Zeitung Heute : „Heut gibt’s eine Großbauernleich’“

Das große Schmausen nach Beerdigungen hat eine lange Tradition – und wird doch kritisiert

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Eigentlich ist das ja makaber, sagen viele. Kaum ist der Tote unter der Erde, versammeln sich die, die er hinterlassen hat, und stopfen sich die Bäuche voll. Sie trinken und reden und lachen – tun Dinge, die der Tote nie wieder tun kann. Im Mittelalter aßen die Menschen nach der Beerdigung sogar gleich auf dem Friedhof.

Es gibt im deutschen Sprachraum viele Bezeichnungen für diese uralte Sitte: Leichenmahl, Totenmahl, Totentrunk, Totensuppe. Die Züricher nannte man wegen ihrer üppigen Feste oft „Totenfresser“ oder „Totenvertrinker“. Das „Fell versaufen“ oder „einen Grabstein setzen“, waren ursprünglich Ausdrücke für deftige Feiern nach der Totenmesse. Vor allem auf dem Land wurde nicht gespart. Der bayerische Pastor Joseph Schlicht schrieb einmal: „Siehst du im Straubinger Gau einen Hof voll ländlicher und städtischer Kutschen, so ist’s eine ausgemachte Sach’, heute gibt’s eine Grossbauernleich.“

Was man makaber finden kann, hat soziologisch gesehen aber gleich mehrere Funktionen. Die simpelste: Irgendwann müssen die Gäste, die manchmal von weither anreisen, ja mal etwas in den Bauch bekommen. Die zweite: In Auto- und Flugzeug-losen Zeiten, da das Reisen noch dauerte und man die Verwandtschaft nicht so oft sah, wurde zum Anlass auch gleich ein Familientreffen abgehalten. Außerdem, so wünschen sich die Gastgeber das meistens, soll des Toten noch einmal in privater Atmosphäre gedacht werden. Dass das Gedenken dann manchmal in Feten ausartet, sagen Soziologen, hängt damit zusammen, dass die Gäste die unangenehme Erinnerung an die eigene Endlichkeit abschütteln wollen.

Der Brauch geht in die vorchristliche Zeit zurück. Aus dem Jahr 1250 vor Christus datieren ägyptische Fresken, die zeigen, wie die Trauergesellschaft nach der Bestattung vor dem Grab Platz nahm, um zu speisen und Tänzerinnen zuzuschauen. Beim Leichenschmaus des phrygischen Königs Midas, fand der US-Wissenschaftler Patrick McGovern 2001 anhand einer Geschirranalyse heraus, gab es Hammel mit Linsen.

Es gibt sogar Kulturen, in denen der Leichenschmaus sich in abgewandelter Form jährlich wiederholt – und zwar an Allerheiligen. In Mexiko zum Beispiel werden in der Nacht vor und nach dem „dia de los mortos“ zu Ehren der Toten Altäre in den Häusern aufgebaut, weil dann die Seelen der Verstorbenen zurückkehren. Für die verstorbenen Kinder, die „Angelitos“ (kleine Engelchen), stellt man Süßigkeiten hin, für die Erwachsenen die Lieblingsgerichte, aber auch Zigaretten, Bier oder Tequilla. In diesen Tagen trauert man nicht, sondern feiert ein Fest, damit sich die Seelen unter den Lebenden wohl fühlen.

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