Zeitung Heute : Herz-Lungen-Maschine für Kapstadt

Hersteller von Medizintechnik benötigen eine ausgefeilte Logistik

Roland Knauer
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Am laufenden Band. Die Logistiker testen ihre Modelle auch im Labor. Foto: TUB/DahlUlrich Dahl/Technische Universit

Wenn das durch die erste Herztransplantation 1967 weltberühmt gewordene Groote-Schuur-Krankenhaus in Kapstadt eine neue Herz-Lungen-Maschine benötigt, wird das Gerät meist um den halben Globus transportiert. Denn nur wenige Firmen auf der Welt stellen solche komplexen Apparate im Wert von einer halben Million US-Dollar her. Optimiert eine Firma Zeiten, Wege und Qualität von Transporten, kann sie sich bei gleicher technischer Qualität einen Wettbewerbsvorteil sichern. Ein verbesserter Transport senkt jedoch nicht nur die Kosten, sondern meist auch die Umweltbelastung.

An der TU Berlin beschäftigen sich daher neben dem Fachgebiet für Logistik noch zwei zusätzliche Professuren, die von der Schweizer Kühne-Stiftung und dem Logistik-Unternehmen DB Schenker gestiftet wurden, mit diesen Problemen. Gemeinsam entwickeln die Wissenschaftler Frank Straube, Carl Marcus Wallenburg und Ralf Elbert Konzepte und Messsysteme für eine grüne Logistik, die Ressourcen effektiv einsetzt. Dabei untersuchen sie auch, wie Bevölkerungswachstum, Globalisierung oder künftige Techniken logistische Netzwerke verändern.

Wie wichtig Transport und Logistik in der Medizintechnik sind, erklärt TU-Logistiker Frank Straube an Hand einer in Europa hergestellten Herz-Lungen-Maschine. So ein Gerät besteht aus 300 bis 500 Komponenten, aber nur 32 Prozent der Wertschöpfung findet beim Hersteller selbst statt. Ein großer Teil der einzelnen Komponenten von der Elektronik bis zu Pumpen und Kontrollinstrumenten kommt von mehreren Hundert Lieferanten, die irgendwo zwischen Ungarn, Indien und China sitzen. Wer da nicht genau hinschaut, hat schnell höhere Kosten als nötig.

Frank Straube zum Beispiel hat eine hydraulische Steuerkomponente einer Herz-Lungen-Maschine untersucht, die der Hersteller bisher aus Ungarn bezog. Die Einzelteile und damit 95 Prozent des Wertes dieser Komponente kamen von drei Lieferanten in China. Da sich die Transportkosten von China in verschiedene Länder Europas kaum unterscheiden, lässt sich der Hersteller die Einzelteile inzwischen direkt liefern, baut sie selbst zusammen und senkt so die Kosten.

Dabei liegt der eigentliche Knackpunkt aber nicht bei den reinen Kosten, sondern vielmehr bei den Unsicherheiten der logistischen Netze. „Lieferversprechen werden heute nur zu 70 bis 80 Prozent eingehalten und das auf jeder Stufe“, erklärt Frank Straube. Bei 300 bis 500 Komponenten in einer Herz-Lungen-Maschine wartet der Hersteller daher immer auf ein Teil oder finanziert unnötig hohe Lagerbestände. „Oder er bestellt bei einem anderen Hersteller und lässt in Feuerwehrtransporten möglichst schnell liefern“, erläutert der TU-Wissenschaftler.

Das treibt jedoch Kosten und die Umweltbelastung in die Höhe. Lindern können sogenannte „Radio Frequenz Identifications Tags“ (RFIT) das Problem, die an der Lieferung befestigt werden. Über Internet und Funkverbindungen kann der Empfänger überprüfen, wo sich die Ware befindet und mit welcher Verspätung zu rechnen ist. Ersatz kann dann rechtzeitig bestellt und ein kostspieliger Feuerwehrtransport weitgehend vermieden werden. Um bis zu 15 Prozent steigert der Einsatz von RFITs die Liefertermintreue, hat Frank Straube festgestellt. Ihr Einsatz ist also auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit und der Ökologie.Roland Knauer

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