Zeitung Heute : Herrn Schindlers Strukturwandel

Die Zeche schließt, BenQ geht pleite. In Kamp-Lintfort verschwinden gerade Vergangenheit und Zukunft

Anna Kemper[Kamp-Lintfort]

Am Dienstag, dem 30. Januar, ließ Karl-Heinz Schindler das, was seine Zukunft hätte sein sollen, hinter sich. Er montierte das letzte Handy, räumte seinen Schreibtisch auf und trank am Werksausgang von BenQ Mobile noch ein Bier mit seinen Kollegen. Zum Abschied verteilte der Betriebsrat rote Rosen, Karl-Heinz Schindler umwickelte seine mit dem weißen Werkskittel und steckte sie in seine Tasche, nur der Blütenkopf ragte hinaus.

Auf dem Fahrrad fuhr der 50-Jährige nach Hause, durch die Friedrich-Heinrich-Allee einmal um das Bergwerk West herum. Auch hier hatte er einmal gearbeitet, 18 Jahre lang, hatte jeden Tag vor Tor 1 sein Rad abgestellt, sich in der Kaue die schweren Stiefel, die graue Kluft angezogen und den Helm aufgesetzt und war im Förderkorb 1200 Meter in die Tiefe gerast. Unter Tage arbeitete er als Elektriker. Dann las er nach einer Nachtschicht die Stellenanzeige von Siemens Mobilfunk – dem BenQ-Vorgänger –, und an einem Morgen im Mai 1995 begann sein ganz persönlicher Strukturwandel. Damals radelte er an der Zeche vorbei und bog zu Siemens ab, „in dem Moment“, sagt Karl-Heinz Schindler, „war ich in Hochstimmung“.

Kamp-Lintfort am Niederrhein, 15 Autominuten nördlich von Duisburg, 40 000 Einwohner. Seit ein paar Tagen steht die Produktion beim insolventen Handyhersteller BenQ still, 1700 Menschen haben hier gearbeitet, beim zweitgrößten Arbeitgeber der Stadt. Der größte ist das Bergwerk West, 3550 Bergleute, wohl spätestens bis 2018 dreht sich die Seilscheibe noch, so beschloss es vergangene Woche die Regierungskoalition in Berlin. Wie sieht es aus in einer Stadt, in der die Industrie der Zukunft gescheitert ist und die der Vergangenheit vor dem Aus steht?

Das wird Bürgermeister Christoph Landscheidt in diesen Tagen oft gefragt. In der Tourismusbroschüre der Stadt, die im Rathaus ausliegt, steht neben dem Grußwort des Bürgermeisters eine Anzeige, „BenQ – It’s the center of Enjoyment“. Der Handyhersteller war ein Aushängeschild der Stadt, der wichtigste Schritt weg von der Schwerindustrie. Noch liegt die Arbeitslosenquote in Kamp-Lintfort mit 9,4 Prozent unter dem nordrhein-westfälischen Durchschnitt. Aber Gelsenkirchen mit seinen 17 Prozent ist nicht weit.

Der promovierte Jurist Landscheidt ist vorbereitet, per Power-Point-Projektion wirft er die Standortvorteile Kamp-Lintforts an seine Bürowand, mit drei Nachbargemeinden hat sich die Stadt zur Wirtschaftsinitiative „Wir Vier“ zusammengeschlossen, diesen Monat gibt es einen „Zukunftsgipfel“. Und im Wettbewerb um die „T-City“ ist die Stadt unter den letzten zehn Bewerbern, 52 Städte zwischen 25 000 und 100 000 Einwohnern hatten sich um den Titel beworben. Sollte Kamp-Lintfort gewinnen, dann vernetzt die Telekom die Stadt mit einer Breitband-Infrastruktur, eine Investition von bis zu 35 Millionen Euro. Am 21. Februar fällt die Entscheidung. Aschermittwoch.

In Dortmund kann man auf der Zeche Zollern heiraten, in Essen gibt es Designausstellungen in der Kohlenwäsche, in Oberhausen zeigte Christo Großkunst in einem alten Gasometer, und in Kamp-Lintfort ist der Tag, an dem das Bergwerk West zur Kulisse wird, plötzlich greifbar geworden. „Wie ein Damoklesschwert“ hänge die Schließung der Zeche ja schon seit Jahren über der Stadt, sagt Landscheidt, aber auch ihn habe der Zeitpunkt des Beschlusses überrascht.

Bevor die Zeche 1906 gegründet wurde, war Kamp-Lintfort ein Dorf. Die Stadt ist um das Bergwerk gewachsen, das Zentrum wurde in den 60er Jahren auf dem Gelände einer alten Ziegelei errichtet. Aus den Bürofenstern im Rathaus sieht man graue Wohnblöcke mit vorspringenden Balkonen und drei Hochhäuser, die „Weißen Riesen“. Damals hatte man gedacht, in Kamp-Lintfort würden einmal 80 000 Menschen leben. Jetzt stehen zwei der Türme leer, mit eingeschlagenen Scheiben. Der SPD-Bürgermeister nennt sie „Bausünden“, wenn er über sie spricht, weist er nur mit der Hand in ihre Richtung, so als wolle er jeden überflüssigen Blick vermeiden. Bald sollen sie abgerissen werden, noch so eine Vision, die sich überlebt hat. Landscheidt spricht von den Plänen, „ein grünes Wohngebiet mit einer innenstadtverträglichen Einzelhandelsmischstruktur“, die Kosten wird das Land tragen.

Direkt neben den Türmen liegt die Altsiedlung, in den 20er Jahren wurde sie für die Bergleute gebaut: kleine Doppelhäuser mit Erkern und grünen Fensterläden, an einem Giebel steht unter der aufgehenden Sonne „Glück auf!“. In einem dunkelroten Backsteinhaus, auf dem das Dach wie eine tief ins Gesicht gezogene Mütze sitzt, wohnt seit 20 Jahren Karl-Heinz Schindler.

Noch zählt er nicht als arbeitslos in der Statistik, wie fast alle seiner Kollegen ist er jetzt bei der Transfergesellschaft PEAG angestellt, dort hat er einen eigenen Berater, der ihm bei der Arbeitssuche helfen soll. Bei BenQ hat Schindler, der mit seinen roten Wangen, den Fältchen, die von den Augenwinkeln wegstrahlen, und seiner kleinen Lücke zwischen den Schneidezähnen immer ein bisschen verschmitzt aussieht, dafür gesorgt, dass Handy-Prototypen in der Fertigung in Serie gingen, nur in den letzten Wochen montierte er Handys. Nun kauft er vormittags ein, dann kocht er für die Familie.

Im Wohnzimmer hängen Fotos seiner zwei Kinder, die Tochter studiert in Düsseldorf, der Sohn wird nach dem Zivildienst wohl ausziehen. Auch Karl-Heinz Schindler würde das Haus für einen Job in einer anderen Stadt „sofort aufgeben“.

Noch bis Dezember bekommt er 84 Prozent seines Nettoeinkommens, findet er vorher einen Job, dann gibt es eine „Turboprämie“. Ist er Ende des Jahres immer noch ohne Arbeit, dann zahlt die PEAG ihm für jedes Jahr bei Siemens und BenQ mindestens 2700 Euro. Das schützt vor dem Fall ins Nichts, aber Schindler macht sich keine Illusionen, „in meinem Alter ist es schon schwierig, überhaupt zum Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden“.

Die Angst, die ihn in den Wochen nach der angekündigten Insolvenz nicht schlafen ließ, hat er nicht mit seinen Kollegen geteilt. Ein paar Mal war er im Solidaritätszelt, das der Betriebsrat vor dem Werk aufgebaut hatte, „aber da war nur ein kleiner Kern von Mitarbeitern“, ihn habe es nur noch mehr deprimiert, dort zu sitzen.

Die Stadt scheint des Kämpfens müde. Mitte der 90er Jahre war das noch anders, als die Kohl-Regierung die Kohlesubventionen streichen wollte, „da legten die Bergarbeiter die ganze Stadt lahm“, erinnert sich Michael Ziebuhr. Die Kirche des evangelischen Pfarrers liegt direkt gegenüber der Zeche, vor der Kirche steht eine Stahlskupltur, „Ora et Labora – In Sorge um die Region“ steht daran, der „Arbeitskreis Kirche und Bergbau“ hat sie aufgestellt. 1995 besetzten die Frauen der Bergleute wochenlang die Kirche, ein Jahr später, während der „Brücke der Solidarität“, hielt Ziebuhr den Weihnachtsgottesdienst draußen, „bei klirrender Kälte vor bestimmt 7000 Leuten“.

Mittlerweile habe die Solidarität nachgelassen. Die Enttäuschung sei einfach so groß, dass die Leute sich von Protesten keine Änderungen mehr erwarteten. In vielen Bergarbeiter-Familien hätten die Frauen bei BenQ gearbeitet, ein Standbein in der Vergangenheit, eines in der Zukunft, „jetzt steht beides vor dem Aus“.

Still ist es in Kamp-Lintfort geworden. Zum Einkaufen fährt man lieber nach Oberhausen ins Centro, auf der Moerser Straße in Kamp-Lintfort verdrängen die Filialen mit Billigware den Einzelhandel. Das nächste Kino ist in Moers, abends tanzen die Jugendlichen in den Diskos in Duisburg, und die typische Kneipenkultur der Bergleute, sagt der Pfarrer, die gebe es gar nicht mehr. Wie die Stadt in zehn Jahren aussehen wird? „Wenn hier nichts passiert, dann wird Kamp-Lintfort zur Schlafstadt.“

885 Meter unter Tage sind die Worte härter. Das Aus von BenQ und Zeche sei für Kamp-Lintfort das „Todesurteil“, sagt Ralf Gorczewski. Der 48-jährige Reviersteiger bildet die Azubis unter Tage aus, heute ist er im Lokschuppen, einem hell erleuchteten Tunnel nahe dem Schacht, wo zwei Lehrlinge gerade eine Diesellok demontieren. Das Bergwerk West bildet 377 junge Leute aus, Elektroniker, Mechatroniker, Industriemechaniker, „welcher Arbeitgeber soll diese Lehrstellen denn ersetzen?“.

Von den Auszubildenden kann das Bergwerk keinen mehr übernehmen. Der 20-jährige Benjamin Wagner ist im dritten Ausbildungsjahr zum Mechatroniker, seit ein paar Wochen arbeitet er unter Tage. Zukunftsangst ist kein Thema, über das er gerne redet, lieber erzählt er von der Kameradschaft unter Tage, wo sich alle duzen. Ralf Gorczewski weiß, dass die Jobsuche nicht einfach wird. Trotz der guten Ausbildung auf der Zeche sind viele seiner ehemaligen Lehrlinge arbeitslos.

Und: Über 100 Kumpels wechselten damals mit Karl-Heinz Schindler zu Siemens, „wie soll man da noch Leuten erzählen, dass es gut sei, sich Arbeit über Tage zu suchen?“ fragt Gorczewski.

Kohle, die heimische Energiequelle, die sollte man doch nicht so einfach aufgeben, lange hat man sich an diesem Mantra festgehalten. Doch als im September Arbeitsminister Franz Müntefering vor den Kumpels des Bergwerks stand und sagte, die SPD werde sich für den Bergbau einsetzen, einen „Sockelbergbau“, da war Gorczewski schon skeptisch.

Auch bei BenQ fuhr im Herbst die Politprominenz vor, Ministerpräsident Jürgen Rüttgers nannte vor den roten Fahnen der IG Metall die Pleite eine „große Sauerei“, er sei wütend, wie man mit den Mitarbeitern umgesprungen sei. Karl- Heinz Schindler beschreibt den Besuch eher nüchtern: „Der Rüttgers ist vorgefahren, es war voll, er hat seinen Standpunkt mitgeteilt.“ Er selbst habe dem keine Bedeutung beigemessen. Aber er ist sich sicher, dass der Ministerpräsident, als er auf dem Weg zu BenQ an der Zeche vorbeifuhr, zu seinem Fahrer sagte: „Und die machen wir demnächst zu.“

Rüttgers stand damals vor dem Haupteingang von BenQ, heute ist es hier leer. Das silberne Werk liegt da, als warte es darauf, dass es bald losgehe – und nicht, als seien die Letzten gerade gegangen. Neben dem Eingang ist ein Laden eingerichtet, „EF 81 – Natürliche Eleganz auf kleinstem Raum“ steht auf einem Aushang am Fenster. EF 81, das ist das Handy, das Karl- Heinz Schindler in den letzten Tagen bei BenQ montiert hat, jetzt gehört es zur Insolvenzmasse. Die unverbindliche Preisempfehlung lag bei 458 Euro, hier gibt es EF 81 für 109 Euro, Opa kauft eins für seine Enkel, ein anderer nimmt gleich vier Stück, über 100 sind heute schon über die Theke gegangen.

Die Rose, die Karl-Heinz Schindler an seinem letzten Arbeitstag bekommen hat, ist schon auf der Heimfahrt abgeknickt. Karl-Heinz Schindler hat sie abgeschnitten, in einer kleinen Vase steht sie jetzt auf seinem Küchentisch. Verblüht ist sie noch nicht. Aber die Ränder der Blütenblätter sind schon schwarz.

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