Zeitung Heute : „Heute lacht keiner mehr über uns“

Der Tagesspiegel

Der Ingenieur Joachim Möller kann zufrieden sein: Er ist Teilhaber des Unternehmens, für das er arbeitet. Der Wert seiner Aktien hat sich seit Sommer 2000 vervierfacht, und die Traditionsfirma Telefunken ist wieder ein erfolgreiches Unternehmen.

Dabei standen noch vor zwei Jahren alle Zeichen auf Funkstille in der Moabiter Sickingenstrasse. Telefunken, weltweit führender Hersteller terrestrischer Rundfunksender, stand vor dem Aus. Der kurze Boom nach der Wende war vorbei, die Nachfrage ging zurück. Erst fünf Jahre zuvor war die Telefunken Sendertechnik GmbH von der Konzernmutter Dasa an einen texanischen Elektronik-Konzern verkauft worden. Die neuen Hausherren fackelten nicht lange, bauten Arbeitsplätze ab und senkten massiv die Kosten. An Heiligabend 1999 erhielten die verbliebenen 115 Mitarbeiter als trauriges Weihnachtsgeschenk ihre Kündigung.

Das Ende – wäre da nicht Wolfgang Schröder gewesen, ein mit der Liquidation beauftragter Berliner Rechtsanwalt. Er fand das 1903 gegründete Kleinod der deutschen Elektronikindustrie zu schade zum Abwickeln. Auf seine Initiative hin suchte die ganze Belegschaft nach einem rettenden Strohhalm. Und fand ihn in der Konzentration auf das Kerngeschäft: Weiterentwicklung von Sendetechnik, weltweiter Vertrieb und Feinabstimmung der Sender vor Ort.

„Wir wollten das tun, was wir richtig gut können, wir wollten Sender bauen,“ sagt Jochen Huber, damals Abteilungsleiter, heute Vorstand. Von den Entlassenen waren nach langen Diskussionen knapp 40 besonders qualifizierte Mitarbeiter bereit, voll auf Risiko zu setzen. Sie steckten ihre Abfindung von meist mehreren tausend Euro in die Firma. „Was sollten wir auch machen, sonst wäre Telefunken vom Markt verschwunden und wir arbeitslos geworden“, begründet Huber den damaligen Schritt der Mitarbeiter.

Der Einsatz war hoch. Die Mitarbeiter verzichteten auf zehn Prozent ihres Gehalts und auf Sonderleistungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Der Urlaub wurde von 30 auf 25 Tage gekürzt und schließlich die Arbeitszeit von 35 auf 40 Wochenstunden erhöht. Dafür wurden alle Mitgründer an der Firma beteiligt. Und schließlich zog die junge Firma auf ein kleineres und billigeres Gelände in der Spandauer Mertensstrasse.

Der Pioniergeist der Mitarbeiter, ihre hohe technische Qualifikation, über Jahrzehnte hinaus erarbeitete Patente und Know-How sowie der traditionsreiche Markenname, der in Lizenz erworben werden konnte, begeisterten ein Schweizer Unternehmen. Das investierte – und erfüllte damit eine entscheidende Voraussetzung für die Landesbank Berlin, eine Landesbürgschaft zu geben. Sonst hätte das Projekt nicht geklappt.

Der Erfolg gibt den Gründern Recht. „Heute sind wir von den Banken unabhängig und schuldenfrei,“ freut sich Vorstand Jochen Huber. Die starke Motivation hat sich ausgezahlt. „Inzwischen lacht die Konkurrenz nicht mehr über uns. Niemand hatte der kleinen Bude Telefunken zugetraut, selbst den Karren aus dem Dreck zu ziehen“, sagt Huber und verweist auf die Ergebnisse. 2001 wurde das Umsatzziel von 10 Millionen Euro erreicht, im laufenden Jahr wird eine Steigerung der Aufträge um 50 Prozent erwartet. Nächstes Jahr wollen die jetzt 50 Mitarbeiter feiern: Dann wird die Traditionsmarke Telefunken hundert Jahre alt. Und sie wird leben. Karsten Zegenhagen

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