Zeitung Heute : Herthaner aller Länder

Der Tagesspiegel

Von Klaus Rocca

Berlin. So ganz einfach scheint es für Alex Alves noch immer nicht zu sein, sich an die deutsche Disziplin zu gewöhnen. Als sich seine Mannschaftskameraden schon auf den Weg zum Teufelsberg machten, rollte sein Wagen, gelenkt vom Chauffeur, erst auf den Parkplatz. Noch ehe der Wagen hielt, sprang Alves heraus und lief seinen Kameraden hinterher. Ein wenig schuldbewusst blickte er dabei drein. Wohl aus dem Wissen heraus, dass er nicht überziehen darf. Zu oft hat er schon die Diskrepanz zwischen der brasilianischen und der deutschen Mentalität erkennen lassen.

Natürlich ist sich Alves seines derzeitigen Wertes bewusst. Nicht nur, weil er nach dem Joggen der einzige Herthaner war, der ein Autogramm geben musste. „Er ist einfach gut drauf. Nicht nur seiner Tore wegen“, weiß Falko Götz. Ein wenig darf er sich dabei selbst loben, hat er doch in Gemeinschaftsarbeit mit seinem Kotrainer Andreas Thom dem Brasilianer fast schon verloren geglaubtes Selbstvertrauen zurückgegeben.

Falko Götz selbst hat davon eine gesunde Portion. Dass seine Mannschaft am Vortag mit dem Tor von Alves ein 1:0 gegen Rostocks biedere Truppe erzittert hatte – na und? „Wer fragt denn am Dienstag noch danach, wie wir gespielt haben?“, sagt Götz. Überhaupt: Man solle doch nicht immer große Leistungen erwarten. Wenn sich Mannschaften wie Rostock hinten reinstellen und nur auf Konter lauern, könne kein großes Spiel herauskommen. Wobei Rostock freilich während fast der gesamten zweiten Halbzeit das Spiel machte. Fußballerische Maurer waren da keineswegs am Werk.

Wie auch immer, Götz möchte das Spiel, abgesehen von den drei Punkten, schnell abgehakt sehen. Der Blick geht nach vorn. Das nächste Spiel, lautet die Floskel, ist immer das schwerste. Wirklich immer? Da hat Götz so seine Schwierigkeiten, hatte er doch unisono mit Manager Dieter Hoeneß die Partie gegen Rostock als die schwerste der letzten vier dieser Saison bezeichnet. Jetzt galt es zu relativieren. Götz: „Natürlich sind Bayern München, Schalke und Leverkusen höher einzustufen, doch der Druck vor dem Duell mit Rostock war enorm hoch. Schließlich stand nur die Höhe unseres Sieges zur Debatte.“ Nun also die Bayern. Des Trainers Erinnerungen sind gemischt. Einmal habe er mit Leverkusen in München 3:0 gewonnen, aber es setzte für ihn dort auch so manche Niederlage.

Nun also mit Volldampf voraus, dem im Kampf um Platz drei so eminent wichtigen Spiel am Sonnabend in München entgegen. So ganz mit Volldampf nun doch wieder nicht. Götz will nicht klagen, aber ein wenig leidgeprüft klingt er schon, wenn er sagt: „Die richtige Vorbereitung ist das nicht.“ Bis zum Donnerstag muss er auf sechs Spieler verzichten, darunter fünf Stammspieler. Kiraly, Dardai, Goor und Simunic sind am Mittwoch mit ihren Heimatländern im Einsatz, Ersatzmann Ludvigsen auch. Und Marx trägt tags zuvor das DFB-Trikot beim Junioren-Länderspiel gegen Russland.

Nun sind derartige Abstellungen für einen Hertha-Trainer nicht neu. Den Götz-Vorgänger Jürgen Röber traf es meist härter. Zeitweilig musste er zwei, drei deutsche A-Nationalspieler und weitere Nachwuchsspieler entbehren, neben den Ausländern. Wären Deisler und Rehmer fit, hätte Hertha beide jetzt auch abstellen müssen. Doch in der jetzigen heißen Saisonphase sind derartige Ausfälle ein beträchtliches Handicap. Trost für Götz und ausgleichende Gerechtigkeit: Ottmar Hitzfeld geht es kaum anders.

Ginge es für Hertha in München schief, würden die Abstellungen der Nationalspieler also nicht als Ausrede herhalten. Doch für Götz ist das ohnehin kein Thema. Schon deshalb nicht, weil er ein Abgleiten von der Erfolgswelle erst gar nicht ins Kalkül zieht.

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