Zeitung Heute : Heuschrecken sind überall

Rolf Obertreis Antje Sirleschtov

Die staatliche Bankengruppe KfW hat einen Teil ihrer Telekom-Aktien an den amerikanischen Finanzinvestor Blackstone verkauft. Warum lässt sich der Staat mit Heuschrecken ein?


Für den Bundesarbeitsminister ist es eine „Heuschrecke“, für den Bundesfinanzminister nicht. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, da warnte Franz Müntefering – seinerzeit noch SPD-Vorsitzender – vor internationalen Beteiligungsgesellschaften, die sich mit ihrem Geld in deutsche Unternehmen einkaufen, sie aussaugen und dann wieder verschwinden. Auf der SPD-internen Heuschreckenliste wurde die amerikanische Blackstone Group ausdrücklich erwähnt.

Am Montag war es ausgerechnet Münteferings Parteifreund Peer Steinbrück, der den Verkauf eines Telekom-Aktienpakets von 4,5 Prozent an Blackstone als einen „guten Tag für die T-Aktionäre“ bezeichnete. Die Amerikaner zahlten für die Telekom-Anteile 2,7 Milliarden Euro an die staatliche Bankengruppe KfW, die T-Aktie stieg zeitweise um fast fünf Prozent. So sagte Steinbrück dann auch, Blackstone sei genau genommen gar keine Heuschrecke, sondern ein „weltweit führender Beteiligungskapitalfonds“ der an einem langfristigen Investment interessiert sei.

Glaubt man dem Finanzminister, werden sich die Zukäufe von Beteiligungen solcher Fonds an deutschen Unternehmen in Zukunft mehren, wenn nicht zur Regel werden. Denn auch im Mittelstand verliert der klassische deutsche Kredit zur Wachstumsfinanzierung mehr und mehr seine Bedeutung. Und an seine Stelle treten internationale Beteiligungsgeber, die ihr Geld anlegen und zu einem günstigen Zeitpunkt Kasse machen.

Bisher haben ausländische Finanzinvestoren in Deutschland vor allem kleine Firmen, wie zum Beispiel den Armaturenhersteller Grohe, oder Wohnungsimmobilien aufgekauft. Jetzt aber könnte es nicht nur bei 4,5 Prozent Telekom-Anteilen bleiben, auch wenn Bund und KfW sich verpflichtet haben, zumindest für ein Jahr keine weiteren Anteile zu verkaufen. Vor allem wegen der leeren Kassen stellen Kommunal- und nun auch Bundespolitiker Vorbehalte gegen Finanzinvestoren zurück. Auch wenn man, wie ein Frankfurter Banker sagt, „mit denen keine Sozialpolitik mehr machen kann. Die wollen Rendite“.

Die Blackstones und Co. verfügen nach Schätzungen von Experten über Anlagekapital von bis zu 100 Milliarden Dollar, das weltweit nach lukrativen Investments sucht. Deutsche Firmen und Wohnimmobilien sind in ihren Augen unterbewertet, versprechen also gute Gewinne. „Da treffen sich zwei Trends“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank. Allerdings nicht, wie eine Sprecherin der KfW bemüht ist zu betonen, weil sich Minister Steinbrück diesen Anlagedruck offensiv zunutze machen wollte. „Blackstone hat sich an den Finanzminister gewandt, nicht umgekehrt.“ Was nicht ausschließt, dass die Bundesregierung bei weiteren Privatisierungen wieder auf Finanzinvestoren setzt. Bei der Bahn oder bei Flughäfen könnten sie eine wichtige Rolle spielen.

Die Telekom ist nicht der erste Fall, bei dem der Bund Geschäfte mit Finanzinvestoren macht: 2001 kaufte die Deutsche Annington, eine Tochter der britischen Firma Terra, für rund zwei Milliarden Euro 65 000 Eisenbahner-Wohnungen. Überhaupt setzen öffentliche Wohnungseigentümer auf Beteiligungsgesellschaften. Der US-Fonds Cerberus übernahm vor zwei Jahren in Berlin die landeseigene Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSW) und damit 66 000 Wohnungen. Die Stadt Dresden verkaufte vor kurzem 48 000 Wohnungen für 1,7 Milliarden Euro an den US-Investor Fortress. Der hatte bereits 2004 für 2,1 Milliarden Euro den Anteil der Bundesanstalt für Angestellte (BfA) an der Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten übernommen. Die BfA stopfte mit dem Geld die Löcher in der Rentenkasse.

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