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Zeitarbeiter müssen ausdauernd und flexibel sein. Rund einem Drittel gelingt so der Sprung in ein echtes Arbeitsverhältnis

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Für die einen ist es eine Übergangslösung, für die anderen ein Weg aus der Arbeitslosigkeit und für wieder andere die Chance, erste Berufserfahrung zu sammeln: Zeitarbeit. Die vorübergehende Arbeitnehmerüberlassung ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Zwischen 1994 und 2004 hat sich die Zahl der statistisch erfassten Zeitarbeiter mehr als verdreifacht. Im vergangenen Jahr stieg sie auf rund 430 000 an. Obwohl der häufige Wechsel von Arbeitgeber und Einsatzgebiet viel Flexibilität erfordert und nicht selten eine gewisse Außenseiterrolle mit sich bringt, hat diese Form der Beschäftigung auf Vorteile. So gelingt rund einem Drittel der Mitarbeiter der Sprung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis.

Die 29 Jahre alte Münchnerin Katharina Linde bekam bei der Jobsuche nach vielen Absagen auf Bewerbungen von einer Freundin den Rat: „Versuch es doch mal mit Zeitarbeit!“ Relativ schnell fand die Kauffrau eine Anstellung bei einem Zeitarbeitsunternehmen und erhielt kurz darauf ein Vertragsangebot mit Gehaltshöhe, Arbeitszeit und Zusicherung von Sozialleistungen. Das war vor einem Jahr. „Ich habe inzwischen bei drei Firmen gearbeitet“, berichtet Linde, „die letzten sieben Monate im Verkauf eines Unternehmens, das mich nun direkt anstellen will.“

„Jeder Arbeitnehmer bei einer seriösen Zeitarbeitsfirma bekommt in der Regel einen schriftlichen, unbefristeten Arbeitsvertrag mit den üblichen Leistungen wie Sozialversicherungen, bezahltem Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und gesetzlichem Kündigungsschutz“, erklärt Thomas Läpple vom Bundesverband Zeitarbeit Personal-Dienstleistungen (BZA) in Bonn. Außerdem erhält der Beschäftigte auch dann seinen Lohn, wenn das Unternehmen ihn zeitweise nicht vermitteln kann.

Im BZA sind laut Läpple derzeit 440 Mitgliedsfirmen mit mehr als 1800 Niederlassungen in Deutschland organisiert. Nur diese dürften das Siegel „BZA“ als Gütezeichen tragen. Eine Mitgliedschaft setzt eine Eintragung im Handelsregister voraus, die Geschäftsaktivitäten müssen auf Bestand angelegt sein. „So schützen wir uns vor schwarzen Schafen“, sagt Thomas Läpple. Außerdem kann eine Zeitarbeitsfirma nur mit einer entsprechenden Lizenz der Bundesagentur für Arbeit tätig werden.

Menschen, die im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma arbeiten, findet man inzwischen auf allen Positionen und in fast allen Branchen. „Vom Büroassistenten bis zum Ingenieur sind alle Berufe vertreten“, erklärt Petra Timm, Pressesprecherin des Marktführers Randstad in Eschborn bei Frankfurt. Der BZA schätzt den Anteil der gewerblichen Arbeitnehmer auf rund 70 Prozent, der Rest bediene den kaufmännischen Bereich sowie den Dienstleistungssektor. Dabei ist das weibliche Geschlecht auf dem Vormarsch. Petra Timm sieht den Anteil der Frauen bereits bei einem Drittel der Beschäftigten – „mit zunehmender Tendenz.“

Gute Chancen haben vor allem Bewerber mit dem „gewissen Etwas“, sei es eine außergewöhnlichen Fremdsprache oder seltenes Fachwissen. Einige Agenturen haben sich sogar auf die Vermittlung von Fachkräften spezialisiert, etwa die Frankfurter Firma Bankpower, eine Tochter des Branchenzweiten Manpower oder die Dis AG, die so genannte Hochqualifizierte vermittelt. Bei Manpower selbst – in Deutschland an 180 Standorten präsent – sucht man derzeit zum Beispiel Spezialisten aus dem Luftfahrtbereich wie Fluggerätmechaniker und Spritzlackierer. Auch die Generation 50 plus mit ihrer großen Berufserfahrung ist nach Unternehmensangaben willkommen.

„Bewerben kann man sich in jeder Niederlassung“, erläutert Petra Timm von Randstad den Weg in ein Zeitarbeitsverhältnis. „Unsere Mitarbeiter prüfen dann zunächst die Qualifikation, um branchenbezogene Einsatzmöglichkeiten zu ermitteln.“ Wie bei jedem anderen Arbeitgeber auch sollte man seinen schulischen und beruflichen Werdegang mit entsprechenden Papieren belegen können. „Neben der beruflichen Kompetenz spielt auch die Flexibilität eine große Rolle“, sagt Timm. Logisch, denn als Zeitarbeiter wird man nun mal vorübergehend dort eingesetzt, wo Verstärkung am nötigsten gebraucht wird.

Seit Anfang 2004 gibt es einen flächendeckenden Tarifvertrag für die Zeitarbeit. Er regelt die Entgelt- und Rahmenbedingungen für die Beschäftigten. Das Gehaltsgefüge ist in neun Gruppen unterteilt – angefangen von einfachen Tätigkeiten, für die nur eine kurze Anlernzeit nötig ist bis hin zu Aufgaben, die ein Studium oder mehrjährige Berufserfahrung erfordern. Die Stundensätze reichen derzeit von 7,20 Euro bis 16,28 Euro.

Um die Weiterbildung von Mitarbeitern auf Zeit ist es allerdings eher schlecht bestellt – so zumindest das Ergebnis einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). In einer deutschlandweiten Umfrage wurden 433 Zeitarbeitsfirmen zu ihren Fortbildungsangeboten befragt. Das Ergebnis: Nur wenige Zeitarbeiter erhalten formelle Weiterbildungsangebote – und wenn, dann eher vom Einsatz- als vom Zeitarbeitsunternehmen. Dafür sei bei dieser Art der Beschäftigung aber der informelle Lerngewinn hoch. Zeitarbeitskräfte profitieren der Studie zufolge vom „learning on the job“. Der Lerneffekt sei dabei umso höher, wenn die Betreffenden bereits über eine abgeschlossene Ausbildung verfügten.

Der Personaldienstleister Adecco bietet Qualifizierungsmaßnahmen bisher vor allem im Einzelfall an, „wenn das Profil eines Beschäftigten etwa durch einen Sprachkurs oder eine Software-Schulung sinnvoll ergänzt werden kann“, so eine Unternehmenssprecherin. Bei Manpower können Bewerber und Beschäftigte ein so genanntes Global Learning Center nutzen, eine Internet-Plattform, über die man kostenlose Online-Schulungen erhält. Mehr als 200 Kurse in deutscher und rund 1000 in englischer Sprache sollen dort zur Verfügung stehen.

Beim Marktführer Randstad setzt man auf so genannte modulare Qualifizierungen, die sogar mit einem Zertifikat der Industrie- und Handelskammer (IHK) abschließen. Das Projekt befindet sich allerdings noch in der Pilotphase. Bisher gibt es die Möglichkeit, sich in bestimmten Test-Niederlassungen zum Lager- bzw. Büroassistenten fortzubilden. Weitere Module sind in Planung. Ab Juli soll das Qualifizierungsmodell, das in Zusammenarbeit mit dem BIBB und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ins Leben gerufen wurde, dann bundesweit in allen Randstad-Niederlassungen angeboten werden. dpa/sizo

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