Zeitung Heute : Herz aus

Die Stadt hatte sogar ihren Namen verloren. Jetzt wird Chemnitz neu erfunden. Und mit dabei sind Deutschlands Stararchitekten.

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Von Kerstin Decker Karl Marx blickt missmutig auf den kleinen Mann unter ihm. Kein Proletarier, nur ein Mathematiklehrer. Der Mathematiklehrer spricht von diesem „kaputten Land“ und sagt, dass es eine Schande sei. Das Publikum steckt die Hände tief in die Taschen und sieht frierend abwechselnd auf den kleinen Mathematiklehrer und den RiesenMarx. Dies ist eine Montagsdemo. Der Riesen-Marx, von Chemnitzern nur „der Nischel“ genannt, ist das Wahrzeichen von Chemnitz. Was für ein Hinterkopf!

Der Nischel bleibt hier!, haben die Chemnitzer gesagt, als ein Texaner 1990 ihr Wahrzeichen kaufen wollte. Der Texaner hatte schon viele Stalins und Molotows in seinem Garten in Texas, er hätte den Marx wirklich gut gebrauchen können. Eigentlich müsste Marx gefallen, was er da hört über den Kapitalismus, die Arbeitslosigkeit und die Schande, aber die Stirnfalten stehen ihm tief zwischen den Augen. 30 Demonstranten, höchstens. Von wegen „Proletarier aller Länder ...“. So wird das nie was.

Wo sind die anderen?

Wahrscheinlich sind sie in der neuen Mitte. Chemnitz hat jetzt nämlich etwas, das es 60 Jahre lang nicht mehr besaß: eine Mitte. Marx müsste nur etwas den Blick heben, dann könnte er sie sehen. Entworfen haben sie Architekten, bei deren Namen Kenner ein gedehntes „Aha!“ sagen. Hans Kollhoff, Helmut Jahn und Christoph Ingenhoven. Die Chemnitzer haben nicht „Aha!“ gesagt. Erstens muss man nicht alle Leute kennen, die andere für wichtig halten, und zweitens ist ein Chemnitzer grundsätzlich schwer zu beeindrucken. Das höchste Lob, zu dem er sich entschließen kann, lautet: „Gar nicht so ganz schlecht!“ Man hört es sehr selten.

Noch weiß keiner genau, was die Chemnitzer über ihre neue Mitte denken. Aber etwas Bemerkenswertes ist schon passiert: Sie gehen hin. Sie betreten die große gläserne Riesen-Welle von Ingenhoven, auch wenn ihr Verhältnis zu Riesenwellen seit kurzem belastet ist, und was haben sich die Architekten eigentlich dabei gedacht, einen Tsunami mitten in die Innenstadt zu bauen? Im Tsunami hat sich „Peek und Cloppenburg“ eingerichtet. Kein Chemnitzer, wenn er ein echter Chemnitzer ist, würde zugeben, dass er die Welle schön findet, obwohl sie besonders abends wunderbar zukünftig leuchtet. Und wie sie direkt aus dem alten Rathaus hervorzurollen scheint, zumindest wenn man sie von der „Galeria Kaufhof“ aus anschaut. Die „Galeria Kaufhof“ ist in einen Glaspalast von Helmut Jahn eingezogen, aber alles, was beim Glas-Tsunami rund ist, ist bei Jahn eckig. Natürlich auch das weit über die Straße reichende Dach. So kann man beide gut auseinanderhalten, auch ist das Rechteck viel größer als die Welle, und beide stehen rechts und links vom Rathaus. Aber was ist das gegenüber?

Das dritte architektonische Ereignis im Zentrum von Chemnitz trägt den Namen „Galerie Roter Turm“, sieht aus wie ein zweckentfremdeter Dogenpalast, hat einen Eingang wie ein babylonisches Stadttor und ungefähr solche Zinnen. Es könnten aber auch sarazenische Zinnen sein oder etruskische Zinnen. Oder Allerweltszinnen. Enthusiasten nennen es unverwechselbar. Der Tore-und-Zinnen-Erfinder heißt Hans Kollhoff und hat mit dem Tore-und-Zinnen-Erfinden erst angefangen, als der Bau schon fast fertig war. Das ist sehr ungewöhnlich, aber das Ungewöhnliche ist in Chemnitz völlig normal. Man versteht das nur aus der Chemnitzer Geschichte heraus.

In anderen Städten hielten sich die Menschen schon immer am liebsten im Stadtzentrum auf. In Chemnitz nicht. Nirgends war man so einsam wie am Samstagabend mitten im Zentrum: Kein Mensch, nirgends. Die Mitte der Stadt – ein guter Ort für Eremiten und Misanthropen aller Art. Auch uns fiel Chemnitz früher eigentlich nur beim Stadt-Land-Fluss-Spiel ein. Wer kennt eine Stadt in der DDR mit drei O? Korl-Morx-Stodt!, riefen die Berliner und Mecklenburger sofort, und manchmal sogar die Leipziger und die Dresdner, allerdings mit einem leicht säuerlichen Lächeln, weil auch sie sich grundsätzlich nicht vorschreiben lassen, welche Vokale in welche Wörter gehören. Und schon gar nicht von Berlinern oder Mecklenburgern. Aber sonst pflegten auch die Bewohner der sächsischen Konkurrenzmetropolen einen Verdacht: Jemand, der keine Mitte hat, gibt es den überhaupt?

Die Chemnitzer haben sich längst daran gewöhnt, eine der meist übersehenen Städte Deutschlands zu bewohnen. Aber der Exilchemnitzer, in Berlin etwa, war immer auffällig. Er trug meist ein überlegenes Lächeln um den Mund und etwas wie Nachsicht im Blick. So schauen Abkömmlinge einer untergegangenen Hochkultur auf die naive Lebenslust ihrer Mitmenschen. Ohne uns, sagte dieser Blick, gäbe es Euch doch gar nicht. Irgendwie haben sie Recht. In Chemnitz erfand man die Thermosflasche und das erste synthetische Waschmittel der Welt. In Chemnitz wurden die Lokomotiven für die Bagdad-Bahn gebaut, das sächsische Manchester war es sowieso.

Aber alle schauen sie auf Leipzig und Dresden. Sogar wenn es um die Bomben geht. Über die Bomben auf Chemnitz spricht keiner. 683 Flugzeuge flogen in der Nacht vom 5.zum 6.März 1945 den schwersten Luftangriff des Krieges auf die Stadt, danach meldeten amerikanische und britische Pressestellen, dass „Essen und Chemnitz als zwei weitere tote Städte abgeschrieben“ werden können.

Die tote Stadt. Die Alliierten konnten nicht wissen, wie sehr sie Recht behalten würden. Und dass es manchmal 60 Jahre dauern kann, eine Stadt wieder zum Leben zu erwecken. Die Chemnitzer bauten das zerstörte Rathaus wieder auf, der Rote Turm, Teil der einstigen Stadtbefestigung, war auch noch da, viel mehr aber eigentlich nicht. Die Stadt als Tabula rasa. Die DDR sah das als Chance. Sie würde diesen Ort noch einmal ganz neu errichten, als hätte es ihn nie gegeben. Und was ganz neu sein soll, braucht zuerst einen neuen Namen. Also Karl-Marx-Stadt. Dass der Philosoph und die Stadt sich gar nicht kannten, störte die Namensgeber nicht.

Man hatte schon begonnen, die „Innere Klosterstraße“ entlang ihres alten Verlaufs wiederaufzubauen und hörte nun damit auf. Alte Verläufe. Welche Orientierung konnten die noch geben? Die neue Architektur sollte die revolutionären Traditionen der Arbeiterklasse aufnehmen. Bloß, was ist eine revolutionäre proletarische Architektur-Tradition? Die Partei hatte die Lösung: In die Mitte der Stadt gehört ein schöner großer Demonstrationsplatz! Aber noch lehnte der Beirat für Architektur und Bauwesen ab: Geht nicht, die angrenzenden Aufmarschstraßen sind viel zu schmal.

Das war das Todesurteil für die letzten alten Häuser, für die alten Straßen und Plätze der Innenstadt. Die Chemnitzer sahen zu, wie ganze Viertel voller Läden und Kneipen abgerissen wurden. Es war sehr seltsam mit diesen alten Häusern, sie waren grau, sie waren kaputt und dennoch voller Leben. Und in die neuen Blocks, denen die Sprache das Wort Haus verweigerte, wollte es einfach nicht einziehen. Die Aufmarschstraßen wurden gebaut, und der sowjetische Bildhauer Lew Kerbel bekam einen Auftrag. Er sollte das Monument schaffen, zu dem die Massen auf dem zentralen Platz aufblicken würden. Also ein sehr großes Monument. Gewissermaßen ein Standbild mit überlangen Beinen, Marx zu Pferd war schließlich unmöglich. Aber was, wenn die Nächststehenden von Marx nur die Riesenfüße erkennen würden und den Kopf nur als kleine Kugel weit oben? Ist das dann überhaupt noch eine marxistische Perspektive?

Das Größte an Marx war der Kopf, nicht die Füße, überlegte Kerbel. Die Funktionäre waren schockiert: Sieht er so fußlos und ohne Körper nicht irgendwie guillotiniert aus?, fragten sie. Am Ende war der Kopf. Und er stand auch nicht auf dem Platz, sondern vor dem Block der Bezirksparteileitung, von Fachleuten auch kurz die „Nordwand“ genannt. Erich Honecker sprach zur Einweihung 1971: „Wer wissen will, wie der Marxismus auf deutschem Boden lebendige Wirklichkeit geworden ist, der mag in diese Stadt kommen.“ Den „zentralen Platz“ aber gab es noch immer nicht, vielleicht hält Marx deshalb den Blick so resignativ gesenkt. Und diese Haare! Irgendwie hat der Kerbel-Marx Ähnlichkeit mit dem neuen Gott der Stadt.

Der neue Gott der Stadt heißt Wotan. Wegen ihm kommen Menschen her, die vor kurzem noch gar nicht wussten, wo Chemnitz eigentlich liegt. Wagners „Ring des Nibelungen“ handelt von einem Investor, der eine Freifläche bebauen will und dann Pech hat mit der Immobilie. Der Investor heißt Wotan und die Immobilie heißt Walhall. Die Oper selbst dauert ziemlich lang, insgesamt vier Tage, und ist die bislang größte Bauskandaloper. Die Chemnitzer haben dafür aber großes Verständnis. Egal, ob Wotan der Bauherr war oder die DDR: Die meisten Projekte scheitern am Geld. Die DDR schaffte es gerade noch, eine Stadthalle und ein 26-stöckiges Riesenhotel ins Chemnitzer Zentrum zu setzen, viel höher als Walhall, in dem jetzt die Wagnerianer während des viertägigen Immobilienskandals im Opernhaus wohnen können. Die Freifläche blieb übrig, mitten im Zentrum, aufgespart für bessere Zeiten. Die kamen auch, nur ein wenig anders, und alle Städte im Osten bauten plötzlich sehr viel an ihren Mitten herum. Nur die Chemnitzer sagten sich: Jetzt bloß nichts übereilen!

Sie schrieben Wettbewerbe aus, und wichtige Architekten machten mit, denn was gibt es Verlockenderes für Bau-Menschen als die leere Mitte einer großen Stadt? Aber dann kam alles wie im „Ring des Nibelungen“, und Wotan wollte nur eine einzige Burg, nicht gleich eine ganze Mitte bauen. Auch stand er noch nicht vor der Parkhaus-Frage. An der Parkhaus-Frage – oberirdisch oder unterirdisch? – scheiterte 1995 schon der zweite Versuch, dem Rathaus ein paar andere Häuser zur Gesellschaft zu geben.

Später wählten die Chemnitzer selbst ein Lieblingsmodell ihrer Stadt, da hätte der Rathausplatz ein bisschen ausgesehen wie der Rathausplatz von Siena, so terrassenförmig abfallend, bloß dass Siena in der Mitte keinen Brunnen hatte. Das mit Siena in Chemnitz wurde dann nichts wegen Kommunikationsproblemen der Investorengruppen, und das mit dem Brunnen wurde auch nichts, weil der im Brunnenplanungs-Wettbewerb erstplatzierte Brunnen wie ein Berg unabgewaschenen Geschirrs aussah, über das dann das Wasser rinnt, so von Tasse zu Tasse, wie jeder das aus seiner Spüle kennt. Wir wollen aber kein schmutziges Geschirr in unserem Zentrum, sagten die Chemnitzer.

Es war also aussichtslos. Da las ein früherer DDR-Bürgermeister und jetziger Chef der „Sachsenbau“-Gesellschaft ein Buch. Der Mann heißt Dieter Füsslein, und das Buch handelte davon, wie Stadtgalerien aussehen sollten. Ein Walter Brune aus Düsseldorf hatte es geschrieben. Der Sachsenbau-Mann fuhr also nach Düsseldorf und fing den berühmten Architekten vor seiner Wohnung ab. Etwas später war Baubeginn für die „Rote Turm Galerien“, die an einer Seite den Umriss der alten Stadtmauer aufnehmen. Als Brune schon fast fertig war, gefielen dem Sachsenbau-Chef und vielen Chemnitzern die geplante Außenverkleidung nicht.

War das alles nicht irgendwie – zu eckig? Zu monoton? Mit dem Eckigen und dem Monotonen kennen sich die Chemnitzer aus, davon haben sie genug. Und der Sachsenbauer fuhr zu dem Mann, der bekannt dafür ist, das mit dem Eckigen und Monotonen ungefähr genauso zu sehen. Kollhoff, verantwortlich für das schöne rote Hochhaus am Potsdamer Platz, baute die Galerien als babylonischen Dogenpalast zu Ende. Und dann begann Jahn seinen Glas-Viereck-Kaufhof und Ingenhoven baute den Innenstadt-Tsunami.

Innen drin in den „Rote Turm Galerien“ sind die Läden, die es überall gibt, und vor der Buchhandlung sagen jetzt manchmal die Chemnitzerinnen zu den Chemnitzern: „Ich geh rüber zu Douglas, und du wartest hier!“ Das machen sie dann und stehen dicht an dicht vor den Tischen mit den Chemnitzbüchern. „Bomben auf Chemnitz“ heißt das neueste, ein Bildband.

Aber es stimmt nicht, dass die Bomben gar nichts vom alten Chemnitz übrig gelassen haben. Gleich hinter dem Rathaus beginnt der Kassberg, das Charlottenburg von Chemnitz. Nur dass Charlottenburg nicht so viele schöne Jugendstilhäuser hat wie der Kassberg, eins neben dem anderen. Und in dem allerschönsten Haus, das außen mit einem ganzen Sommergarten gefliest ist und zwischen den Balkonen lauter Göttinnen hat, sitzen zwei junge Chemnitzerinnen an ihren Schreibtischen. Sie arbeiten für eine Computerfirma, die mit Logistik für Imbissbuden anfing. Im Sommer treten sie manchmal hinaus auf ihren großen Balkon und winken den Reisebussen, die bewundernd zu ihnen hinaufschauen. Zu den Frauen, den Göttinnen, den Balkonen.

Und wie finden sie die neue Mitte? Sie lächeln. Bisschen zu fjutschermäßig, sagt die eine und meint den Innenstadt-Tsunami. Das passt doch irgendwie nicht zu Chemnitz, ergänzt die andere. Aber vielleicht gewöhnt man sich dran, sagen beide. Nur sei es ein bisschen schade um die alten Häuser. Was für alte Häuser? Meinen diese Computermädchen etwa den DDR-Betonriegel, der dort stand, wo jetzt das neue „Café Brasil“ ist? Genau den, sagen sie. Wurde einfach weggerissen. Es klingt vorwurfsvoll. In dem Betonriegel war das Restaurant ihrer Jugend, das „Café oben“.– Was alt ist, und was neu ist, was Heimat werden kann, und was nicht, bestimmt also keiner. Eigentlich ist das ein guter Gedanke.

Vorm neuen „Café Brasil“ rastet eine Schar Pinguine aus Stein. Sie bildet das weltanschauliche Gegengewicht zum Marx-Wotan gegenüber. Und nur die Feinde der Pinguine finden, dass Pinguine nicht nach Brasilien gehören.

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