Zeitung Heute : Herzliche Grünwünsche

Heute vor 25 Jahren sind die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag eingezogen. Was ist aus ihnen geworden?

Stephan-Andreas Casdorff

Sehen so Geburtstagskinder aus? Lange Haare. Große Bärte. Kleider wie Kutten und Wollpullover wie härene Gewänder. Sonnenkinder, die Sonnenblumen mitbringen ins Parlament. Die sich dort ungebärdig aufführen – sagen die missbilligenden Blicke derer, die sie von der anderen Seite anschauen. Die auf der anderen Seite: kürzere Haare. Schnäuzer. Kleider wie aus dem Katalog und Anzüge. Das Pult vor ihnen voller Akten. Und der Parlamentspräsident schaut in die Hausordnung, ob das denn alles erlaubt ist, was die sich erlauben.

Das war es nicht, das ist es nicht. Aber wie anders sehen die Geburtstagskinder inzwischen aus. Der lange Marsch aus den Illusionen in die Institutionen hat viele Wollpullover verschlissen, heute bleiben ihnen nur noch Anzüge übrig. Heute machen sie bei Talkshows mit, für die ihnen früher die Worte gefehlt hätten. Früher, als es die noch gar nicht gab.

Erinnerungen und mehr bleiben. Waren das Zeiten. Ein Matriarchat an der Spitze der Fraktion, der Partei, die damals noch eine Sammlungsbewegung war. Mit Frauen als Sprecherinnen, ja wo soll denn das hinführen? Um es abzukürzen: von Petra Kelly über Antje Vollmer zu – Angela Merkel. Die wäre ohne sie auch nicht dort, wo sie ist, und sei sie in der CDU, nicht ohne die Birthlers und Röstels und Radckes und Schoppes und Becks. Auch Beck, richtig, aber Marieluise.

Das Lebensgefühl, besser: das Gefühl fürs richtige Leben war anders. Im Westen, wo es mit den Grünen losging, die erst später „Bündnis“-Partner wurden. Mit Aufbruch und Umbruch und manchmal erfrischend anderem. Da gab es diese Halle in Offenburg, wo Delegierte für die „Bundesdelegiertenkonferenz“ schlafen konnten, wie die Parteitage hießen. Oder in Neumünster die Wasserspritzpistolenattacke als politische Aktion. Es gab nicht enden wollende Debatten über dies und das und alles, nicht zuletzt über Strukturfragen, weil die immer auch Machtfragen sind. Und das „Recht auf telekommunikative Nichterreichbarkeit“, wie ein Delegierter unter Beifall rief. Es gab strickende Männer und verwirrende „Stimmungsbilder“, die erstellt wurden, um den Überblick über die mutmaßliche Mehrheit zu gewinnen. Und es brauchte unverdrossene Delegierte wie Karl Bartenschlager aus dem Allgäu, die das alles erklären konnten, realistisch einschätzen, nicht nur fundamentalistisch bewerten.

Denn sie waren ja nie nur links. Waren nie allein Ökosozialisten, Ökolibertäre, Radikalökologen, sondern auch immer Ökobauern, Friedensbewegte von Pax Christi, Bürgerrechts- und Bürgerinitiativbewegte. Christa Nickels aus Nordrhein-Westfalen war immer so christlich, wie es die meisten Christdemokraten lange schon nicht mehr sind. Dora Flinner aus Baden-Württemberg so bodenständig, wie Erwin Teufel seine CDU heute noch gerne hätte. Die Linken, die echten, die es geblieben sind, sind inzwischen meistens woanders. Sind wie Jutta Ditfurth ausgeschieden. Und dann in Frankfurt am Main bei Öko-Linx.

Trag Sonne im Herzen! So rief man früher Geburtstagskindern zu. Heute ist Solartechnik eine große Chance für Investitionen. Alternative Energie hat einen Markt. Durch die Grünen. Wer hätte das vor 25 Jahren gedacht. Glückwunsch.

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