Zeitung Heute : Herrlich! Dämlich?

Im Eierkocher wohnt die Männlichkeit – und in der Bücherecke erkennen sich die Frauen wieder. Uta Brandes erforscht: Wie viel Geschlecht steckt im Design?

Wir können uns ja gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn alle Gegenstände dieser Welt plötzlich zu einem sprechen. Wenn alle Gegenstände rufen „ich bin männlich“ oder „ich bin weiblich“. Uta Brandes hält das aus, seit mehr als 12 Jahren schon. Sie ist seit 1995 Deutschlands erste und einzige Professorin für Design und Gender, also für alles, was Geschlechterfragen angeht. Alle Produkte, sagt sie, sind nämlich bewusst oder unbewusst „vergeschlechtlicht“. Wir merken es nur nicht. Aber es beeinflusst uns doch.

Uta Brandes blickt unter einem feuerroten Pony in die Welt, sie ist eine Nachtarbeiterin und deshalb auch Spätaufsteherin, und wenn sie am Vormittag in ihren großen Wohnraum kommt, der zugleich Arbeits- und Besprechungszimmer ist, sitzen da schon häufig ihre Studenten der „Köln International School of Design“. Sie bemerkt, wie die männlichen Studenten das Zimmer mit ihren typischen, raumgreifenden Gesten füllen, wie die Gesten der Studentinnen dagegen eher nach innen weisen, auf ihren eigenen Körper.

Sie haben ihre Rucksäcke, Taschen und Mobiltelefone dabei, und alle im Raum wissen, dass diese Alltagsgegenstände auch irgendwie männlich oder weiblich sind. Unsere Wohnungen sind voll mit Dingen, die die Polarität zwischen Mann und Frau spiegeln, unser ganzes soziokulturelles Geschlechterverhältnis „kristallisiert“ sich nämlich in den Gegenständen, die uns umgeben, findet Uta Brandes.

Deshalb entziffert sie mit ihren Studenten die geschlechtlichen Codes unserer Welt. Sie haben sich die Sitz-Klassiker vorgeknöpft: In einem Sessel des Designers Ron Arad zum Beispiel sahen sie „eine auf dem Rücken ruhende Schwangere“, „die ihre wassergestauten, müden Beine an eine fiktive Wand lehnt“. Wenn man erst einmal auf diese Art guckt, ist es unübersehbar. Derselbe Mann hat auch ein Polstermöbel entworfen, in dem die Gender-Studenten die Form einer Gebärmutter inklusive Eileiter und Eierstöcken erkannten. 1969 erschien der „mütterlich-voluminöse“ Sessel Up 5 Donna (Illustration rechts), der eine üppige Frau im Schneidersitz zu symbolisieren scheint. Wer sich hinsetzt, legt einfach seinen Kopf zwischen die Brüste dieser Überfrau. Aber es gibt auch Sitzgelegenheiten mit männlicher Botschaft: „Traditionell-maskulin“ ist der Lounge-Chair von Charles Eames, ein lederner Chefsessel. Der Stuhl „Golem“ (Illustration links) wirke „kompromisslos, unbeugsam, linientreu“.

Wofür man so etwas wissen muss? Sie will, sagt Uta Brandes auf ihrem gelben Arne-Jacobsen Stuhl, dass der Aspekt des Geschlechts einmal ebenso bewusst in den Design-Prozess mit aufgenommen wird, wie die Kriterien Nachhaltigkeit, Material, Haltbarkeit, Umweltverträglichkeit, Funktionalität. Ein Designer, der diesen Aspekt berücksichtigt, kann seine Produkte viel genauer auf bestimmte Zielgruppen ausrichten. Ihre Ergebnisse interessieren deshalb auch Unternehmen. Zuletzt hat sie für Hotels die speziellen Bedürfnisse reisender Frauen analysiert.

Es ist auch nicht immer so einfach, man kann ja nicht bloß nach sekundären Geschlechtsmerkmalen im Möbelbau Ausschau halten. Man erlebt auch Überraschungen. Die monströsen, spritschluckenden Stadtgeländewagen zum Beispiel galten als aggressive Männer-Autos. Bis man festgestellte, dass auch viele Frauen sie mögen, nur aus anderen Gründen: Ihrem Beschützerinstinkt suggeriert der Wagen Sicherheit. Frauen kutschieren damit ihre Kinder durch Großstädte, die sie für bedrohlich halten. Nebenbei gibt die Sitzhöhe einen guten Überblick.

Brandes hat Anglistik, Psychologie, Soziologie und politische Wissenschaften studiert. Sie hat über die „Träume und Sehnsüchte von Arbeiterinnen“ promoviert und wurde Design-Kritikerin. Sie ist jetzt 58 Jahre alt und glaubt, beim Betreten einer Wohnung sagen zu können, ob sie von einem Mann oder einer Frau bewohnt wird. Und das zeige sich nicht so sehr in einzelnen Objekten, sondern eher an deren Zusammenstellung. „Frauen haben in der Regel mehr Dinge,“ sie mögen stärkere Farben, die Wohnungen sind kleinteiliger, ihre Betten haben mehr Kissen, die Handtücher sind sorgfältiger gefaltet und insgesamt hochwertiger. Und während Männer häufig jahrelang ihre Kisten nicht auspacken, schlagen die Pflanzen der Frauen längst Wurzeln in ihren Töpfen.

Was also ist zum Beispiel die Bücherecke? – „Die wäre weiblich“, sagt sie, wegen des weiblich-zurückgezogenen Aspekts. Frauen, sagt sie, fühlen sich mit sich allein wohler als Männer.

Und der Eierkocher? – „Der wäre männlich.“ Das Ansinnen nämlich, eine einfache Aufgabe technisch unter Einsatz eines Uhrwerks und Strom lösen zu wollen, lege das nahe. Frauen investierten stattdessen etwas Übung und Gefühl und halten den Eierkocher meist für komplett überflüssig. Natürlich hat die Professorin keinen Eierkocher.

Wie wohnt jemand, der so sensibilisiert durchs Leben geht? Oder anders: Kann eine Frau, die die Konnotation jeder verdeckten Knopfleiste als „typisch weiblich“ kennt, noch unbeschwert wohnen?

Ihr Freund Michael Erlhoff, mit dem sie seit 37 Jahren zusammen ist, der Gründer der Schule ist, an der heute beide unterrichten, ist nicht da. Auffallend paritätisch ist alles verteilt: Im Arbeitszimmer zwei große, identische Schreibtische, die in die gleiche Himmelsrichtung blicken, davor zwei gleiche Schreibtischstühle. Im Wohnraum stehen je noch einmal zwei kleine Tisch mit einer steinernen Platte. Da der Hausherr aus Frankfurt am Main kommt, hat der Künstler in dessen Tisch den Verlauf des Mains gehauen; in ihren Tisch, da sie aus Hannover kommt, den Verlauf der Leine.Unter der Garderobe stehen einträchtig zwei silberne Tretroller für den Stadtausflug.

Wo sind hier noch die Unterschiede? Wohnen hier nicht auch ein Mann und eine Frau? „Wissen Sie, wir sind schon so lange zusammen, für uns gilt das nicht mehr so“, sagt Uta Brandes. Auch sie muss jetzt ein bisschen suchen nach den Unterschieden.

Vielleicht in der Küche. Hier wird die Funktionalität gefeiert, hier hängen Eierschneider, Sieb und metallene Werkzeuge an der Wand und Messer am Magneten. Sie selbst, sagt sie, nimmt für kleine Dinge auch kleine Messer. Ihr Freund dagegen lache darüber und nehme auch für kleine Kräuter große Messer, wie es japanische Meister tun. „Kochen können wir beide sehr gut“, sagt sie, er allerdings die Hauptgerichte, sie Desserts und Vorspeisen. Die elektrische Schneidemaschine war sein Wunsch. Er hätte gerne eine noch größere gehabt, aber da ist ihm früh genug eingefallen, dass sie eigentlich nie Schinken in Gaststätten-Größe verarbeiten.

Vielleicht gibt es auch Indizien im Arbeitszimmer: Bücherstapel auf beiden Schreibtischen, aber auf seinem steht noch ein Schachcomputer, auf ihrem eine Kulturtasche. Und sonst? – Wenn Uta Brandes die akute Schreibtischflucht packt, dann betüttelt sie auf der Terrasse die Rosen, er dagegen spielt gegen seinen Computer Schach. Wer entscheidet, wenn sie etwas kaufen? – „Wir kaufen nichts.“ Es hat sich einfach angesammelt, sagt sie, befreundete Künstler haben sie beschenkt, anderes haben sie ersteigert. An einem Werk des Nagel-Künstlers Günther Uecker hängen die Gummibänder des Hauses, „wenn Uecker das wüsste“. Mit dem Hausherrn, der jetzt nur durch seinen Schachcomputer, seine Schneidemaschine und seine Rauchutensilien präsent ist, teilt Uta Brandes nicht nur Leidenschaften, sondern auch Ängste.

Sie fürchteten sich nämlich lange vor Sofas. Oder genauer: Sie hatten Angst davor, ein Paar mit einer Sofaecke zu werden. Jahrzehntelang war die Angst größer als der Wunsch, weich zu sitzen. Auf ihre Initiative hin haben sie dann 1996 ein schwarzes Lack-Gebilde gekauft, es hat spitze Ecken und runde Aussparungen, in denen man sitzen kann. Es tut sein Bestes, die Polsterung zu verbergen.

Und da merkt man, wie die spezielle Sorge, in Geschlechterklischees zu landen, in der viel größeren, umfassenderen Sorge aufgeht, überhaupt einer Gruppe zuordenbar zu sein. Es ist die Angst davor, im Großen und Ganzen berechenbar zu sein, davor, dass ihr Geschmack nur landläufig sein könnte.

Aber jetzt drängt die Zeit, und im Restaurant gegenüber wartet der Mann, der schon angerufen hat: Er hat seine Zigarillos zu Hause vergessen. Sie läuft in ihren orangeroten Strumpfhosen hinaus, vorbei an den beiden silbernen Rollern, über die Straße, die Zigarillos hat sie dabei.

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