Zeitung Heute : Herrschaften! (Kommentar)

Caroline Fetscher

Frauen, Achtung, es geht uns an den Leib. Der Deutsche Werberat, hören wir, ist "besorgt über entwürdigende Darstellung von Frauen in der Werbung". Bilder von Mädchen, auch minderjährigen, "in eindeutigen Posen würden rücksichtsloser", und die Werbewirtschaft soll nun "die Würde der Frau mehr achten". Hunderte von Bürgerinnen und Bürgern haben sich 1999 beim Rat beschwert, ein Drittel mehr als im Jahr davor. Sie erkannten die gezielte Kampagne zur Verrohung der Sitten. Denn viele Firmen handelten, so sagte jetzt der Vorsitzende des Werberates, "kalkuliert gegen herrschende moralische Auffassungen".

Herrschende? Ha, ertappt! Alles stammt von den Männern, auch die "moralischen Auffassungen". Wo ist der Rat, der die Gewalt in der Sprache rügt? Nicht nur in bestimmten Worten. Die Gewalt in der Sprache steckt zum Beispiel in der Grammatik. Jeder einzelne Satz in der Muttersprache unseres Vaterlandes spiegelt Hierarchie. "Ich kaufe einen Kamm": Subjekt, Prädikat, Objekt. Kein vollständiger Satz kommt bei uns ohne das aus.

Herrschaft, wo man hinguckt. Da ist es nicht nötig, das Fernsehen anzuschalten, um wieder beim Gipfeltreffen nur Krawatten zu sehen. Man muss nicht die halbnackten Lolitas für Jeans und Margarine werben sehen oder die endlosen Artikel lesen, in denen Herren andere Herren an Geburtstagen und Todestagen preisen und rühmen.

Die Herr-schaft löst sich nur da auf, wo wir Macht und Manipulation durchschauen lernen, ihr Kalkül, ihre Lächerlichkeit, Profitgier und Prestigesucht. Dann ist es ganz egal, wie die Mädchen auf den Posters posieren.

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