Heuschnupfen : Eine Frage der Sensibilität

Beinahe jeder vierte Deutsche leidet unter Heuschnupfen. Wegen des Klimawandels fliegen die Pollen nun fast das ganze Jahr. Trotzdem arbeiten nur wenige Forscher an Gegenmitteln. Zu Besuch bei zwei Ausnahmen.

Juliane Wedemeyer
Heuschnupfen
Ursache und Wirkung: Der Mensch nimmt viele Parasiten über Schleimhäute auf. Natürliche Reaktion: Niesen.Foto: Vario-Images

Ein Strich für jeden Pollen. Manchmal sind es so viele Pollen, dass ihr schwindlig wird. Hunderte oder Zehntausende durchscheinende Kreise, Drei- und Fünfecke, die unter dem Mikroskop zu geometrischen Mustern verschmelzen. Die Studentin hebt dann kurz den Blick. Ihre Augen müssen einen Punkt fixieren. Die Uhr an der beigefarbenen Wand etwa, die hier krumm ist, weil sie in einem ehemaligen Wasserturm sitzt.

Erst dann kann sie wieder durch das Mikroskop schauen, weiterzählen, Striche machen. Die Pollen kleben auf einem Streifen Folie, der aussieht wie ein Stück Tesafilm. Das ist die Beute aus einer der drei Berliner Pollenfallen, die auf verschiedenen Dächern der Stadt stehen.

Die 29-Jährige ist eine von fünf Studenten, die jeden Tag bestimmen, wie viele Pflanzensamen durch die Luft fliegen. Für die junge Frau im Wasserturm des Meteorologischen Instituts ist das Pollenzählen ein persönliches Anliegen. Manchmal kommt es ihr so vor, als sei es ihre Bestimmung.

Heute ist sie mit ihrer Strichliste schnell fertig. Drei Haselpollen hat sie gezählt und 28 Erlenpollen. Die sind an diesem Tag in einem Kubikmeter Luft herumgeschwirrt. „Starke Belastung“ steht auf der Skala des deutschen Pollenkalenders für 2008. Später wird die Pollenwarnung aus dem Meteorologischen Institut der Freien Universität Berlin für Allergiker ins Internet gestellt und im Radio-Wetterbericht angesagt.

23 000 Mal atmet ein Mensch am Tag. 23 000 Mal täglich streift die Luft Kehlkopf und Stimmbänder, bevor sie durch die Luftröhre in die Lunge strömt. Rund 1440 Liter Luft in 24 Stunden: Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid, Edelgase, Staubpartikel, Bakterien, Schimmelsporen und die umher fliegenden Pollen von Bäumen, Sträuchern, Gräsern und Getreide. Die Pollen bleiben in den Schleimhäuten kleben und setzen dort Eiweißmoleküle frei. Völlig unbemerkt – normalerweise.

Etwa 18 Millionen Menschen in Deutschland machen die Pollen in der Atemluft krank, das ist fast jeder Vierte. Sie beginnen zu niesen oder zu husten, ihre Augen jucken und tränen, die Nasen laufen. Bei ihnen spielt das Immunsystem verrückt. Statt zu erkennen, dass Pollen harmlos sind, bildet es Antikörper gegen sie. Heuschnupfen heißt das Problem oder auch allergische Rhinitis.

Und es wird größer. Wegen des Klimawandels fliegen die Pollen der Gräser und Brennnesseln nicht mehr nur bis Oktober, sondern bis in den Dezember hinein. Es schließt sich ein teuflischer Kreis: Im Dezember beginnen bereits die ersten Haselnussgewächse und Erlen zu blühen.

Trotzdem sind Allergien noch weitgehend unerforscht, heißt es bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Nur etwa eine Million Euro stecken Bund und Länder jährlich in die Rhinitisforschung, in die Allergieforschung allgemein keine 25 Millionen Euro. Zum Vergleich: In Projekte zur Herzkreislauf-Forschung fließen mehrere hundert Millionen Euro. Wie viel genau kann man bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft gar nicht sagen. Es gäbe zu viele, um alle zusammenzuzählen, heißt es. Das Thema Heuschnupfen dagegen scheint das Gros der Wissenschaftler an deutschen Universitäten kaum zu interessieren: Nur etwa 200 Allergieforscher gibt es in Deutschland. Mediziner kämpfen lieber gegen tödliche Krankheiten.

Dabei gehen der Wirtschaft laut der Europäischen Stiftung für Allergieforschung jedes Jahr 100 Milliarden Euro durch den Heuschnupfen verloren. Während der Krankheitsphase sind Pollenallergiker -bis zu 30 Prozent weniger leistungsfähig, manche fallen ganz aus.

Eine vielversprechende Idee dagegen kommt aus Berlin. Dort kämpft Christine Seib einen Kampf gegen den Heuschnupfen. Von der kleinen blonden Frau ist gerade nicht viel zu sehen, nur ihre hellen Augen hinter der halbrunden Brille. Gesichtsmaske, Haube und ein weiter weißer Kittel verdecken den Rest. Seib ist Medizinisch-Technische Assistentin am Allergiezentrum der Berliner Charité. Das Labor, in dem sie sitzt, ist ein weißer schmaler Raum. Unter einem großen Glaskasten liegt eine mit Sägespänen gefüllte Plastikschachtel. Ein Mäusestall, rosa Schwänzchen lugen zwischen den Sägespänen hervor. Es riecht nach Mist.

Das Besondere an Seibs Mäusen: Sie sind allergisch. Und Seib hat ihnen eine Eiweißverbindung in den Bauch gespritzt, die normalerweise von Larven der Peitschenbandwürmer im Schweinedarm abgesondert wird. Dieser Stoff ist für die Würmer lebenswichtig. Er verhindert, dass das Schwein Antikörper gegen sie bildet, sie abstößt. „Der Wurm unterdrückt so Immunreaktionen insgesamt. Und das führte uns zu der Hypothese, dass man diesen Mechanismus eventuell auch nutzen kann, um unerwünschte Immunreaktionen wie Allergien zu unterdrücken“, sagt Eckhard Hamelmann.

Professor Hamelmann ist Christine Seibs Chef. Er will die Wurm-Methode im nächsten Jahr an 80 menschlichen Allergikern ausprobieren. Bald schon wird er Probanden suchen, die bereit sind, rund 1500 Wurmeier zu schlucken, aufgelöst in Tropfen. Die Larven sollen schlüpfen und dann ihr Programm durchziehen und das Protein absondern, das die Antikörper zurückhält. Nach einigen Tagen werden die Larven wieder ausgeschieden. Die ersten Mausversuche seien erfolgreich gewesen, sagt Hamelmann, die Allergie der Mäuse habe sich zurückentwickelt.

Christine Seib greift in die Plastikschachtel und zieht, ganz vorsichtig, eine Maus am Schwanz heraus. „Sie ist aufgeregt“, sagt Seib. Dann schiebt sie das Tier in einen durchsichtigen Plastikzylinder, eine Maschine zum Mäuseatem-Messen. Auf einem Bildschirm erscheint die Atemkurve der Maus. Seib kann sehen, wie sich der Brustkorb des Tieres hebt und senkt. „Sie schnauft ganz schön“, sagt Seib.

Spätestens nach vier Wochen werdem die Forscher werden die Organe der Mäuse in Scheiben schneiden und zwischen gläserne Objektträger pressen. So wollen sie herausfinden, wie genau das Eiweiß die Antikörperbildung unterdrückt und wie das Allergikern helfen kann. Menschen wie Marina Kannabei.

Marina Kannabei, 48, ist Birkenallergikerin. Sie steht in Anorak und Stiefeln im Zentrum ihres Heimatortes. Ihre Augen folgen der Straße, die sich vom Flüsschen den Hügel hinauf zum Bahnhof zieht. In der linken Hand hält sie ein zerknautschtes Taschentuch, mit der rechten zeigt sie auf die noch kahlen weiß-schwarzen Bäume, die die Fahrbahn säumen: „Da, da, da – sie stehen überall“, sagt sie. Keine Pflanze produziert so viele Pollen wie die Birke. Die Studenten im Steglitzer Wasserturm zählen oft mehr als 8000 pro Kubikmeter. Und Marina Kannabeis Heimatort heißt Birkenwerder. Da steht die Birke sogar im Ortswappen.

Wenn Marina Kannabei von Birken spricht, klingt es, als spräche sie von Ungeziefer. Was sie quält, sieht unter starken Mikroskopen aus wie ein gelocktes Haar. Es ist das Eiweißmolekül aus der Birkenpolle, ein Allergen. Wenn Kannabei die Pollen mit der Frühlingsluft einatmet, setzen sie in ihrer feuchten Nasenschleimhaut diese Allergene frei. Genau dort sitzen auch die Antikörper, die sich an dicke Zellkugeln gehängt haben, an die so genannten Mastzellen. Die Mastzellen wiederum sind voll gestopft mit Histamin-Kristallen. Histamin, chemisches Zeichen XN, muss in Medizinlaboren als Gefahrenstoff gekennzeichnet werden. Es ist der Stoff, der an Brennnesseln brennt.

In Kannabeis Nase beginnt nun der Krieg. Dort treffen die Allergene auf die passgenauen Antikörper an den Mastzellen und docken an. Die Mastzellen platzen, die Histamin-Kristalle schießen heraus. Marina Kannabei hält sich das Taschentuch an ihre rötlich schimmernde Nase, schnaubt, hustet. Ihre Augen jucken. Das Histamin wirkt.

Im Lauf der Evolution war eine solche Reaktion bisher stets ein Vorteil. „Wir nehmen die meisten Parasiten ja über unsere Schleimhäute auf“, sagt Helmut Fiebig. Der 62 Jahre alte Forscher ist der Leiter der präklinischen Studien bei Allergopharma. Das Unternehmen in einem Industriegebiet in Reinbek bei Hamburg stellt Arzneimittel gegen Heuschnupfen her.

Sobald die Mastzellen also ihr Histamin losließen, begannen die Menschen die Parasiten wieder auszuschnauben oder aus den Augen zu reiben. In der sauberen Umgebung, in der die Menschen der westlichen Industrieländer heute lebten, sei das Immunsystem aber schlicht unterfordert, sagt Fiebig. „Es sucht sich neue Feinde.“

Fiebig steht im Allergopharma-Hauptgebäude im Konferenzraum, er trägt einen dunkelblauen Anzug. Früher lehrte er Immunologe in Leipzig. Seit 15 Jahren ist er einer von etwa 400 Mitarbeitern der Pharma-Firma. Das Forschungsziel: Er und seine Kollegen wollen gentechnisch hergestellte Allergene industriell produzieren – um den Heuschnupfen mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Die Idee: Genau die Pollenmoleküle, die den Allergiker krank machen, sollen ihn auch unempfindlich machen.

Heute schon benutzen Mediziner natürliche Allergene für die Heuschnupfentherapie, die so genannte Desensibilisierung. „Das menschliche Immunsystem soll umerzogen werden“, sagt Fiebig. Es soll an die Allergene gewöhnt werden, bis es erkennt, dass diese zwar körperfremd, aber ungefährlich sind. Drei Jahre dauert die Therapie meist. Abhängig von der Pollenart liege die Erfolgschance bei bis zu 90 Prozent, sagt Fiebig.

Die Birkenwerderin Kannabei lässt sich seit Februar jeden Dienstag Allergene in den Arm spritzen, direkt unter die Haut. Die Allergene stammen von echten Birken. Allergopharma kauft sie in Schweden, wo die Pollen von Hebebühnen aus von den Bäumen gepflückt werden. Die Allergene werden dann aus den Pollen gelöst, gereinigt und in einer Flüssigkeit in Ampullen gefüllt.

Und wofür dann gentechnisch hergestellte Allergene? Natürlich gewachsene Birkenpollen, sagt Fiebig, ließen sich nicht so genau dosieren. Das Wetter und die Zahl der Blüten ließen die Konzentration im Produkt schwanken. Fiebigs Traum sind auf den jeweiligen Patienten abgestimmte Allergen- Cocktails. Denn viele Betroffenen sind gleich gegen mehrere Pollen allergisch oder zusätzlich noch gegen Milben oder Nahrungsmittel. Außerdem hätten die ersten Studien am Menschen gezeigt, dass gentechnisch hergestellte Allergene schneller wirkten als die Allergene vom Baum.

Fiebig zieht einen weißen Kittel über seinen Anzug und betritt einen angrenzenden Raum, eines der 26 Labore des Unternehmens. Dort sieht es nicht viel anders aus, als in einem Chemieraum in der Schule. Auf den Tischen stehen Reagenzgläser in Holzständern, darunter Brutöfen für Bakterien. Sie sehen aus wie veraltete Mikrowellen. Aus einem holt Fiebig eine gläserne Schale. Die Punkte darin sind Bakterien, Escherichia Coli. Fiebigs Mitarbeiter haben sie manipuliert. Sie tragen jetzt die DNS der Birkenpolle in sich. In den letzten Stunden haben sie sich bei 28 Grad vermehrt, sich alle 20 Minuten geteilt. Wenn Fiebig den Ofen nun auf 42 Grad erhitzt, beginnen die Bakterien, das allergisch machende Birkenpollen-Eiweiß zu produzieren.

2011 sollen die Allergene aus Fiebigs Labor in Europa als Arzneimittel zugelassen werden. Summen im zweistelligen Millionen-Bereich kostet das Projekt. Doch für Heuschnupfen-Medikamente gibt es einen riesigen Markt, jedes Jahr werden Milliarden mit solchen Medikamenten umgesetzt.

Der Preis für eine Immuntherapie: etwa 15 000 Euro pro Jahr. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten. Doch die wenigsten Betroffenen scheinen Heuschnupfen ernst genug zu nehmen. Eine Studie der Europäischen Stiftung für Allergieforschung zeigt, dass sich nur die Hälfte der Erkrankten von einem Arzt behandeln lässt. Dabei kann Heuschnupfen von Nase, Nebenhöhlen und Rachen bis in die Bronchien wandern – und zu Asthma werden.

Auch Marina Kannabei leidet an Asthma. Sie hat erst vor fünf Jahren erfahren, dass sie eine Pollenallergie hat. 30 Jahre lang dachte sie, sie fange sich immer eine Frühlingsgrippe ein. Die Symptome passten: Ihre Nase lief, sie nieste, hustete. Nur Fieber hatte sie keines. „Ich habe mich immer gewundert, dass die Erkältung nicht besser wurde“, sagt sie.

Drei, vier Wochen lag sie damals jeden Frühling im Bett, neben sich auf dem Nachttisch eine Flasche Hustensaft und Taschentücher. So lange wie die Birken blühten. Und die blühen immer länger. Inzwischen sind es im Schnitt acht Tage mehr als noch in den 80er Jahren, hat Kannabeis Tochter Sandra herausgefunden. Sie schreibt gerade ihre Diplomarbeit zum Thema: „Der Klimawandel und der verlängerte Pollenflug der Birke“.

Marina Kannabei wird in den nächsten Wochen nur noch nachts lüften, wenn es kühler ist und der Wind die meisten Pollen weggeweht hat. Sie wäscht sich dann jeden Abend vor dem Schlafengehen die Haare und deckt sich mit Taschentüchern und Medikamenten ein, mit Tabletten und Nasensprays.

Jedes Jahr, wenn zum ersten Mal mehr als 20 Birkenpollen in der Falle des Meteorologischen Instituts gelandet sind, ruft die Studentin Sandra Kannabei ihre Mutter in Birkenwerder an. Bald ist es so weit, sagt sie, am nächsten sonnigen Tag. Meistens weiß Marina Kannabei aber schon vor der Tochter Bescheid. Sie wohnt ja an der Quelle.

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