Zeitung Heute : Herrin der Lieblichkeit

„Die Schöne, die da kommt“: Was macht Nofretete zum Idealbild?

Christina Tilmann

Populär ist sie bis heute: Ihr Konterfei ziert T-Shirts und Tassen. Es gibt ein „Nofretete-Beauty-Case“ und eine Nofretete mit Donald-Duck-Gesicht. Eine Schönheitsklinik in Bonn ist nach ihr benannt. Und unlängst wurde bekannt, dass das Bond-Girl Halle Berry in einer Verfilmung von Marc Foster demnächst die altägyptische Königin spielen soll.

Nofretete, die Schöne: Was hat diese Frau, deren Namen übersetzt wörtlich „Die Schöne, die da kommt“ heißt, zum überzeitlichen Schönheitsideal gemacht? Ist es die schmale Nase, die an Audrey Hepburn erinnert oder die hohen Wangenknochen? Sind es die verschatteten, rätselvollen Augen, eins davon leer, die an Greta Garbo denken lassen? Ist es die hohe Stirn, der Schwanenhals, der fast spöttisch gekräuselte Mund? Nofretete, das ist vor allem ein Gesicht in vollkommener Proportion und von einer fragilen Eleganz, wie man ihr genauso gut im Paris der Jahrhundertwende oder im heutigen Tokio begegnen könnte.

Das Idealbild der makellosen Schönheit hat jedoch unlängst interessante Kratzer bekommen: Fällt das Licht von oben, tun sich plötzlich Falten unter den Augen, nach unten gezogene Mundwinkel, eingefallene Wangen auf. Eine „aufregende Gesichtslandschaft“, wie es Dietrich Wildung, Direktor des Ägyptischen Museums, nennt: das „ergreifende Bild einer lebensklugen, reifen Frau“.

Wenig genug weiß man von dem Leben dieser Frau. Und doch: Die Schöne und das Biest, Nofretete und Kleopatra, sind die beiden berühmtesten Frauen Ägyptens. Politisch aktiv waren beide, nicht nur die eigenwillige Pharaonin und Geliebte Caesars, die schließlich durch Giftmord endete, sondern auch Nofretete, die einflussreiche Gattin des „Ketzerkönigs“ Echnaton. Diese ist auf Reliefs oft in Posen dargestellt, die sonst dem Pharao vorbehalten waren: Ein Steinblock aus Hermopolis, heute im Kunstmuseum Boston, zeigt Nofretete mit Krone, wie sie einen Feind, den sie an den Haaren gepackt hält, mit der Keule erschlägt. Manche Archäologen gehen sogar davon aus, dass sie – unter anderem Namen – nach dem Tod Echnatons einige Jahre selbst als Pharao herrschte.

Die Berliner Büste, deren Auffindung 1912 den Ruhm der Nofretete begründete, lässt von solchem maskulinen Herrschaftsgebaren nicht viel ahnen. Eher ist diese Nofretete zum Idealbild der Kosmetikindustrie geworden, mit ihrem mit Schminkstift rot gefärbten Mund, den rasierten, schwarz nachgezogenen Augenbrauen und den Kajal-umrandeten Mandelaugen. Dazu eine blaue Krone (blau war die Farbe der Götter), die den Kopf dem damaligen Schönheitsideal entsprechend besonders lang erscheinen lässt. Alles sehr farbenfroh: Die über 3300 Jahre alten Mineralfarben, mit denen die Büste bemalt ist, haben sich im trockenen Wüstenklima Ägyptens bis zur Auffindung 1912 perfekt erhalten. „Wir hatten das lebensvollste ägyptische Kunstwerk in Händen“ notierte der Ägyptologe Ludwig Borchardt begeistert.

So außergewöhnlich, wie sie uns heute vorkommt, war die Berliner Büste zu ihrer Entstehungszeit wohl nicht: Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein Arbeitsmodell des Oberbildhauers Thutmosis, eine Kopiervorlage für Schüler und Handwerker. Ein weiteres Bildnis, mutmaßlich Nofretetes Totenmaske, befindet sich im Archäologischen Museum in Kairo. Die Königin selbst muss jedoch von atemberaubender Schönheit gewesen sein. So rühmt der Hofbeamte Eje – manche sagen Vater Nofretetes – in seiner Grabinschrift ihre Gazellenbeine, ihre süße Stimme, ihre wundervollen Hände. Und ein Hymnus zum Einzug in Amarna besingt Nofretete so: „Die Schöne und Herrliche mit der Federkrone, ... man jubelt, wenn man ihre Stimme hört, Herrin der Lieblichkeit, groß an Beliebtheit...“

Ihr Weiterwirken in der Kunst der Neuzeit jedoch war eher begrenzt. Fernando Cerchio dreht zwar 1961 einen Spielfilm „Nefertiti, regina del Nilo“ mit Jeanne Crain in der Hauptrolle, der die Entstehung der Berliner Büste mit einer Liebesgeschichte zwischen Nofretete und Thutmosis erklärt. Auf der Biennale in Venedig 2003 schließlich hat die ungarische Künstlergruppe Kish Warsaw eine besondere, recht umstrittene „Hommage à Nefertiti“ geschaffen: Ihre Bronzestatue mit den unverhüllten Körperformen einer reifen Frau hatte keinen Kopf, die – ursprünglich geplante – Einsetzung der Berliner Büste war nur per Video zu sehen. Stellte man sich hinter die Statue, trug Nofretete plötzlich den eigenen Kopf. Ein Traum: einmal Nofretete sein.

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