Zeitung Heute : Heute bleibt die Küche kalt

Susanne Kippenberger

Die meisten Menschen gehen ins Museum, um Kunst zu erleben. Heike Breitenfeld ging in den Supermarkt, ins Fast-Food-Restaurant, in die Sushi-Bar. Das Essen hatte die Hamburgerin schließlich nach Japan gelockt: Der Umgang mit den Speisen, die ästhetische, hoch stilisierte Präsentation. Vor allem die Wachsmodelle der Gerichte, wie Konzeptkunst in den Vitrinen der Restaurants ausgestellt, hatten es ihr angetan.

Bilder sah die 41-Jährige überall, wo es um Essen ging, abstrakte Bilder und Zeichen. Und um Essen, das merkte sie schnell, geht es eigentlich immer in der japanischen Kultur, zu riechen ist es überall, zu hören auch: "Übers Essen redet man dort so gern wie in England übers Wetter." Nie ist es ihr gelungen, sich mit jemandem nur so, auf ein Bier zu treffen. Immer wurde etwas zu essen bestellt - und sei es eine Kakifrucht, die sich alle teilten. Auch das hat der Deutschen gefallen: dass die Japaner oft und gemeinsam essen, aber wenig, "keine Berge." Und wie sie essen: "Das ist so eine bestimmte Art der Berührung, die Stäbchen sind ja wie verlängerte Finger. Das hat etwas sehr Haptisches."

Als Heike Breitenfeld ein paar Monate in Japan lebte, hat auch sie, von morgens bis abends, ihr Essen fotografiert. Allerdings ist das Ergebnis kein Abbild japanischer Speisen, sondern eine poetische Installation über die allmähliche Annäherung einer Europäerin an eine ebenso fremde wie faszinierende Kultur, ihre Ästhetik und Künstlichkeit. Heike Breitenfeld holte ihre deutsche Butterbrotdose aus dem Koffer, benutzte sie als Rahmen für den Rohstoff von Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Ein deutsches O-Bento: So nennt sich das Menü, das in der Schachtel angerichtet wird. Für jede Tageszeit wählte sie einen anderen Hintergrund, Bleu, Rosa, Hellgelb. Zarte Farben, wie sie ihr im Alltag immer wieder begegnet sind.

Gleichberechtigt hängen die drei Bild-Bänder untereinander, dem japanischen Esstisch nicht unähnlich, wo es keine Hierarchie der Speisen, keine Menüs mit Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch gibt. Wo alles gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander steht, nicht auf einem großen Teller vermischt. Wo jedes Produkt seine Individualität bewahrt, "so schmeckt, wie es eigentlich schmeckt", weil es bei der Zubereitung kaum verändert wird. So hat die Künstlerin erlebt, was sie bei Roland Barthes gelesen hatte: "Speisen", hat der französische Philosoph geschrieben, "heißt, mit der leichten Berührung der Stäbchen bald hier, bald dort eine Farbe aufnehmen, ganz so, als folge man einer Eingebung, die in ihrer Langsamkeit wie eine abgehobene, indirekte Begleitung zur Konversation erscheint." Wie ein Kunstwerk, das man sich einverleibt.

Kochen ist eine Kunst, das weiß inzwischen auch der größte Banause. Was aber hat Kunst mit Kochen und Essen zu tun? Eine Menge, meint nicht nur die Kuratorin Elisabeth Hartung. Hier wie dort geht es schließlich um Kreativität und Sinnlichkeit, um Farben und Formen, um Ekel und Verführung, Kultur, Gesellschaft und Kommunikation. So hat die Kuratorin Elisabeth Hartung in München einen ganzen Kunstherbst zum Thema organisiert, der mit "Tafelfreuden" begann, einer Reihe von Aktionen und Performances, und nun mit zwei Ausstellungen fortgesetzt wird: Unter der Überschrift "Mit vollem Munde spricht man nicht" setzen sich 15 jüngere Künstler und Künstlergruppen, darunter auch Heike Breitenfeld, mit Tischsitten und Esskultur auseinander; Daniel Spoerri, dem Vater der Eat Art, ist eine eigene Schau gewidmet.

Denn was jetzt schon Kunstgeschichte ist, war in den 60er Jahren herbe Provokation. Kunst, das war in der Nachkriegszeit noch etwas für die Ewigkeit, ernst und erhaben, der Künstler ein einsames Genie. Und da kam nun dieser Spoerri an, hat Abfall in Brot gebacken, machte aus sinnlichen Tafelfreuden mit Freunden Sinnbilder von Vergänglichkeit und Geselligkeit. Mit seinen Fallenbildern (von denen auch eins in der Paris Bar hängt) wurde er berühmt; auf ihnen hat er die Reste der Gelage für immer festgehalten: schmutziges Geschirr, abgenagte Knochen, Zigarettenkippen en masse. Daniel Spoerri wollte weg vom schönen Schein, hin zur staubigen Wirklichkeit. Kunst und Essen, führte er vor, ist immer eine Sache des Geschmacks, des guten und des schlechten. Und der Kommunikation. Darum eröffnete er gleich ein eigenes Restaurant, in dem sich die Düsseldorfer Kunstszene traf, von Josef Beuys bis Gabriele Henkel. Und in der Galerie, ein Stockwerk drüber, stellten viele der Gäste ihre eigene Eat Art aus.

So weit wie Spoerri würde Patricia Waller nie gehen. Die Bildhauerin kann nämlich gar nicht kochen, "nicht mal ein Spiegelei". Aber häkeln kann sie, wie man in der Münchner Ausstellung sieht: Hähnchen wie aus dem Wienerwald, Eisbecher wie aus Bad Reichenhall und Grießflammeri, wie von Oma gemacht. Und alles wie im Gasthaus an kleinen Tischen serviert, die bei den Ausstellungsbesuchern gleich Assoziationen wecken, an Sonntagsspaziergang und Familienzwist.

Buffet mit Käsesticks

Was Kunst mit Essen zu tun hat? Viel, manchmal schon zu viel, hat die Karlsruher Künstlerin bei Vernissagen beobachtet: "Das ist vor allem ein gesellschaftliches Event, wo man hingeht, um was zu trinken, zu essen, zu reden. Die Kunst steht da im Hintergrund." Also drehte Waller den Spieß um und stellte das Essen als Kunst in den Mittelpunkt, deckte Tafeln und Tischchen mit ihren weichen Skulpturen. Die Idee kam auch ihr, als sie in die Fremde, nach Frankreich, ging, und die Künstlerin sich überlegte, welchem Thema sie sich dort während ihres Stipendiums widmen könnte. Die Assoziation lag nah: ein Leben wie Gott in Frankreich. Also packte sie deutsche Kochbücher als Vorlagen ein und häkelte ihr erstes Buffet mit Hummer und Käsesticks. Bei der Ausstellungseröffnung wollten sich alle Besucher drauf stürzen.

Ihre Speisen sind nicht zu verspeisen, gerade das gefällt ihr an den eigenen Skulpturen. Denn dazu wäre ihr die Zeit viel zu schade: "zwei Stunden in der Küche zu stehen für etwas, was man in zehn Minuten wegfuttert." Aber Torten häkelt sie gerne, auch deshalb, weil das Kochen und Backen und Verzieren "was sehr Weibliches und Archaisches ist, ein kreativ-spielerischer Prozess". Ein Spiel auch mit der Rolle des eigenen Geschlechts. Wenn ihr, die weder Hausfrau noch Mutter ist, jemand mit dem Begriff Hausfrauenkunst kommt, muss sie lachen.

Eat Art als Schock und Provokation wie zu Spoerris Zeiten ist heute nicht mehr möglich, auch nicht mehr nötig. Ironie, in der deutschen Kunst lange verpönt, gehört längst zum guten Ton. Und doch ist einiges von dem, was derzeit in München zu sehen ist, mehr als schöner Schein, mehr als Dekoration und Spielerei. Die Irritation ist nur subtiler geworden. Dem Betrachter von Heike Breitenfelds Serie zum Beispiel geht es ähnlich wie der Künstlerin selber, als sie in Tokio in den Supermarkt kam; auf den ersten Blick kam ihr alles ganz vertraut vor, erst bei genauem Hingucken verstand sie, dass sie damit oft gar nichts anzufangen wusste. Was auf ihren Bildern zunächst so ästhetisch aussieht, wirkt bei näherer Betrachtung auch so künstlich, so steril, ja, geschmacklos wie die Sushis, die in Plastik verpackt sind.

Wie der Akt zum Sex

Das Stilleben, das die ganze Kunstgeschichte durchzieht, ist ja nie ein einfaches Abbild gewesen. "Das Stilleben", hat der amerikanische Kritiker Robert Hughes einmal geschrieben, "verhält sich zum Essen wie der Akt zum Sex, ist nicht einfach ein Bild, sondern eine komplexe Verknüpfung kultureller Vorstellungen von Materialismus und Transzendenz, Illusion und Realität, Vergnügen und Verweigerung, Leben und Tod."

"Food for thought", so nennt Hughes diese Kunst, geistige Kost. Und wenn dem Künstler die Ideen ausgehen, kann er sich immer mit der Einladung zu Spoerris Ausstellung trösten. Die ziert ein ironisches Tischarrangement mit einer alten Decke, auf die der Spruch gestickt ist: "Wenn alle Künste untergehn, die edle Kochkunst bleibt bestehn."

"Mit vollem Munde spricht man nicht", bis zum 11. November in der Galerie der Künstler, Maximilianstraße 42, München, Katalog im Verlag für moderne Kunst, 28 DM. Daniel Spoerri presents Eat Art, Aktionsforum Praterinsel, München bis 9. Dezember, Katalog 38 DM. Am 22. November findet ein öffentliches Bankett statt.

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