Zeitung Heute : Herr Thiele und die Wende vom Lied

Er kam, ohne zu grüßen. Und machte mit dem alten DDR-Funkhaus in Berlin das Geschäft seines Lebens

Stefan Jacobs

Die vielleicht berühmteste Firma von Sachsen-Anhalt sitzt in einem leidlich geweißten Zweigeschosser zwischen Tierfutterhandel, Landmaschinentankstelle und brachliegenden Gewerbeflächen. Nicht einmal eine Klingel hat die „Bau und Praktik GmbH“ – jene Firma, die durch das Millionengeschäft mit dem DDR-Rundfunkgelände in Berlin bekannt geworden ist. Aber sie muss hier sein, in diesem zwei Autostunden südlich von Berlin gelegenen Städtchen. Die Adresse steht schließlich in den Notarverträgen, mit denen die kleine Firma jene Deals besiegelt hat, die Sondersitzungen von Parlamentsausschüssen nach sich ziehen, Erklärungen von Ministern und Senatoren, ein Ermittlungsverfahren der Berliner Staatsanwaltschaft, Überstunden beim Landesrechnungshof von Sachsen-Anhalt und den Rauswurf eines hohen Beamten in Magdeburg. Der hatte als Geschäftsführer der landeseigenen Immobiliengesellschaft Limsa der „Bau und Praktik“ das am Spreeufer in Berlin-Köpenick gelegene Rundfunkgelände ohne weitere Verpflichtungen zunächst für 350 000 Euro vermacht, das laut einem Gutachten mehr als 20 Millionen Euro wert ist. Wie sich gestern herausstellte, wurde selbst dieser Schnäppchenpreis später noch halbiert.

Die Firma soll ein Baumaschinenverleih sein, aber wer bei der „Bau und Praktik“ fürs Wochenende einen Minibagger buchen will, dem sagt die Frau im Sekretariat, dass sie keine Baumaschinen verleihe. Sie empfiehlt, am nächsten Tag noch mal zu fragen, „dann sind die Männer wieder da.“

Die Männer. Zusammen gesehen wurden sie zuletzt an einem Sonnabend im Juli, im Auktionshaus, ein paar Schritte vom Potsdamer Platz entfernt. Da lauschten sie aus der letzten Reihe des pompösen alten Saals, wie der Auktionator vorn am Mikrofon die Millionen hochzählte. Ihre Millionen. Die kleine Baufirma, die sich gegenüber dem Tagesspiegel nicht äußern will, verkauft das Areal stückweise. Wobei sie nicht selbst als Verkäuferin auftritt, sondern Teile des Areals an Gesellschaften weitergegeben hat, die „Nalepa Projekt“ heißen und „Spree Development“. Die Chefs dieser Firmen also standen in einer Reihe und fächelten sich Luft zu, bis bei 3,9 Millionen Euro der Hammer fiel. Zu diesem Preis ging allein der Teil der „Nalepa Projekt GmbH“ weg. Beim Gehen klopften sich die Geschäftspartner freundlich auf die Schultern. Ein blasser Anzugträger war dabei, einer mit buntem Hemd und mit viel Gel im Haar. Über den schreibt der „Spiegel“, dass er wegen Steuerhinterziehung und Betruges zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden sei und Geschäftspartner mit Scheingesellschaften und fingierten Rechnungen ausgetrickst habe. Der Betreffende wollte sich dazu nicht äußern. Neben ihm stand einer mit weit vom Hals abstehenden Hemdkragen im Auktionssaal: Frank Thiele, Jahrgang 1958, vormals Geschäftsführer der „Bau und Praktik“. Die „Super Illu“ widmete ihm eine Doppelseite. „Funkhaus-Frank fährt jetzt Ferrari“, heißt die Geschichte. Sie lässt die Leser mit der Frage zurück, ob Thiele nun „ein skrupelloser Geschäftemacher oder einfach nur ein cleverer Ossi“ sei.

Das Heft habe sich rasend verkauft, erzählt ein Zeitschriftenhändler in Thieles Heimat. Bei der Antwort auf die Frage des Blattes tut nicht nur er sich schwer, obwohl er ihn kennt wie jeder hier. Die Leute werden einsilbig, wenn es um den Promi von nebenan geht. Ein alter Bekannter zwinkert verschwörerisch und sagt: „Der hat früher schon alles ranbesorgt, was ranzubesorgen war.“ Eine Rentnerin verkündet, „zu dem sage ich nichts“, bevor es aus ihr herausbricht: „Der ist nicht clever. Der ist ein kleiner Lump.“

Sein Wohnhaus sieht teurer aus als der Firmensitz. Großzügig dimensioniert; mit Teich, Pool und exotischen Stauden am Gartenzaun. Die Garage würde auch zwei Ferraris fassen. Ringsum verlieren sich Wiesen und Wäldchen unterm weiten Spätsommerhimmel. Der Kontrast zwischen Thieles Heimat und seinem Kaufobjekt könnte größer kaum sein.

In den 50er-Jahre-Bauten am Spreeufer knarrt das abgewetzte Parkett in den dunklen Fluren so laut, dass man vor dem Widerhall davonlaufen möchte. Gänge verzweigen sich zu einem Labyrinth, das in leere Räume mündet. Heruntergefallene Deckenlampen liegen zwischen zerbrochenen Waschbecken und Telefonen aus DDR-Zeiten. Aus den wenigen vermieteten Räumen dringt Musik, manchmal spricht jemand mit lauter Stimme hinter verschlossenen Türen: Hörspiel-Aufnahmen. In der zweiten Etage zweigt eine Gebäudebrücke ab, die zu den Räumen des Filmorchesters Babelsberg führt und zum großen Sendesaal mit Konzertorgel und 200 Zuhörerplätzen. Seine Akustik ist ein Grund dafür, dass die Nalepastraße weltweit einen guten Namen hatte. Die Studios sind nach 50 Jahren noch Weltklasse: Sting hat hier aufgenommen, die Pet Shop Boys, Herbert Grönemeyer.

Die Mieter in der Nalepastraße – zumeist kleine Medienunternehmer und Musikproduzenten mit Augenringen vom vielen Arbeiten – hatten über Jahre das Gefühl, bei Dornröschen auf der Bettkante zu sitzen, das mitten in der Hauptstadt schlief, weil kein Verwaltungsmensch seine Schönheit bemerkte. Seit 1992 der DDR-Rundfunk abgewickelt wurde, hätten die neuen Länder als gemeinsame Eigentümer und besonders Berlin einen Prinzen auftreiben müssen. Von Zeit zu Zeit tauchten welche auf und zogen weiter, weil die Verwaltung sie nicht zu Dornröschen vorließ. Bis nach 13 Jahren Thiele angeröhrt kam und nicht mal guten Morgen sagte.

Am Tag nach dem Kauf habe er den Anwesenden erklärt, er werde sie schleunigst hinauswerfen, berichten mehrere Mieter. Auch der auf dem Gelände ansässige Bauunternehmer Lutz Wiese bekam das zu hören, der für Thieles Firma den Kaufvertrag unterschrieben hatte und von einer großen Zukunft in der Nalepastraße träumte. Er habe Thiele mit Erfolg auf Zahlung einer Provision verklagt, berichtet Wiese. Thiele äußert sich nicht. Die beiden hatten die Aufteilung der Beute geregelt, als der „Bau und Praktik“ das Objekt noch gar nicht gehörte.

Limsa-Chef Hans-Erich Gerst, der erst versetzt und kürzlich gefeuert wurde, hatte den Billigverkauf an die „Bau und Praktik“ vor Wochen in gereiztem Tonfall rechtfertigt: Nachdem Berlin 13 Jahre verschlafen habe, hätten die neuen Länder als Miteigentümer den sofortigen Verkauf des Areals verlangt, das Betriebskosten von monatlich mehr als 100 000 Euro verursachte. „Das sind alles Steuergelder, die da verbraten werden“, hatte Gerst gesagt. „Es war meine ureigenste Aufgabe, dieses Spiel zu beenden.“

Die Betriebskosten waren offenbar auch der „Bau und Praktik“ zu hoch. Sie zahlte nicht. Aber die hohen Kosten waren kein Verkaufshindernis, denn bei der Auktion steigerten auch jenseits der ersten Million ein halbes Dutzend Interessenten mit. Allerdings las sich das Exposé auch blendend: „Wassergrundstück“, stand da, obwohl ein etwa zwei Meter breiter Streifen am Ufer dem Bund gehört. Auch an der Mieterliste tauchten später Zweifel auf. Drittgrößter Mietzahler ist laut Prospekt die „Thiele Bauträger GmbH“. Geschäftsführer: Frank Thiele.

Bei den 3,9 Millionen wird es wahrscheinlich nicht bleiben; die Verhandlungen laufen noch. Aber den Ferrari wird Thiele wohl behalten dürfen. Ein weiteres Stück des Geländes bietet seit kurzem die „Spree Development“ zum Kauf an. Geschäftsführer: Nico Thiele, der Sohn.

Den wollen Mieter jüngst dabei beobachtet haben, wie er mit seinem vorbestraften Geschäftsfreund leere Büros mit Möbeln ausstattete. Sollte damit reger Betrieb suggeriert werden? Thiele Junior beantwortet die Frage nicht.

Der neue Käufer macht nicht den Eindruck, als würden ihn leere Schreibtische beeindrucken. Albert Ben-David, Bauingenieur, Chef einer international agierenden Investorengruppe und nach eigener Auskunft seit 35 Jahren im Immobiliengeschäft. Als der in Israel geborene Grieche vor zehn Tagen mit einem Geschäftspartner durch die Flure des Verwaltungsgebäudes an der Nalepastraße schritt und sich den zufällig vorbeikommenden Reporter vom Hals halten wollte, sagte er: „Ich bin nicht Mister Ben-David. Aber ich wäre es gern. Guten Tag.“ Und ging.

Zwei Tage später nahm er im Medienausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses die Sympathiebekundungen der Parteien entgegen und bat um „moralische Unterstützung“ bei der Umsetzung seiner Pläne für die Erweckung der „Sleeping Beauty“, wie er das Funkhaus nannte. Als ihn die Parlamentarier nach dem Ausmaß der Förderung fragten, die ihm vorschwebe, erwiderte er: „Ich habe nicht von finanzieller Unterstützung gesprochen.“ Und lächelte in die ungläubig blickende Runde hinein.

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