Hertha-BSC : Der zwölfte Freund

Dank Fairness-Klausel: Die Fußballer von Hertha BSC werden im Uefa-Cup spielen

Stefan Hermanns[München]

Man kann den Spielern von Hertha BSC wirklich nicht vorwerfen, dass sie nicht alles für ihr großes Ziel getan haben. Sie haben nämlich wirklich gar nichts getan, und das war das Beste, was sie in dieser Situation tun konnten: Sie haben nicht gegrätscht und nicht gefoult, sie haben sich nicht in die Zweikämpfe geworfen, ihre Körper nicht eingesetzt, sie haben keine Gelbe Karte gesehen. Wie auch? Selbst bei den Fouls lagen die Bayern am Ende 11:10 vorne. Aber Hertha hat sich gerne von den Münchnern vorführen lassen. Etwa von Luca Toni beim ersten Tor. Der Ball flog von der Seite in den Strafraum, Toni sprang nicht einmal hoch, sondern wartete, bis ihm der Ball auf den Kopf und von dort ins Tor flog. Herthas Verteidiger Steve von Bergen stand ruhig daneben.

Die Berliner waren in jeder Hinsicht freundliche Gäste bei diesem Spektakel in der Münchner Arena. Sie verloren brav 1:4 und störten die Festlichkeit nicht weiter. „Die Mannschaft konnte nur schwer mit der großen Inszenierung umgehen“, sagte Dieter Hoeneß, der Manager des Berliner Fußball-Bundesligisten. „Und zudem haben die Spieler wohl auch noch die Diskussion um die Fair-Play-Wertung im Kopf gehabt.“ Auch wenn Herthas Spieler sich in München anders verkaufen wollten – im Nachhinein muss man feststellen: Falsch waren diese Gedanken wohl nicht. Denn am Morgen nach dem Spiel klingelte bei Hoeneß das Telefon. Es meldete sich Holger Hieronymus, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga. Er hatte eine erfreuliche Nachricht: Hertha BSC habe sich über die Fairplay- Wertung für den Uefa-Cup qualifiziert. Und Herthas Trainer Lucien Favre kommentierte trocken: „Das ist eine schöne Überraschung.“

Es ist aber auch eine nette Pointe, mit der diese nicht wenig turbulente Saison für die Berliner endet. Mit einem Spiel, das die Mannschaft ganz anders spielen wollte, hat der Verein ein Saisonziel erreicht, das er gar nicht hatte.

Fairplay und Hertha? Vor einiger Zeit kamen aus der Mannschaft noch die bösen Jungs der Liga, eine Art fußballerische Entsprechung zu den Berliner Gangster-Rappern Sido und Bushido. Alexander Madlung etwa, der inzwischen für den VfL Wolfsburg spielt, sammelte Anfang des Jahres 2006 innerhalb von drei Wochen drei Platzverweise, und er war damit nur der prominenteste Vertreter der harten Linie. Josip Simunic oder Kevin-Prince Boateng traten kaum weniger rüde auf. In dieser Saison aber ist alles anders. Keine Rote Karte. Keine Gelb-Rote. Hertha ist die fairste Mannschaft der Bundesliga. Und das Schöne ist: Diese Entwicklung entspringt nicht dem Zufall.

Seit dem Anfang der Saison diskutieren die Hertha-Fans darüber, was sie von ihrem neuen Trainer Favre halten sollen. Den einen verheißt er den längst überfälligen Aufbruch; die anderen trauen ihm nicht so richtig, weil sie keine Fortschritte in Herthas Spiel erkennen können. Favre hat fast den kompletten Kader austauschen lassen; er hat die Spieler bekommen, die er haben wollte; er hat akribisch an taktischen, technischen und spielerischen Details gearbeitet – aber der von ihm angekündigte schnelle, offensive Fußball war viel zu selten zu sehen. Seine erste Saison in der Bundesliga endet mit Platz zehn für Hertha. Genau wie die vergangene, als Falko Götz noch Trainer war.

Doch vielleicht ist der Verlust des Brutalo-Images das erste deutliche Zeichen dafür, dass Favre wirkt. „Es ist wichtig, dass man ohne Rote Karte auskommt“, sagt er. „Das gehört zu meiner Philosophie.“

Im deutschen Fußball, der international längst nicht mehr zur Spitze zählt, galt die krachende Zweikampfführung lange als besonderer Qualitätsausweis. Diese Ansicht aber ändert sich langsam. Bundestrainer Joachim Löw hat sich schon im vergangenen Sommer über das dilettantische Zweikampfverhalten in der Bundesliga beschwert. „Da wird einfach auf den Mann gegrätscht, ohne eine Chance, den Ball zu spielen“, klagte Löw. Deutsche Abwehrspieler foulten zu oft und zu früh und nähmen dadurch vermeidbare Freistöße des Gegners in Kauf. Dabei ist das Entscheidende ja nicht, den Angriff des Gegner zu stoppen. Entscheidend ist, den Angriff des Gegners zu stoppen und selbst in Ballbesitz zu kommen, um den kurzen Moment der Unordnung in der gegnerischen Defensive für den eigenen Angriff zu nutzen.

Balleroberung ist auch das Thema von Lucien Favre. Immer wieder hat er auf die Schwächen seiner Mannschaft in diesem Punkt verwiesen, immer wieder dessen besondere Bedeutung hervorgehoben. Favres Idee vom Fußball beruht auf Ballzirkulation – dafür aber muss man den Ball auch haben. Und wenn man ihn nicht hat, muss man zusehen, dass man ihn schnell bekommt.

Erfolge entscheiden sich oft an Kleinigkeiten, wobei sie bei Hertha schnell geahnt haben, dass Favre in seiner Wirkung eher ein Evolutionär ist als ein Revolutionär. Die erste Saison des Schweizers in der Bundesliga wurde offiziell zum Jahr des Umbruchs ausgerufen, die Geduld der Verantwortlichen schien grenzenlos, die Ansprüche hingegen blieben für Berliner Verhältnisse immer maßvoll. Einen einstelligen Tabellenplatz sollte Hertha erreichen – das hat sie nicht geschafft, im Uefa-Pokal spielt sie trotzdem. Nun hat die Mannschaft das Problem, dass sie schon am 17. Juli in der ersten Qualifikationsrunde antreten muss, mitten in der Vorbereitung auf die neue Saison.

Nach dem Drei-Jahresplan den Dieter Hoeneß im vergangenen Herbst aufgestellt hat, sollte die Mannschaft den Uefa-Cup erst in der kommenden Saison anpeilen – und im Jahr darauf die Champions League. Das ist eine viel größere Herausforderung, doch Herthas Manager bestreitet, dass er die ambitionierten Ziele aus Euphorie heraus getroffen habe. Er glaube wirklich an den Fortschritt. „Wir werden ehrgeiziger sein“, sagt Hoeneß.

Und in der Tat hat die Vergangenheit gezeigt: Es ist nicht unmöglich, innerhalb eines Jahres aus dem unteren Mittelfeld in oder an die Uefa-Cup-Plätze heran zu stoßen. Hertha selbst hat das 2005 geschafft, nachdem die Mannschaft in der Saison zuvor beinahe abgestiegen wäre, genauso vor einem Jahr der 1. FC Nürnberg oder gerade der VfL Wolfsburg. Viel schwieriger ist der zweite Schritt: sich dort oben zu behaupten. Das hat Hertha schon nach 2005 nicht geschafft, und dem ewigen Abstiegskandidaten Nürnberg ist es überhaupt nicht bekommen, dass er in der vorigen Saison sein Haupt ein wenig zu weit emporgereckt hat.

Die Bundesliga ist eine weitgehend undurchlässige Klassengesellschaft – vor allem die ersten fünf, sechs, sieben Vereine grenzen sich erfolgreich gegen alle Emporkömmlinge ab, gegen die Hannovers, Frankfurts und Nürnbergs: Sie verfügen über finanzielle Ressourcen, die ihre Vorherrschaft dauerhaft sichern. Aus den zehn Spielen gegen die ersten fünf der Bundesliga hat Hertha in der gerade zu Ende gegangenen Saison nur einen Sieg geholt – gegen Wolfsburg. Und lediglich sechs von 30 möglichen Punkten. Genau das aber sind die Mannschaften, mit denen Hertha sich in der neuen Spielzeit auf einer Höhe sieht.

Herthas Hoffnungen auf einen stabilen Aufschwung gründen vor allem auf Trainer Favre. Er fiel auch mit dem FC Zürich zunächst tief und gewann dann zweimal die Meisterschaft. So einfach wird er es in Deutschland nicht haben – weil die Voraussetzungen andere sind. Favres Erfolg basiert zu großen Teilen auf der Verpflichtung der richtigen Spieler; das hat er selbst immer wieder gesagt. In der Schweiz besaß er mit seinem Verein jedoch eine größere Macht als in Deutschland mit Hertha. Mit dem FC Zürich konnte er als Marktführer Spieler der ersten Kategorie für sich gewinnen und damit den Abstand zur Konkurrenz weiter vergrößern. In Deutschland gehen Spieler der ersten Kategorie nicht zu Hertha, sondern zu den Bayern, zu Schalke oder Bremen und inzwischen wohl auch nach Wolfsburg.

Wolfsburgs Trainer Felix Magath darf in diesem Sommer noch einmal 15 Millionen Euro investieren, um den VfL dauerhaft in der Bundesligaspitze zu etablieren, bei Bedarf gibt Volkswagen sogar noch ein bisschen mehr. Zum Vergleich: Favre stehen bei Hertha BSC für Verstärkungen gerade einmal neun Millionen Euro zur Verfügung. Für das nächste Saisonziel, so lässt sich vermuten, wird Fairness allein wohl nicht mehr ausreichen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben