Zeitung Heute : Heute schon geweint?

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KRITISCH GESEHEN

Kerner spezial. ZDF. Mittlerweile ist fast jeder Tag im ZDF ein Kerner-Tag. Gestern wurde Johannes B. Kerner zum Sonntagsdienst einbestellt, denn ein Großer war im Land: Rudolph Giuliani, soeben von der Queen zum Ritter geschlagen, mit dem Deutschen Medienpreis ausgezeichnet und Kandidat für den diesjährigen Friedens-Nobelpreis.

Für das Gespräch mit dem New Yorker Ex-Bürgermeister hat Kerner das Bubenhafte in der Garderobe gelassen und sich für eine Art Larry King-Investigations-Haltung entschieden. Allerdings ist er im Gegensatz zu diesem vornehmlich an einem interessiert: an Gefühlen. „Was haben Sie gefühlt, als die Türme einstürzten?Wann und wo haben Sie geweint?“

Giuliani, ausgezeichnet synchron-übersetzt, beantwortet diese zum x-ten Mal gestellten Fragen freundlich-professionell und wechselt innerhalb von Sekunden-Bruchteilen von tiefer Betroffenheit zu breitem Grinsen. Amerikanisches Showtalent – ja, er ist zum Weinen ins Bad gegangen. Weil dem gesprochenen Wort selten zu trauen ist, setzt die Regie häufig Schrifteinblendungen ein: Als Giuliani schildert, wie er den Einsturz des World Trade Centers mit ansehen musste, erscheint am Bildrand: „...erlebte den Einsturz hautnah mit“.

Wer von dem Gespräch tatsächlich etwas Neues erwartet hatte, wurde enttäuscht – und hatte zuviel erwartet. Kerners freundliche Fragerei hier, Giulianis Routiniertheit dort – wirklich Überraschendes konnte bei dieser Konstellation nicht herauskommen. Da saßen zwei Männer, die eine Pflichtübung absolvierten, und das teilte sich dem Zuschauer auch mit.

Als Johannes B. Kerner den 11. September verließ, sich der „Zero-Tolerance“-Politik zuwandte, mit der sich der Republikaner Giuliani im liberalen New York nicht nur Freunde gemacht hat, wurde die Sendung dann doch noch etwas spannender.

Obwohl auf dem Gipfel seiner Popularität stehend, wurde „Rudy“ als Bürgermeister abgelöst. Sollte ihn das verletzt haben, anzumerken war es ihm nicht. „Viele würden ihn“, wusste ihn Johannes B. Kerner dann auch noch zu trösten, „lieber heute als morgen als Präsidenten der Vereinigten Staaten sehen“. Jörn Wöbse

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