Zeitung Heute : Herzklopfen am Nachmittag 18 Jahre lebt er in Berlin, jetzt wird er Deutscher

Kirsten Wenzel

Zur Einstimmung wird es etwas Klassisches geben, vorgetragen von den Musikschülern des Bachgymnasiums. Danach wird ihm der Bezirksbürgermeister von Mitte die Schmuckmappe mit Kordel überreichen. Darin wird die Urkunde liegen, im alten Reisepass-Grün, mit Adler im Hintergrund, der wie immer grimmig zur Seite schaut. Weder dem Vogel noch dem grauen Verwaltungsbau an der Turmstraße kann man besondere Schönheit nachsagen. Und doch wird Yaw Essah heute um 17 Uhr sehr feierlich zu Mute sein: „…hat mit dem Zeitpunkt der Aushändigung dieser Urkunde die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung erworben“, auf diesen Satz hat er lang genug gewartet.

Seit 18 Jahren lebt er in Berlin, nachdem er als Sechsjähriger mit seiner Mutter vor Unruhen aus Ghana geflohen war. An der James-Krüss-Grundschule hat er so schnell Deutsch gelernt, wie er Anum und Twi wieder vergaß, die Sprachen, die er in seinem Dorf gesprochen hatte. Sein Lebensumfeld war immer der Bezirk Tiergarten. Doch auch, als er das Abitur in der Tasche hatte, war sein Status noch „nicht verfestigt“, wie man in Behördenkreisen sagt. Die humanitär begründete Aufenthaltsbefugnis wurde lediglich alle zwei Jahre verlängert. Also konnte er nach dem Abitur kein Bafög beantragen oder sich selbstständig machen. Nicht einmal einen Handyvertrag wollte man mit ihm abschließen, von einem Ausbildungsverhältnis zu schweigen. Wer weiß schon, ob die Befugnis auch beim nächsten Mal wieder verlängert wird.

Für einen wie ihn ging es darum, an seinem Status zu arbeiten. Ohne Status keine Zukunft. Also musste er sich eine feste Arbeitsstelle suchen, den gesicherten Lebensunterhalt nachweisen: Voraussetzung für eine Aufenthaltserlaubnis, die wieder Voraussetzung für eine Einbürgerung ist. Eingebürgert wird keiner aus humanitären Gründen, sagt Yaw Essah, etwa weil er seit seiner Kindheit in Deutschland ist. „Man muss vorweisen, wie man diese Gesellschaft bereichern kann, dass man ihr nicht auf der Tasche liegen wird.“ Ein unbefristeter Arbeitsvertrag musste her, er schaffte es, wurde Filialleiter einer Coffeeshop-Kette.

Den Sprachtest bei der Volkshochschule erließ man ihm, dank Abiturzeugnis. Ein Hauptschulzeugnis hätte auch gereicht. Nicht wenige Einbürgerungen in Berlin scheitern schon an dieser Hürde. Es bleiben noch genügend andere. Jeder Antragsteller wird regelrecht „durchleuchtet“. Verfassungsschutz, Polizei, Ausländerbehörde erteilen ausführlich Auskunft. Nach dem Beweis der Unbescholtenheit, der Darstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse führt der Weg des Antragstellers zur Botschaft des Geburtslandes: um sich entlassen zu lassen. Da stand also auch er am Schalter und musste sagen: Ich will nicht mehr Ghanaer sein. Und nach vier Monaten kamen die notwendigen Papiere mit der Post. Warum es dann noch über drei Jahre gedauert hat, bis sein Antrag entschieden wurde? Vielleicht wegen des Berges von 30000 Altanträgen auf Einbürgerung, die in den Bezirksämtern auf Bearbeitung warten.

Für Yaw Essah ist das nun nicht mehr wichtig. Wenn er die 255 Euro Bearbeitungsgebühr bezahlt hat und den kostbaren Zettel in den Händen hält, kann er frei über seine Zukunft nachdenken, wie jeder andere deutsche Abiturient. Ein Jurastudium würde ihn interessieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!