Hessen-Nachwahl : Spiel mit dem Schmuddelkind

Ab sofort gilt das gebrochene Wort: In Hessen lässt sich Andrea Ypsilanti wahrscheinlich mit den Stimmen der Linken wählen. So ersetzt Beliebigkeit Politik - und was kann man daraus für die Hamburg-Wahl ableiten? Eine Probe aufs Glaubwürdigkeitsexempel.

Axel Vornbäumen

Jetzt wirds bunt. Ab sofort gilt das gebrochene Wort. Das ist nicht leicht zu begreifen. Wer derzeit „hessische Verhältnisse“ erklären will, der kommt ohne den gepflegten Bandwurmsatz erst gar nicht aus. Hessen? Das ist da, wo die SPD-Landeschefin Andrea Ypsilanti nun doch offen damit kokettiert, sich mit den Stimmen der Linkspartei zur Ministerpräsidentin wählen zu lassen, nicht etwa um mit den vorgeblichen Schmuddelkindern Regierung zu spielen, nein, nein, bloß nicht, sondern um den Machtanspruch von Roland Kochs CDU zu brechen oder die FDP doch noch zu einem Sprung in eine von den Liberalen zuvor eigentlich ausgeschlossene Ampelkoalition zu bewegen oder am besten gleich beides. Alles klar? Eines schon. So dreist wurde dem bürgerlichen Lager noch selten eine Drohkulisse vor den Bug geschoben: Mehrheit ist, wo Mehrheit ist.

Der Wortbruch ist ein Dammbruch: Politik wird so ersetzt durch Beliebigkeit. Wo gestern noch Haltung war, gibt es heute kein Halten mehr. Wir können auch anders! – Das ist die SPD-Losung der Woche. Sie kommt aus Wiesbaden, aber sie kommt auch aus Mainz, dort, wo Kurt Beck zu Hause ist, der den Coup zu einem derart fatalen Zeitpunkt abgenickt hat, dass die Frage schon erlaubt sein muss: Wo bleibt bei dieser Rechnerei eigentlich die Moral? Mag ja sein, dass Beck sich langfristig aus den Fesseln befreien will, die das Fünf-Parteien-System für seine vor sich hin schwächelnden SPD parat hat. Aber so? Und durch ihn? Kurt Beck, das sei nur nebenbei bemerkt, reklamiert doch gerade eilfertigst, eigentlich das Bürgertum zu repräsentieren. Seine Partei aber ist offenkundig der Aussicht überdrüssig, demnächst flächendeckend zu einem Juniorpartnerdasein in großen Koalitionen verdonnert zu sein. Darüber kann man reden. Aber, wohlgemerkt: Schon übermorgen wählt Hamburg. Und dass in der Hansestadt SPD- Kandidat Michael Naumann auch nichts mit den Linken zu tun haben will, je nun, was heißt das schon noch?

Hamburg, das wird nun also auch noch die Probe aufs Glaubwürdigkeitsexempel. Dabei ist diese Wahl doch ohnehin schon überfrachtet. Am Ende einer Woche, in der die Nachrichten über Geldtransfers nach Liechtenstein das dominierende Thema sind, blicken beide große Parteien bange Richtung Hansestadt, inwieweit die Linke auch dort abermals von jenem immer stärker in der Bevölkerung um sich greifenden „Ihr da oben, wir hier unten“-Gefühl profitieren wird. Es ist ja nicht so, dass die SPD einen Exklusivanspruch darauf hätte, darunter zu leiden. Auch die CDU erwischt es herb. Und die Linke wird profitieren, so viel kann man schon verraten. Demoskopen rechnen mit einem zweistelligen Wahlergebnis, die Linke hat Chancen, an der Elbe zur dritten Kraft zu werden.

Am Ende einer Woche also, in der Nachrichten über Geldtransfers nach Liechtenstein das Vertrauen der Politik in Teile der sie tragenden Gesellschaft erschüttert haben, kann besichtigt werden, wie sich vice versa der Vertrauensverlust weiter Teile der Gesellschaft in die Politik im Wahlergebnis eines Stadtstaats spiegelt. Ein Unbehagen tut sich auf. Und just in jener Woche lässt die SPD erkennen, wie sie mit dem Ergebnis dieses Unbehagens umzugehen gedenkt – es wird zur Manövriermasse im eigenen Machtspiel deklariert. Wie schnöde.

Wenn das keine, ja, Politikverdrossenheit mehr erzeugt, was dann? Die SPD stört sich nicht mehr an ihrem Geschwätz von gestern. Neue Zeiten aber kann man auch eleganter einleiten.

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