Herz-OP im Internet : Live dabei am Operationstisch

Operation gelungen, Patient informiert. Das Tagesspiegel-Portal www.gesundheitsberater-berlin.de überträgt am Sonnabend Eingriffe am Herzen live aus den Behandlungszimmern des Herzzentrums Brandenburg in Bernau.

Orientierungshilfe: Das Herz hat seine Problemzonen - und bietet viele Möglichkeiten für den Arzt, helfend einzugreifen.
Orientierungshilfe: Das Herz hat seine Problemzonen - und bietet viele Möglichkeiten für den Arzt, helfend einzugreifen.Grafik: René Reinheckel

Der menschliche Körper läuft auf Verschleiß. Je länger die Organe in Betrieb sind, desto größer wird das Risiko, dass Funktionsprobleme auftreten. Das gilt auch und besonders für eines unserer wichtigsten Organe: das Herz. Ablagerungen, die sich im Laufe des Lebens in den Gefäßen absetzen, können einen Infarkt auslösen oder zumindest die Pumpleistung des hohlen Muskels beeinträchtigen. Auch der natürliche Taktgeber für die Pumpkontraktionen des Herzmuskels, der Sinusknoten, kann im Alter aus dem Rhythmus geraten. Und wenn die Herzklappen verkalken, schließen diese lebenswichtigen Ventile nicht mehr ausreichend. Die Folge: Das Blut fließt beim Pumpen ungeplant zurück in die Herzkammern, was zu Schwindel und Atemnot führen kann.

Aber weil das Herz in der allgemeinen Wahrnehmung so ein wichtiges und damit prestigeträchtiges Organ ist, hat die Medizin dafür auch viele Reparaturtechniken entwickelt: Allein das Medizintechnikarsenal ist gut gefüllt. Es reicht von Herzkathetern und -schrittmachern über künstliche Herzklappen, Bypässe und Gefäßstützen bis hin zu Kunstherzen. Und seit einiger Zeit werden diese Techniken besonders für Menschen jenseits der 70 weiterentwickelt. Denn das ist die Hauptzielgruppe von Kardiologie und Herzchirurgie. Aber eben auch die Patientengruppe, die besonders empfindlich auf die Belastungen von Operationen am Herzen reagiert. Weshalb es bei der Weiterentwicklung nicht nur um mehr Behandlungsoptionen geht, sondern vor allem um schonendere Methoden. Viele dieser weniger belastenden Eingriffe am Herzen können Patienten und andere Interessierte am heutigen Sonnabend live am Computer miterleben. Bereits zum dritten Mal überträgt der Tagesspiegel in Kooperation mit dem Herzzentrum Brandenburg in Bernau auf dem Portal www.gesundheitsberater-berlin.de per Livestream verschiedene Eingriffe am Herzen.

„Unsere Patienten werden immer älter und kränker. Häufig haben sie zum Zeitpunkt der Entdeckung einer Herzerkrankung schwerwiegende Nebenerkrankungen, was den Erfolg einer operativen oder kathetergestützten Therapie infrage stellen kann“, sagt Johannes Albes, Chefarzt der Abteilung Herzchirurgie am Herzzentrum Brandenburg. Deshalb müsse so ein Eingriff auf jeden einzelnen Patienten zugeschnitten werden, um die geringstmögliche Belastung zu erzielen. Doch die Abwägung zwischen optimaler Therapie und niedriger Belastung des Patienten ist schwierig.

Ärzte stehen hier vor einem Dilemma: Wie weit darf man vom Optimum abweichen, was die Heilungschancen verringern könnte, um den Patienten zu schonen, was dessen Überlebenschancen erhöht? Und dieser Abwägungsdruck erhöht sich weiter. Denn wenn Ältere krank werden, wünschen sie sich nicht nur eine Lebensverlängerung, sondern auch eine Verbesserung der alltäglichen Lebensumstände.

Nicht alles, was medizinisch machbar wäre, muss auch gemacht werden. „Weniger ist mehr! heißt aber nicht, dass wir Therapien vorenthalten“, sagt Chefarzt Albes. „Es bedeutet, dass wir mit geeigneten Strategien die Belastung für die Patienten verringern, um den Zuwachs an Lebensqualität zu vergrößern.“ Dafür müsse man einen erheblich höheren logistischen und technologischen Aufwand betreiben. „Spezielle gering belastende Verfahren brauchen Spezialinstrumentarium und Spezialimplantate wie zusammenfaltbare Herzklappen.“

Die zusammenfaltbare Herzklappe wird eine der insgesamt fünf schonenderen Behandlungsverfahren bei Herzerkrankungen sein, die am Sonnabend live ins Internet übertragen werden. Dazu hat das zur Berliner Immanuel Diakoniegroup gehörende Herzzentrum Kamerateams im Einsatz, die aus dem neu installierten Hybrid-OP – einer Fusion aus Katheterlabor und herkömmlichem Operationssaal – Bewegtbilder ins Netz senden. Diese werden jeweils live erläutert von den behandelnden Ärzten. Auch die Redaktion von Gesundheitsberater Berlin wird während der Übertragung die Bilder mit Hintergrundinformationen, Verlinkungen und erläuternden Grafiken ergänzen.

Was genau wird am Sonnabend zwischen 10 und 14 Uhr auf den heimischen Computerbildschirmen oder dem Smartphone zu sehen sein?

Zum Beispiel ein Eingriff an verkalkten Herzklappen. Mediziner nennen das eine „degenerative Aortenklappenverengung“. Die davon Betroffenen sind weniger körperlich belastbar und leiden oft unter Luftnot. Die Symptome können bis hin zur Bewusstlosigkeit reichen.

Bei älteren Patienten jenseits der 80 wird die dann notwendige neue Klappe nicht bei einer offenen Herzoperation eingepflanzt, sondern mithilfe eines Kathetereingriffs. Die fest zusammengerollte künstliche Herzklappe wird an der Spitze eines dünnen Drahtes durch die Gefäße bis zum Herzen geschoben und dort an seinem Platz entfaltet. So ersparen die Mediziner dem Patienten nicht nur die Öffnung des Brustkorbes, sondern auch das belastende „Abschalten“ des Herzens, das bei einer offenen OP nötig wäre.

Der kathetergestützte Austausch einer Herzklappe ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Im Jahr 2013 wurden mehr als 10 000 Aortenklappen mit der Kathetertechnik ersetzt und damit mehr als mit der konventionellen Herzchirurgie.

Ein anderes häufig im höheren Alter auftretendes Leiden ist eine Herzrythmusstörung, speziell das sogenannte Vorhofflimmern. Die Patienten nehmen das Problem als unregelmäßigen Pulsschlag, Herzrasen, Schwindel, plötzlich abnehmende Belastbarkeit und Luftnot wahr. Das Vorhofflimmern kann gelegentlich auftreten, es kann spontan wieder verschwinden, über Tage anhalten oder schließlich auch als permanentes Symptom bleiben.

Kommen dann weitere Erkrankungen hinzu, wie zum Beispiel eine Herzschwäche oder Bluthochdruck, oder sind die Betroffenen in einem höheren Lebensalter, dann wächst die Gefahr, dass sich Blutgerinnsel im Herzen bilden, die einen Schlaganfall auslösen können. In der Regel verordnen dann Ärzte blutverdünnende oder gerinnungshemmende Medikamente, die aber wiederum das Risiko einer Blutung im Gehirn oder Magen erhöhen. Das muss aber nicht so sein. Im Livestream zeigen die Ärzte des Herzzentrums ein alternatives Verfahren. Dabei wird die häufigste Quelle von Blutgerinnseln, das sogenannte Vorhofohr – vorstellbar als eine Art Lagune im Vorhof – einfach verschlossen und so ausgeschaltet. Manchmal ist Medizin eben doch einfaches Handwerk.

Alle diese Möglichkeiten, Operationen einmal live zu verfolgen und dabei von einem Arzt erklärt zu bekommen, nehmen vielleicht dem einen oder anderen Patienten, dem ein ähnlicher Eingriff bevorsteht, die Angst. Schon allein damit wäre die Operation „Liveshow am Computer“ gelungen.

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