Zeitung Heute : Heute ein König

Céphas Bansah ist Automechaniker aus Ludwigshafen und ein ghanaischer Herrscher. Wenn sein Untertanenland bei der Fußball-WM gegen das Land spielt, in dem er lebt, sitzt er zwar auf einem Thron – aber zwischen den Stühlen

Die vierte und bedeutendste Verwandlung dieses Tages findet gegen 15 Uhr statt. Zuvor ist aus einem Mann in Jeans ein Mann aus Gold geworden, er steht vor seinem Haus in Ludwigshafen-Mundenheim und hört den Erläuterungen einer Fernsehreporterin zu. „Also, wir würden gern die Kamera auf Ihre Haustür richten“, sagt sie, „und dann machen Sie die Tür auf und kommen raus und empfangen uns und sagen: ,Willkommen in meinem Königreich‘.“ Der Mann aus Gold sagt: „Der König empfängt niemanden an der Tür. Der König hat einen Thron.“ Dann wendet er sich ab und geht in sein Haus zurück.

Der goldene Mann ist Togbui Ngoryifia Kosi Olatidoye Céphas Bansah König von Hohoe Gbi Traditional Ghana, er ist der König eines Volkes von 210 000 Menschen und kein Faschingsprinz.

Am Vormittag hatte er sich zum ersten Mal umgezogen, der Fernsehsender Phoenix filmte ihn und seine breiten Oberarm- und Unterarmreifen, seine dicken Fingerringe, die Krone und die Halsketten. Es war eine Livesendung. Sie war als Einstimmung gedacht für einen Tag, an dem in einem anderen Königshaus ein Monumentalfest gefeiert wurde, die Schwedenhochzeit. Und an dem Ghana bei der Fußballweltmeisterschaft gegen Australien spielen würde.

Als die Leute von Phoenix gegangen waren, legte er die Herrscherutensilien wieder ab, aus dem König mit dem langen Titel wurde wieder Céphas Bansah, der Automechaniker aus Ludwigshafen. Und nun ist RTL da, gleich wird noch der Südwestrundfunk kommen. Live ist diesmal gar nichts, sie alle wollen ihre Berichte erst am heutigen Mittwoch bringen, am Tag, an dem Ghana gegen Deutschland spielt. Bansahs Herkunfts- und Untertanenland gegen das Land, in dem er lebt. Ein schöner Titel wäre: „Auf dem Thron, zwischen den Stühlen.“

Bansah hat also noch einmal sein buntes Gewand und all den Schmuck angezogen, und nun setzt dieser Mann, der so leicht und so spöttisch ist, dass er hier in der Gegend auch schon einmal das Amt einer Weinkönigin annahm und auch sonst kaum eine Art öffentlicher Auftritte zu meiden scheint, eine Grenze. Der König empfängt niemanden an der Tür. Der König ist eine Respektsperson, er lässt bitten.

Das klingt einfach, ist aber offensichtlich nicht ganz leicht zu verstehen. Das ansonsten völlig Unernste dieses Mannes macht es so schwer, die mit europäischen Augen identifizierte Kasperhaftigkeit seiner öffentlichen Auftritte, sein Brotberuf, dieses Haus hier in einer Industriegegend Ludwigshafens. Die Nachbarn sind Autohändler und der Tüv.

Bansah ist 62 Jahre alt. 1970 brachte ihn ein von der Bundesregierung organisierter Studentenaustausch nach Deutschland. Bansah blieb. Er setzte hier seine Ausbildung fort, wurde Landmaschinenmechaniker, Landmaschinenmeister, KfZ-Meister. 1987 starb sein Großvater, der damalige König. Bansahs Vater kam für die Thronfolge nicht in Frage, weil er Linkshänder war, Bansahs älterer Bruder schied aus demselben Grund aus. Es müssen danach intensive und langwierige Beratungen stattgefunden haben, es ist nicht mit letzter Sicherheit in Erfahrung zu bringen, warum Céphas Bansah, der rechtshändige Automechaniker aus Ludwigshafen, erst 1992 gefragt wurde, ob er die Erbfolge antreten wolle.

Er wurde nach Ghana eingeladen, Westafrika, in ein Dorf mitten im Dschungel, in ein Haus eingesperrt, zwölf Häuptlinge ritzten ihn mit Messern an zwölf Körperstellen, er trank das Blut eines geschlachteten Schafes, „acht Quadratmeter Blut“, hatte Bansah am Vormittag in die Phoenix-Fernsehkamera gesagt, Medizinmänner kamen, Lehrer, Priester, sie erklärten den Voodoo und gaben ihm Kräutersud zu trinken, der wahnsinnig macht. Das muss man überstehen, acht Tage lang. Dann ist man König von 210 000 Menschen vom Volk der Ewe im Osten Ghanas.

Im Flur seines Hauses hängen Fotos und Zeitungsausschnitte. Einer stammt aus der „Bild“-Zeitung, „Die 30 wichtigsten Ludwigshafener“. Helmut Kohl ist der wichtigste, sein Foto ist ganz oben links im Artikel, Bansah ist mittelwichtig, zwei Reihen darunter. Es gibt ein Foto mit ihm und den Wildecker Herzbuben, ein Foto mit ihm und den Kohls, der ganze Flur ist voll mit Fotos und die Küche auch, Bilder, auf denen nur Bansah allein drauf ist und welche zusammen mit seiner deutscher Frau Gabriele, auf Stühlen sitzend vor lachenden afrikanischen Kindern, stehend vor lachenden afrikanischen Erwachsenen, wieder sitzend, wie sie auf ihren Stühlen über eine Straße getragen werden.

Das ist die Königshälfte in Bansahs Leben. Der Mann aus Gold als Dekoration auf Empfängen, Festen, bei Auftritten in Deutschland, und dann in Afrika, wo er die Früchte dieser Arbeit verteilt. Bansah versucht, die Deutschen zum Spenden zu bewegen. Er war erst drei, vier Monate lang König und damit eine öffentliche Person gewesen, als er auf diese Art und Weise zum ersten Mal etwas nach Ghana bringen konnte. Zwei Container voller Wasserpumpen. Ein Fernsehauftritt bei „Schreinemakers live“ auf Sat 1 hatte das ermöglicht, die Menschen spendeten, der Sender bezahlte den Transport.

Im ersten Stock des Hauses steht der Thron. Bansahs Sohn hatte in der Zwischenzeit für RTL die Tür geöffnet, „herzlich willkommen in der königlichen Residenz“ gesagt und „der König erwartet Sie schon“. Der König sitzt, seine Füße auf mehreren Lagen Leoparden- und Tigerfellen.

„Was glauben Sie, Herr König, wer wird Weltmeister werden?“, fragt das Fernsehen.

„Weltmeister wird Deutschland. Aber mein Herz schlägt für Ghana.“

„Warum?“

„Ich bin aus Ghana.“

„Und wie weit wird Ghana kommen?“

„Das Endspiel wird Ghana gegen Deutschland, und Ghana kann Deutschland dann gewinnen lassen.“

„Können Sie das bewerkstelligen?“

Bansah macht ein toternstes Gesicht. „Ja, das kann ich.“

Draußen, in einer Ecke auf dem Balkon, steht ein Schrein mit hölzernen Voodoo-Puppen. Sie sind voller Nägel und scharfer Metallsplitter.

Im Wohnzimmer, neben dem Thron, hängt ein Gemälde an der Wand, gemalt in Acrylmischtechnik auf Pappelholz. Es heißt „Ein König für sein Land führt sein Volk in eine Zukunft ohne Leid“ und zeigt den König Bansah und den Mechaniker Bansah. Rechts neben dem Gemälde hängt dessen Beschreibung. Die Maler haben sie gemacht und auf Büttenpapier gedruckt. Sie liest sich wie eine Gebrauchsanweisung, wie eine Sammlung von Merksätzen für den Umgang mit Bansah, eine Einstimmung auf eine Tonlage, die in diesem Haus zwar nicht nötig zu sein scheint, die aber dennoch geschätzt wird.

Bansah hätte die Bildbeschreibung vor der Haustür aufhängen sollen, dann wäre allen die kleine heikle Situation vorhin vielleicht erspart geblieben. Mechaniker und Herrscher auf einem Bild also, „mit dieser Kombination vereint das Gemälde die unantastbare Würde eines traditionellen afrikanischen Königs und die fassbare Individualität des Menschen Céphas Bansah.“

Eine afrikanische Landschaft mit Brücke ist auch noch auf dem Bild. Denn Bansah baut auch Brücken. „Wenn die Frauen vom Feld kommen“, sagt er, „mit 60, 70 Kilo Gewicht auf dem Rücken, und über unsere alten Brücken müssen, das sind mehr so Baumstämme, dann fallen sie in den Fluss und werden von den Krokodilen geschnappt. Ich habe diesen Mord gestoppt.“

Bansah baut auch Schulen, mit massiven Wänden und festen Dächern, mit Türen, Fenstern, Wasser, Strom. 30 000 Euro kostet das pro Stück, manchmal dauert es drei Jahre, bis dieses Geld zusammen ist. Derzeit baut er die sechste.

Den letzten großen Geldbetrag bekam Bansah im vorigen Jahr bei einer Jörg-Pilawa-Quizshow. 20 000 Euro gewannen er und ein Mitstreiter damals.

Das Fußballspiel gegen Australien hat angefangen, mittlerweile sind 25 Menschen im Raum, Freunde, Einwanderer aus Afrika, Verwandte. Viele tragen T-Shirts in Ghanas Nationalfarben Gelb, Grün, Rot. Ghana gerät in Rückstand, 0:1, „Ghana muss jetzt aus der Passivität rauskommen“, sagt der Fußballkommentator. „Ja genau, die Afrikaner sind immer zufrieden“, sagt Bansah, und an Deutschland gefalle ihm vor allem dass die Leute hier anders seien. „Die Deutschen sind nie zufrieden.“ Ghana gleicht aus, wenn es so bleibt, ist die Mannschaft Erster ihrer Vorrundengruppe. Der Kommentator sagt: „Ghana kann sich das jetzt ganz in Ruhe und entspannt angucken.“ Ghana, versunken in Bansahs großem Ledersofa, guckt entspannt. Bansahs Frau tanzt auf dem Laminat, die Fahne in den Händen.

Ghana. 24 Millionen Einwohner, parlamentarische Demokratie, der „Human Development Index“ der Vereinten Nationen verzeichnet das Land auf dem Ranglistenplatz 152. Bansahs Frau hatte vorhin erzählt, dass die Kindersterblichkeit dort sehr hoch ist, vor allem schlechtes Wasser sei schuld daran, es gibt Malaria, es gibt Würmer. Deshalb damals die Wasserpumpen. Gerade lässt das Königspaar einen Brunnen bohren.

Unten, im Erdgeschoss, läuft auch die ganze Zeit ein Fernseher. Phoenix, die Hochzeit von Stockholm, Bansahs Schwiegermutter sitzt hier und schaut zu. Gerade sagt eine Kommentatorin, die frisch mit einem Bürgerlichen verheiratete Prinzessin meinend: „Sie wirkt aufgeregt, aber auch souverän …“ Die Kommentatorin wird unterbrochen von einer anderen: „Ja, auch interessant zu sehen, wie sie die Monarchie in die Moderne geöffnet hat.“ Hochadel plus Bürger gleich Moderne, es klingt so, als sei dieser Satz ernst gemeint. In diesem Haus hier, in dem ein König lebt, der Arbeiter ist und der seinem Volk einen Fortschritt bringt, der sich in Menschenleben messen lässt, klingt er krank.

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