Zeitung Heute : Heul doch

Alle machen mich fertig, sagt Kathi, 16. Seit Jahren wird sie von Mitschülern schikaniert. Und langsam hasst sie sich schon selbst

Nina Hermann

Fest hatte Kathi sich vorgenommen, die Chance zu nutzen. Neue Schule, neues Glück. Doch als sie an jenem Morgen im Januar aufwacht, da rumort in ihrem Bauch die Angst, und die Hoffnung darauf, dass sich ihr Leben bald ändern würde, wankt schon wieder. Und als sie die steinernen Stufen hinauf zum Klassenzimmer steigt, rast das Herz. „Was ist das denn für eine“, hört sie jemanden sagen, als sie schließlich vor der neuen Klasse steht.

„Schüler haben einen Instinkt dafür, wen sie sich packen können, und einen siebten Sinn dafür, wen sie quälen können“, sagt die Lehrerin der 9. Klasse. „Kathi ist ein typisches Opfer.“

Kathi, 16 Jahre alt, sanfte Züge im Gesicht, schüchternes Lächeln. Die Haare schulterlang und blondiert, die braunen Augen in Kajal gerahmt und oft verträumt. Der Name Kathi ist ein Pseudonym, sie will nicht noch mehr Ärger mit den Leuten aus ihrer Schule. Es ist eine Gesamtschule im Berliner Osten, dort, wo die Leute mit Sonnenbrillen in den Cafés sitzen. Kathi sieht sie auf ihrem Schulweg.

Über ihrem Bett hängt ein Poster der rebellisch posierenden Rocksängerin Pink. Das sei eine, die lasse sich nicht unterkriegen, ähnlich wie der Rapper Eminem, dessen CD sie eingelegt hat. Aus ihrer Kiefernkommode kramt Kathi einen Zettel mit Zeilen, die sie einige Tage nach ihrem ersten Auftritt in der neuen Schule geschrieben hat.

„Diese Schule ist auch nicht besser, denn alle machen mich fertig! Mann, was mache ich bloß alles falsch im Leben. Mein Herz tut so verdammt weh. Ich frage mich nur, warum mich alle hassen. Bin ich an allem schuld? Langsam, glaube ich, hasse ich mich auch. Alle nennen mich Adolf und Pisslocke und was weiß ich. Alle tun mir so weh… Ich sitze gerade in Mathe, 7. Stunde, es ist Montag der 12.1.2004. Ich hasse mich!“

Es ist alles beim Alten geblieben, obwohl sich alles ändern sollte. Und das soll es schon sehr lange. Die ersten beiden Schuljahre liefen gut, dann kam der Tag, an dem ein Mitschüler ihr eine Spinne vor das Gesicht hielt. „Bei Spinnen werde ich einfach irre“, sagt Kathi. Bald hatten einige Schüler raus, dass sie auch mit Worten leicht aus der Fassung zu bringen war. „Schlampe“ oder „Fettarsch“ riefen sie ihr nach. Und schon war es passiert. Die Dynamik ist bis heute unverändert. „Es fängt mit einer Kleinigkeit an, meist einer Beleidigung, und dann merke ich schon, wie es überall kribbelt. Dann machen die weiter, und dann ist plötzlich so ’ne Hitze überall im Körper, und dann werden das Kribbeln und die Hitze immer doller, und dann fange ich an zu weinen.“

Kathi sagt, sie sei früher manchmal „richtig krass zusammengeschlagen“ worden, aber Worte schmerzen mehr als Schläge. Schnell verschlechterten sich damals ihre Noten, in der 4. Klasse blieb sie sitzen, wechselte die Schule, doch es wurde nicht besser. „Wenn ich mich beim Klassenlehrer über die anderen Schüler beschwerte, sagte der nur, dass er Petzen hasse.“ Noch schlimmer dann die Hauptschule. Da wohnte sie noch in Schöneberg, an der Schule hatten die Türken das Sagen. „Verpiss dich aus Schöneberg, du Schlampe“, fauchten die türkischen Mädchen und lauerten ihr nach dem Unterricht auf. „Einmal lag ich schon am Boden und eine von denen hat so heftig auf mich eingedroschen, dass ich nur noch dachte: Gleich bin ich tot.“

In der neuen Klasse gibt es keine Ausländer. Anfangs kamen noch Sprüche wie „Scheiß Wessi“, aber das fand Kathi nicht sonderlich beleidigend, das war nicht persönlich. Pissnelke, Psychotante oder Fettarschantilope, das tut weh. „Ich weiß ja, dass ich nicht wirklich dick bin. Aber durch die Hänseleien fühle ich mich manchmal richtig fett. Die haben mein ganzes Selbstbewusstsein kaputtgemacht.“ Nachdem irgendwer behauptete, sie habe etwas gegen Ausländer, wird sie nun auch Adolf genannt.

Es sind die Schüler mit der gewohnt großen Klappe, die mit den Attacken beginnen, diejenigen, vor denen die anderen Respekt haben, denen man lieber nicht in die Quere kommt. Auch Julia nicht, Kathis Tischnachbarin aus der ersten Reihe. Die wird eh schon blöde angemacht, weil die beiden sich ein wenig angefreundet haben. Wenn der kräftige Klassenchef in Laune ist, dann rammt er Kathi im Vorübergehen seinen Ellbogen in die Rippen. Wenn Kathi sich beschwert, findet sich schnell eine Schülertraube zusammen, aus der die üblichen Schimpfwörter abgefeuert werden. Meist ist es ihre Lieblingsfeindin, die ihr den Rest gibt: „Heul doch!“

Abends im Bett hofft Kathi, dass sie in der Schule nicht wieder fertig gemacht wird. Das hofft sie auch, wenn sie morgens losradelt, und in der Schule ist sie dann damit beschäftigt, nichts falsch zu machen. Sich bloß nicht im Unterricht umdrehen, dann heißt es wieder: „Was guckste denn so blöde“, und die Mädchen fangen hinter ihrem Rücken an, irgendwelche Gemeinheiten über sie zu tuscheln. Das hasst sie besonders. „Die versuchen mich rauszuekeln, und ich weiß nicht, warum… Ich ertrage das alles nicht mehr.“

Jedes siebte Kind in Deutschland leidet im Laufe seiner Schulzeit unter Schikanen der Mitschüler. Hunderttausende kleine Schicksale, die es nicht wie die Fälle von schwerer Misshandlung in die Medien schaffen. Leicht werden sie als pubertäre Spielchen abgetan, doch die seelischen Verletzungen verheilen schwer.

Jeder kann zum Opfer werden, sagen die Experten, und von dort wiederum auch in die Täterrolle wechseln. Aber Kathi ist wohl der Opfertyp. „Das stand der schon am ersten Tag auf der Stirn geschrieben“, sagt die Klassenlehrerin. „Man sah ihr die Angst an, da fackeln die Schüler nicht lange. Und wenn sich jemand nicht wehren kann, dann machen sie halt immer weiter. Denen bringt das Spaß.“

Kathi glaubt zu wissen, warum sie sich nicht wehren kann. Als sie vier Jahre alt war, verließ der Vater die Familie. Die Mutter begann zu trinken. Manchmal schlug sie die beiden älteren Schwestern, Kathi stand dann weinend daneben. „Seitdem habe ich meine Gefühle nicht mehr unter Kontrolle.“ Im vergangenen Januar zog sie schließlich zu ihrem Vater, deshalb auch der Schulwechsel. Sie kommen gut miteinander aus, auch wenn er nicht begreifen kann, dass seine Tochter so oft heulend aus der Schule kommt. „Zu Streitereien gehören doch immer zwei“, sagt er. „Sie müsse doch nur cool bleiben oder auch mal zurückschlagen.“ Er sagt es nicht gemein, er versteht sie nicht.

Kathi ist außerdem deshalb das perfekte Opfer, weil sie unbedingt den Realschulabschluss schaffen möchte, um später Arzthelferin zu werden. Streber werden besonders gern schikaniert, damit lässt sich mangelndes Selbstwertgefühl kompensieren. „Wer dem Lehrer positiv auffällt, fällt den Mitschülern negativ auf“, sagt die Klassenlehrerin Beate Wagner (Name geändert). Sie ist eine resolute Frau Anfang 40, die versucht, „mit Humor und Einfühlungsvermögen“ die Jugendlichen in Schach zu halten: „Sonst würden die sich die Köpfe einschlagen.“ Kathi mag sie. Aber auch die Lehrerin kann die Situation nur mildern, nicht ändern. „In den Schulen werden die Konflikte aus den Elternhäusern ausgetragen. Wir können die Verletzungen nicht rückgängig machen.“ 13 der 23 Schüler in der Klasse sind Scheidungskinder. Drei von ihnen sind mit dem Psychopharmakum Ritalin ruhig gestellt. Wenn Beate Wagner die Eltern anruft, hört sie oft: Zu Hause tanzt mir das Kind doch auch auf der Nase rum, ich bin selbst mit den Nerven am Ende. Es sind keine Familien aus dem sozialen Abseits, sondern Beamte, Handwerker. Arbeitslos werden eher die Kinder, einige haben so große Konzentrationsschwächen, dass sogar der Hauptschulabschluss unwahrscheinlich scheint.

Viel habe sich verändert, so Beate Wagner, seitdem sie Ende der 80er Jahre als Lehrerin anfing, damals noch in der DDR. Anstelle eines Klassenzusammenhalts nur noch Cliquen und Einzelkämpfer. Anstatt Freude an der Schule nur noch Perspektivlosigkeit und Frust.

„Neulich war wieder so ein Tag, an dem ich einfach nicht mehr wusste, wohin mit meiner Wut“, sagt Kathi. Die Wut auf sich selbst, weil sie nicht wie die Sängerin Pink stark ist, sondern schwach. Diese Wut, die sie nur an sich selbst auslassen kann. „Da habe ich mir mit einer Glasscherbe den Arm aufgeritzt.“ Wenn da nicht ihr Freund wäre, dann wüsste sie manchmal nicht, wohin mit ihrem Leben, „das mir die anderen kaputtmachen. Und sie wissen nicht mal, was sie mir antun.“

Heute Abend allerdings kann Kathi ohne die üblichen Sorgen einschlafen. Morgen beginnen die Sommerferien.

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