Zeitung Heute : Herzblut trieb sie auf die Straße

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Von Lothar Heinke

Dieser Aufstand war ein Fanal. Er hätte beinahe die DDR zum Einsturz gebracht – wenn nicht die sowjetischen Panzer gekommen wären. Die Erhebung von Bauarbeitern, die erst die Rücknahme von Normerhöhungen und dann freie Wahlen gefordert hatten, hat einen Namen: Siebzehnter Juni dreiundfünfzig. Im kommenden Jahr wird mannigfach an den 50. Jahrestag des ersten Volksaufstandes innerhalb des sowjetischen Machtbereichs erinnert werden. Ein wichtiger Beitrag dazu entsteht zur Zeit in Berlin, wo alles begann. „Der Aufstand“ heißt das Dokudrama des ZDF – eine abendfüllende Mischung aus dokumentarischem Archivmaterial, rekonstruierten Spielszenen und Interviews mit Zeitzeugen. Das Hamburger „Cinecentrum“ produziert das Stück im Stil von „Deutschlandspiel“, jenem preisgekrönten TV-Ereignis über die Ereignisse um den Mauerfall. Der Regisseur und Drehbuchautor dieser Bilderchronik vom Niedergang der DDR schreibt und inszeniert nun auch den 17. Juni: Hans-Christoph Blumenberg.

Der 54-Jährige dreht gerade für seinen 27. Film – darunter zahlreiche „Tatorte“ – die Interviews mit Zeitzeugen in einem Hotel am Kurfürstendamm. Gerade erzählt Egon Bahr, wie er den 17. Juni als junger „Rias“-Redakteur erlebt hat. Dann kommt Klaus Bölling, damals junger Reporter, und dazwischen berichten immer wieder die wichtigsten Personen – Bauarbeiter der Stalinallee, die am Aufstand beteiligt waren und die man mit mühsamen Recherchen ausfindig gemacht hat. „Der Mann, der die rote Fahne vom Brandenburger Tor geholt hat, ist, wie viele andere, gestorben. Wer damals 20 war, ist heute 70. Aber das junge Mädchen, das, auf einem Tisch stehend, eine zündende Rede vor dem „Haus der Ministerien“ gehalten und dann unter großem Beifall ihre FDJ-Jacke in die Menge geworfen hat, wird erzählen, wie das damals war“. Auch noch nach 50 Jahren seien die Leidenschaft und das Herzblut zu spüren, die die Leute damals auf die Straße getrieben hatten.

Im Doku-Drama treten in den Spielszenen all die Politiker in ihren Kämpfen um Macht und Ideologie auf – allen voran Otto Grotewohl, Sowjet-Botschafter Semjonow, der die Panzer rollen ließ, Stasi-Chef Zaisser, aber vor allen Walter Ulbricht, den die meisten damals „Spitzbart“ nannten und für den die Darstellersuche, schon wegen seiner sächselnden Fistelstimme, nicht gerade leicht ist.

Hans-Christoph Blumenberg und die Rechercheure sind auf eine Begebenheit gestoßen, die als Auslöser für diesen „Jugendaufstand“ – die meisten Demonstranten waren ja junge Bauarbeiter – sehr wichtig war. Aber gerade hier klafft eine Lücke, fehlen die Männer von damals. Wer kennt sie? Wer war dabei, als am 13. Juni 1953 – einem Sonnabend – 500 bis 600 Bauarbeiter von der Baustelle des Krankenhauses Friedrichshain an einer Dampferfahrt zum Müggelsee teilnahmen? Die beiden Schiffe „Seid bereit!“ und „Triumph“ – die übrigens auch heute noch als MS „Falke“ über den Schwielowsee fährt – legten beim Ausflugslokal „Rübezahl“ an. Dort wurde – wie ein Stasi-Spitzel in seinem Bericht niederschreibt – „eine humoristische Ansprache gehalten. Danach stieg der Brigadier auf den Tisch und erklärte, dass am Montag, den 15. 6., früh gestreikt würde“. Die Hauptpersonen hießen Alfred Metzdorf, Max Fettling, Georg Brosda, Karl Foth und Kurt Bluhm. Sie sind wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden. „Aber bei bis zu 600 Teilnehmern müsste es doch noch Menschen geben, die an dieser ’Aktion Dampferfahrt’ beteiligt waren, die sich erinnern und die uns etwas über diesen für den weiteren Verlauf der Dinge so wichtigen Ausflug erzählen könnten“, sagt der Autor und Regisseur. Privates Film- und Fotomaterial sowie weitere Zeitzeugen sind ebenfalls willkommen. Sie können sich bei Christoph Caron im CineCentrum Hamburg, Tel. 040-66885932 melden – oder uns einen Brief schreiben. „Es wäre ein großes Glück, diese Zeitzeugen zu finden“ sagt Hans-Christoph Blumenberg.

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