Zeitung Heute : Herrn Reinhardt kennenlernen

Marc Neller

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Ich habe am Wochenende den Theatermann Max Reinhardt kennengelernt – postum und von einer Seite, über die ich bisher zu wenig wusste: Zwei Tage lang habe ich nichts anderes getan, als kluge Gedanken über seine zauberhaften, pompös-abstoßenden Massen-Inszenierungen zu lesen. Zauberhaft, abstoßend – klingt nach Widerspruch? Ist auch einer. Deshalb war die Lektüre ja auch so anregend.

Dieses Zusammentreffen mit Herrn Reinhardt war ein Aha-Erlebnis mit Ansage. Und eines, das ohne höhere Gewalt in nächster Zeit wohl nicht zustande gekommen wäre. Gerne würde ich behaupten, ich hätte nach jahrelang liebevoll gehegten Vorsätzen nun aus reinstem Interesse stapelweise Literatur über Reinhardt verschlungen. Nur wäre das schamlos gelogen: Die Stapel mit Büchern, die ich unbedingt endlich mal lesen wollte und will, nehmen langsam beängstigende Ausmaße an – aber lassen wir das. Am Wochenende aber war alles anders. Sogar eine wissenschaftliche Abschlussarbeit über Reinhardts Massentheater habe ich gelesen. Leider muss ich zugeben, dass ich es getan habe, weil kein Aufschub mehr möglich war: Die wissenschaftliche Studie war die Magisterarbeit meiner Frau, in dieser Woche ist ihr Abgabetermin. Meine Frau war etwas nervös deswegen, was man ihr vermutlich nicht verdenken kann. Sie wartete auf meine Korrekturen. Zudem befindet sie sich in jener Universitäts-Abschluss-Phase, in der man sich in einem Moment noch für den größten Abschlussarbeits-Autor aller Zeiten hält, und nur eine Minute später schon für die peinlichste Niete, die sich je daran versucht hat, eine fundierte und noch gut lesbare wissenschaftliche Arbeit zu verfassen.

Herr Massentheater-Reinhardt war faszinierend. Ich habe über der Lektüre vergessen, den Schlafanzug gegen adäquate Kleidung einzutauschen. Vielleicht wäre das Herrn Reinhardt aber auch egal gewesen. Seine Massen- Inszenierungen sollten alle gesellschaftlichen Schichten anlocken.

Frau N.’s Magisterarbeit ist unverkäuflich. Reinhardt-Literatur gibt es in Buchhandlungen

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