphenburg in seinen Wahlkreis Nordwestmecklenburg, aus der Münchner Schickeria in Ost-Orte, die Benzin, Rehna oder Klütz heißen. Immerhin wohnt Bond in seinem Wahlkreis in einem edlen Schloss, eine Haushälterin bittet in den Salon mit Kronleuchter und schwarzem Flügel. Peter Bond ist spät dran. Muss gleich los. Alles in Schwarz: der Anzug, das Polohemd, die nach hinten gegelten Haare. „Mein Wahlkampfwagen steht draußen.“ Nur drei Farbtupfer am schwarzen Outfit, drei Mal Gold: Gürtelschnalle, Fassung der Uhr, Knöpfe am Polo-Shirt, von denen die Frühlingssonne blitzt. Draußen funkelt der Schlosssee.

Der Wahlkampfwagen entpuppt sich als tiefblau lackierter VW-Käfer, beklebt mit gelben 18-Prozent-Schildern. Der Käfer, Symbol für den Wirtschaftsaufschwung. Auf den Beifahrersitz quetscht sich eine Kiste voll politischer Überzeugungsaccessoirs: gelbe Kugelschreiber und Feuerzeuge. Für Bonds Wähler. Daneben die „Außen- und sicherheitspolitischen Schwerpunkte“ von FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt. Für Bond.

Im Film „Der Kandidat“ signiert der geschniegelte Kanzlerkandidat Bond Rheumadecken für kaffeefahrende Rentner, hält Reden, in denen er so visionäre Versprechungen machte wie die, dass ein Ruck durch das Land gehen werde. Auch wenn er nichts Konkretes sagte, wirkte er gut dabei. Er war nahezu unübertrefflich unverbindlich.

In der Wirklichkeit des April 2002 steuert Bonds Käfer auf das Hotel John Brinckmann im Ostseebad Boltenhagen zu. Drinnen, im holzvertäfelten Speisesaal, sind 19 Tische gedeckt. Plastikblumen und FDP-Fähnchen ragen schräg in die Luft, darunter wartet Streuselkuchen. Mit Flyern hatte die örtliche FDP für den Auftritt des Kandidaten geworben. „Peter Bond, ein Liberaler stellt sich vor.“ Um 15 Uhr. Da haben Rentner Zeit. Allerdings sind gerade mal zwei Tische besetzt, als Bond pünktlich den Saal betritt. Das Rednerpult mit dem FDP-Wimpel am Ende des Raumes kann allein bleiben. Bond erfasst die Lage und ändert spontan den Plan. Er setzt sich zu den Rentnern an den Tisch. „Guten Tag, mein Name ist Peter Bond“, sagt er höflich. „Sie alle wohnen also in einem so genannten Altersheim?“ Die Rentner schütteln ihre Köpfe. „Claudia, die wohnen gar nicht im Altersheim“, sagt Bond. „Habe ich auch nicht gesagt“, antwortet Claudia, die FDP-Kreisvorsitzende. „Dann tut’s mir Leid“, sagt Bond und leitet gekonnt über zur Politik: „Wo drückt Sie denn der Schuh?“ Jemand sagt: Gesundheitspolitik. „Ein ganz wichtiges Thema“, findet auch Bond, „für das wir auch ein ganz klares Konzept haben.“ Man müsse ja nicht immer die Salbe für 15 Euro verschreiben, warum nicht mal eine für fünf Euro? Außerdem wolle die FDP, dass die Menschen mehr Vorsorge betreiben. „Auch mal auf eine Zigarette verzichten“, sagt Bond. „Was sagen denn die Damen hier am Tisch?“, will er dann wissen. „Sind Sie zufrieden?“ Ja, murmelt eine Dame. „Aber würden Sie am Ende des Monats nicht gern ein bisschen mehr Gehalt auf ihrem Konto haben?“ Sie beziehe doch Rente, antwortet die Dame. Ach so, sagt Bond. Irgendwie läuft es heute nicht so rund wie sonst.

Er wolle zwar gerne Kulturminister werden, aber eigentlich sei er mehr ein Allround-Politiker, erklärt Bond nach dem Bürgergespräch. Jetzt hat er gerade keine Lust, auf Zigaretten zu verzichten. Der Allround-Politiker äußert sich natürlich auch zu Themen wie dem Nahost-Konflikt. Er sagt dann, dass „die Weltgemeinschaft…“, aber nein, das wäre gemein, das jetzt zu schreiben. Man fragt Joschka Fischer ja auch nicht nach der Bahnreform. Apropos Fischer.

Spricht man Bond auf „Lauras Gelüste“ und die anderen acht Erotikfilme an, in denen er vor rund 25 Jahren mitwirkte, antwortet er mit einem Verweis auf den Außenminister: „Lieber mal mit Anfang 20 den nackten Hintern hingehalten, als mit Steinen auf Polizisten geworfen.“ Vielleicht ist Bonds Weg in die Politik zugleich die Sehnsucht, endlich mal als seriös wahrgenommen zu werden.

Am nächsten Tag tuckert Bond mit seinem Käfer vom Schloss in eine Plattenbau-Siedlung in Gadebusch. Klingelt, es öffnet eine ältere Dame, die von 650 Euro Rente im Monat lebt. „Wir werden dafür kämpfen, die soziale Ungerechtigkeit abzuschaffen. Darauf gebe ich ihnen mein Wort“, sagt Bond. Seit dem 18. Februar steuert er fast täglich seinen Käfer in irgendwelche Siedlungen, klingelt, bittet um ein Gespräch. 15000 Haushalte will er schaffen. In 80 Prozent der Klingelei wird er hereingebeten. Man sieht in Bond so etwas wie den guten alten Bekannten. Wer damals im Fernsehen bei ihm ein „E“ bestellte, der wusste, dass es gut war. Warum soll man diesem höflichen Herrn nicht auch guten Gewissens ein Steuerkonzept abkaufen? Zumal es aus seinem Mund nicht komplizierter klingt als die Glücksrad-Spielregeln.

Hausbesuche, täglich von zehn bis 13 Uhr, dann Suppenpause und weiter bis in den frühen Abend. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass sich Bond gerade mit den Augen eines kleinen Jungen in die große Politik stürzt, mit einer Begeisterung, die andere längst verloren haben. Bond erzählt so gern, dass er sich über die „Zustände im Parlament“ ärgere. Während der Sitzungen im Plenum würden die Abgeordneten entweder Zeitung lesen oder ganz fehlen. „So eine Unhöflichkeit den Kollegen gegenüber.“ Wenn er das erste Mal im Bundestag rede, werde er genau dieses Problem ansprechen, verspricht Bond. „Und zwar vor den ganzen Kollegen.“

Das wird dann ein anderes Publikum sein als vor drei Jahren auf dem Marktplatz. Damals, nach einer dieser inhaltsleeren Reden im Film „Der Kandidat“, auf dem Markplatz der thüringischen Gemeinde Sontra, hatte Peter Bond ein besonderes Erlebnis. Der Regisseur Räfle hatte für die Aufnahmen Busladungen voll Rentner organisiert. Die Film-Statisten wussten genau, dass hier nur ein Film gedreht werden sollte. Dennoch kamen die Senioren nach Drehschluss zu Bond, klopften ihm auf die Schulter und versprachen: „Wir wählen Sie!“ Das habe ihn schon „konsterniert“, sagt Bond.

Vielleicht darf er demnächst noch mal eine Fernsehsendung moderieren. „Wahr oder nicht wahr?“ soll sie heißen. Bond wäre dann der erste auf RTL2 moderierende Bundestagsabgeordnete. In der Sendung werden Kurzfilme mit sehr skurrilen Geschichten gezeigt. Später müssen die Zuschauer raten, ob die Geschichte stimmt oder nicht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben