Zeitung Heute : Herumkaspern

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Wir haben einen neuen Mitbewohner. Er trägt eine Zipfelmütze, hat einen Riesenzinken im Gesicht und ein unverwüstliches Grinsen von Ohr zu Ohr. Es hat den Anschein, als habe er sich fest bei uns einquartiert, denn unserer Tochter geht er einfach nicht mehr aus dem Kopf: Seit sie vor ein paar Wochen das erste Mal mit Mama im Puppentheater war, dreht es sich bei uns nur noch ums Kasperle. Und Emma entdeckt die Lust am Widerspruch.

Die allmorgendlich rein rhetorisch gestellte Frage: „Emma, willst du heute in die Kita gehen?“, wird neuerdings abschlägig beantwortet: „Nein, Kafterle!“ Und so geht es den lieben langen Tag. Kein Lebensbereich, der nicht mit dem Kasperle in irgendeine vage Verbindung zu bringen wäre, und wenn das Sprachvermögen auch zuweilen noch nicht ausreicht, einen konkreten Bezug herzustellen, dann wird sein Name eben sinnlos im Munde geführt, eingekleidet in unverständliches Gebrabbel: Hauptsache, es ist die Rede von ihm. Ja, man kann wohl sagen, auf Emmas Beliebtheitsskala hat der Kasperle inzwischen Platz eins erobert und Papa, den monatelangen Spitzenreiter, verdrängt.

Diese Type muss ich kennen lernen. Also fahren wir alle zusammen ins Kasperletheater. Nicht in irgendeins, sondern zum Prenzlkasper. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung füllen sich die Bänke in dem kleinen Ladentheater in der Dunckerstraße, schon vor dem geschlossenen Vorhang kocht die Stimmung hoch, der Hauptdarsteller wird regelrecht herbeigeschrien.

Zum Glück hat auch Puppenspieler Andreas Ulbrich ein kräftiges Organ. Den Prenzlkasper gibt er als Berliner Orijinal. Die junge Fangemeinde tobt, als Kasper gegen den widerspenstigen Vorhang kämpft, der sich immer wieder zuzieht: „Ick nehm’ jetz ma’ Anlauf janz weit bis von Pankow.“ Und auch die Erwachsenen kommen auf ihre Kosten, wenn Kasper sich als „Frauenversteher“ ausgibt, der seiner Gretel einen Zauberkochtopf schenkt und damit wider Erwarten nur Enttäuschung erntet. Wir sind bald alle wieder da.

Der Prenzlkasper tritt auf in der Dunckerstraße 90 (Nähe Danziger Straße). Kartenvorbestellung unter Telefon 443 08 244. Das Programm im Internet: www.prenzlkasper.de

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