Zeitung Heute : Herrscher, Kriegstreiber, Monster, Musical-Held

Die Rezeption Friedrichs II. auf deutschen Bühnen von der Kaiserzeit bis heute – ein Spiegelbild deutscher Befindlichkeiten.

Das „kulturelle Highlight des Jubiläumsjahres 2012“, ein regelrechtes „Leuchtturmprojekt“ zu Friedrich II. steht uns noch bevor: die Welt-Uraufführung des Musicals „Friedrich – Mythos und Tragödie“ am 1. Juni, aufgeführt am „Originalschauplatz Potsdam“, wo uns das „aufregende zweite Gesicht einer großen historischen Figur“" nahegebracht werden soll. Mit den „besten Darstellern Deutschlands...und Musik mit Ohrwurmcharakter“, also ein „ideales Paket für Busreiseveranstalter und Individualtouristen.“

Ach!, möchte man mit Kleist seufzen. Dabei hatte Potsdam doch schon eine Friedrich-Show kurz vor seinem 300. Geburtstag: „Fritz!“, am Hans Otto-Theater am 14. Januar uraufgeführt. Eine Mischung aus „Rokokonummernrevue“ und „Nazivarieté“, wie jemand schrieb, die die zentrale Frage stellte (aber zum Glück unbeantwortet ließ): Wer war Friedrich II? „Verächter der Frauen, Räuber Schlesiens, Wegbereiter Hitlers“? Oder doch „Philosoph auf dem Thron, der Folter und Zensur abschaffte...Komponist, Dichter, Architekt?“

Die Musical-Macher des „Leuchtturmprojekts“ irren also. Es gibt nicht nur das „aufregende zweite Gesicht“ Friedrichs II. Es gibt viel mehr! Schon zu Lebzeiten rankten sich widersprüchliche Legenden um ihn. Hunderte Gemälde (obwohl sich Friedrich nur einmal porträtieren ließ), Büsten und Denkmäler entstanden in den Jahrzehnten nach seinem Tod 1786, zahlreiche Filme, Biografien und gut ein Dutzend Theaterstücke kamen im 20. Jahrhundert hinzu. Und „jede Epoche...machte sich ihren Friedrich“, wie es im Katalog der Ausstellung „Friedrich der Große – verehrt, verklärt, verdammt“ im Deutschen Historischen Museum heißt. „Beschäftigt man sich heute mit den ...Hinterlassenschaften...des Kultes um Friedrich II., so wird man wechselnde Vereinnahmungen, aberwitzige, wie gefährliche Instrumentalisierungen dieser Person gewahr...Zerr- und Spiegelbilder vergangener Gesellschaften...“: Der schöngeistige Friedrich in Adolph Menzels „Flötenkonzert von Sanssouci“ aus dem Jahr 1852. Friedrich als Staatslenker und Kriegsherr im Reiterdenkmal von Christian Daniel Rauch, 1851 Unter den Linden aufgestellt.

Berühmt sind auch die Fridericus-Rex-Filme aus der Weimarer Republik, die die Lebenserzählung Friedrichs zur Propaganda für die Wiedereinführung der Monarchie nutzten: Die Unterwerfung Friedrichs unter den Willen des Vaters führt darin zu einer charakterlichen Stärkung des künftigen Herrschers, der fortan seine Macht ausschließlich zum Wohle des Volkes gebraucht.

Das Vater-Sohn Motiv bestimmte auch die ersten Theaterstücke, die noch zur Kaiserzeit entstanden. 1914 erschien „Katte“ von Hermann Burte, einem späteren Nationalsozialisten. Im Zentrum des Geschehens befindet sich Hans Hermann von Katte, der Freund des Kronprinzen, den Friedrichs Vater zum Tode verurteilt und vor Friedrichs Augen hinrichten lässt.

Burte zeichnet Katte als flattrigen Zauderer, der den unreifen Friedrich fast auf die Seite des Zweifels gezogen hätte, wenn der Herr Papa nicht kurzen Prozess und den Sohnemann auf den rechten Pfad der Staatsverpflichtung zurückgeführt hätte. 1928 jubelte ein Rezensent im „Deutschen Volkstum“: „ein Werk von rassigem, reinem, lauterem Deutschgehalt“.

In eine ähnliche Kerbe wie „Katte“ schlug auch „Preußengeist“ von Paul Ernst, das 1915 herauskam. Wieder löst Kattes Hinrichtung eine tiefe Wandlung in Friedrich aus, der demütig seinem Vater bekennt: „Vor kurzem Majestät, noch hätt´ ich wohl/ Gebeten: Lasst mich meinem Freunde folgen. / Jetzt sag ich: Laßt mich leben, Majestät, /Denn ich gehöre meinem Vaterland.“ Trotzdem durfte das Stück in Preußen nicht aufgeführt werden, der Kaiser wollte solche Konflikte im Zusammenhang mit Friedrich dem Großen grundsätzlich nicht auf der Bühne sehen.

Dass Hitler Friedrich II. verehrte und sich als sein Nachfolger sah, ist bekannt. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes wurde auch Friedrich als Kriegstreiber verdammt – sowohl in Ost-, als auch in Westdeutschland. In der DDR wurde das Reiterstandbild Unter den Linden demontiert und Friedrich der Große als Zeichen der Verachtung zu Friedrich II. geschrumpft. Erst Ende der siebziger Jahre änderte sich die Sicht, zumindest in der DDR, als man sich bewusst wurde, dass das Land zum großen Teil in Preußen-Brandenburg lag. Ende 1980 wurde das Reiterstandbild dann wieder aufgestellt.

Die Stücke, die in diesen Jahren über Friedrich entstanden, legten freilich einen neuen Schwerpunkt. In „Germania Tod in Berlin“ hatte Heiner Müller schon in den 60er Jahren Friedrich als Vampir in sein Potsdamer Schloss kommen lassen. Auf einem der Stühle sitzt ein Maurer, der ihn so begrüßt: „Bei mir bist du verkehrt. Fick deinen Hund“. 1976 schrieb Müller „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei“, in dem er Friedrich als geilen Zyniker auftreten lässt und am Beispiel Lessings die Ohnmacht Intellektueller in einem repressiven Staat vorführt. Im Osten wurde das Stück erst 1991 am Maxim Gorki Theater gespielt, die Uraufführung fand 1979 in Frankfurt am Main statt. Damals schrieb Helmut Schödel in der „Zeit“: „Aus seinem ,Transsylvanien’ Preußen entsteht für Müller die Kontinuität deutscher Geschichte: das fortgesetzte Auftreten deutscher Monster.“

Statt Heiner Müller wurde erst in Rostock, dann in Ost-Berlin das kabarettistische Witzstück „Die Preußen kommen“ von Claus Hammel gespielt, das mit vielen Kalauern auf den DDR-Alltag anspielte. In der „Prüfungsanstalt zur Reintegration historischer Persönlichkeiten“ geht es um die Frage, wie Luther und Friedrich II. reintegriert, also in das Geschichtsbild der DDR eingepasst werden können.

1982 wurde im Deutschen Theater unter der Regie von Alexander Lang aber auch „Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen“ gegeben, nach einem von Lang umgearbeiteten Fragment von Heinrich Mann. Mit Kurt Böwe als König Friedrich Wilhelm I. und Katrin Klein als junger Friedrich.

In bester Volkstheatermanier, wie das „Neue Deutschland“ schrieb, wird also wieder eine Vater-Sohn Geschichte erzählt. Nur führt die strenge Hand zu einem ganz anderen Ergebnis als in den Stücken zu Beginn des Jahrhunderts. Drill und Prügel schaffen keine Läuterung, sondern Verschlagenheit. Friedrich Wilhelm I. zieht sich einen hartherzigen Heuchler heran.

Das Musical „Friedrich – Mythos und Tragödie“ erzählt übrigens vorwiegend von „Kindheitstrauma“ und einer überaus engen Bruder-Schwester-Beziehung. Fragt sich, was dieses Bild von uns verrät.

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