Zeitung Heute : Heute wie gestern

Die Finanzmärkte weltweit sind verunsichert. Regierungen müssen Banken stützen, Anleger fürchten um ihr Geld. Wie sind frühere Wirtschaftskrisen gelöst worden?

Teite Buhr Martin Gropp

Der US-Senat hat in der Nacht zum Donnerstag versucht, das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für den amerikanischen Bankensektor doch noch zu verwirklichen. Nachdem das Repräsentantenhaus den Plan der Regierung am Montag überraschend abgelehnt hatte, waren die Aktienkurse weltweit abgestürzt. Staatliche Interventionen, wenn auch nicht in diesem Ausmaß, hat es bei Finanzkrisen auch in der Vergangenheit gegeben – und meist sind sie erfolgreich gewesen.

Ob Bierkutscher oder Bankier, ob Zimmermädchen oder Zuhälter – in den Goldenen Zwanzigern spekulierte fast jeder an der Börse, viele investierten sogar geliehenes Geld in Aktien. Der Glaube an ewig steigende Kurse war grenzenlos. Die Spekulationen trieben die Kurse immer weiter nach oben, der Dow Jones notierte im September 1929 beinahe vier Mal so hoch wie noch fünf Jahre zuvor. Als die Kurse schließlich zu sinken begannen, brach Panik unter den Anlegern aus. Jeder versuchte am 24. Oktober 1929 und an den Tagen darauf, so schnell wie möglich zu verkaufen. Der Dow Jones in New York brach unter der Verkaufslawine zusammen, auch weltweit stürzten die Börsenkurse ins Bodenlose. An der Wall Street brachen Tumulte aus, die Polizei musste einschreiten, Anleger stürzten sich in den Tod.

Als Reaktion auf den Börsencrash von 1929 verfolgte die US-Regierung in der Folge eine restriktive Geldpolitik – ein Fehler, wie Ökonomen später feststellten. Denn mit der Erhöhung der Einfuhrzölle und der Rücknahme von Krediten befeuerten die USA die Krise, anstatt sie einzudämmen. Die Weltwirtschaftskrise mit den Bankenpleiten 1931, mit Millionen Arbeitslosen weltweit, mit sinkendem Konsum und einbrechenden Steuereinnahmen war die Folge. Der Dow Jones brauchte 25 Jahre, bis er wieder den Stand von vor der Krise erreicht hatte.

Ein Börsencrash, der letztlich auf technisches Versagen zurückzuführen war, ereignete sich 1987. Am 19. Oktober stürzte der Dow Jones innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent ab. Es war damals der größte Tagesverlust, den die Wall Street gesehen hatte. Europäische und japanische Indizes brachen ebenfalls ein. Zahlreiche Investoren waren ruiniert, auch diesmal gab es Selbstmorde, und sogar einen Mord durch einen verwirrten Anleger an einem Banker.

Seit 1982 hatte eine Welle von Firmenübernahmen den Dow Jones in die Höhe getrieben. Als sich die wirtschaftliche Lage einzutrüben begann, sanken auch die Kurse. Inzwischen gab es aber eine Neuerung an den Börsen, ein automatisiertes Handelsprogramm („Portfolio Insurance“), das zum Schutz der Anleger vor zu großen Verlusten ansprang. Es verkaufte automatisch Aktien, wenn sie unter einen festgelegten Wert rutschten. Dieses Handelsprogramm löste den „Black Monday“ von 1987 aus: Als die Kurse sanken, sprangen viele der Handelsprogramme gleichzeitig an und die Börsen wurden mit Verkaufsangeboten überflutet, was den Dow Jones in die Tiefe riss. Die US-Notenbank (Fed) unter der Leitung von Alan Greenspan sorgte diesmal mit aggressiver Liquiditätszufuhr in Milliardenhöhe und Leitzinssenkungen dafür, dass eine anhaltende Krise wie knapp 60 Jahre zuvor verhindert wurde.

Aber nicht nur die USA wurden in den vergangenen Jahrzehnten von Finanzkrisen erschüttert. Wegen freigiebiger Kreditvergabe rutschte Schweden Anfang der 90er Jahre in seine schwerste Wirtschaftskrise seit 1930. Bei der schwedischen Krise zeigt sich eine Parallele zu den heutigen Ereignissen: Auch hier gerieten die Banken unter Druck, nachdem sie per Kredit eine Immobilienblase gesponsert hatten.

Als dann eine Flaute in der Weltwirtschaft einsetzte, sanken die Immobilienpreise, die Schuldner konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen. Bis Ende 1992 stiegen die Kreditausfälle auf gut 100 Milliarden Kronen an (rund 13 Milliarden Euro). Der Rückversicherer Svenska Kredit stellte seine Zahlungen ein, die staatliche Nordbanken und einige Privatinstitute standen vor der Pleite. Dass das schwedische Bankensystem dennoch nicht zusammenbrach, lag am Einschreiten des Staats. Die Regierung pumpte sechs Prozent des schwedischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in die Rettung der Finanzhäuser. Das entspricht heute einer Summe von umgerechnet 18,3 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Das von der US-Regierung geplante Rettungspaket von 700 Milliarden Dollar würde etwa fünf Prozent des US-BIP entsprechen. In Schweden funktionierte die Rettung auch, weil 1993 die Weltkonjunktur wieder anzog.

Die Asienkrise 1997 begann mit einer geplatzten Investitionsblase. Die Banken hatten großzügig Geld an Unternehmen in den von der späteren Krise am stärksten betroffenen Ländern Indonesien, Südkorea und Thailand vergeben. Die Unternehmen nutzten das Geld zur Herstellung von Produkten, allerdings fanden sie kaum Abnehmer. Wieder konnten Kredite nicht bedient werden, der Finanzsektor schwankte. Gerettet wurden die asiatischen Staaten diesmal durch das Eingreifen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Insgesamt 39 Milliarden Dollar stellte der IWF in den Jahren 1997 und 1998 zur Stabilisierung zur Verfügung. Bis heute ist die IWF-Intervention umstritten. Die Vergabe der Milliarden war mit Auflagen an die Empfängerländer verbunden, die manche Kritiker als Einmischung in die Souveränität der Staaten empfand. In den USA wurde Kritik laut, dass die IWF-Hilfe vom Steuerzahler finanziert werden musste, um US-Banken vor drohenden Verlusten aus der Asienkrise zu bewahren.

In den betroffenen asiatischen Ländern hatte die Krise neben den wirtschaftlichen Folgen eine grausame Ausprägung: Laut der Asian Development Bank stieg die Zahl der illegalen Abtreibungen und der Kindstötungen an, weil Verhütungsmittel wegen der steigenden Preise unerschwinglich geworden waren.

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