Zeitung Heute : Hexen!

Susanna Nieder

Hexen und Zauberer haben es gut. Die müssen sich nicht auf dem Fahrrad abstrampeln, sondern reiten auf dem Besen durch die Lüfte. Die Hausaufgaben ins Heft zaubern können sie zwar nicht, das weiß jeder, der den strengen Unterricht in Harry Potters Zauberschule Hogwarts kennt. Aber dafür dürfen sie in der Walpurgisnacht zum Hexentanz auf den Blocksberg und erleben überhaupt viel mehr Abenteuer als normale Menschen.

Heute stellen wir es uns lustig vor, eine Hexe zu sein. Doch früher war es gar nicht lustig. Ihr kennt alle die Hexe aus "Hänsel und Gretel". Sie ist so böse, dass sie Hänsel sogar auffressen will. Früher glaubten viele Menschen ganz im Ernst, dass es solche bösen Hexen gebe. Das machte ihnen Angst. Und wer Angst hat, der wird leicht selber böse. Deshalb mussten Frauen und Männer, die man verdächtigte, Hexe oder Hexenmeister zu sein, um ihr Leben fürchten.

Um das zu verstehen, müsst ihr wissen, wie die Menschen damals lebten. Vor vielen Hundert Jahren war das Leben in Deutschland und ganz Europa viel härter als heute. Supermärkte gab es noch keine, auch keine Autos und großen Städte. Die meisten Leute lebten in kleinen Dörfern und mussten schwer arbeiten, um genug zu essen zu haben. Wenn Unwetter kamen und die Ernte schlecht ausfiel, litten sie Hunger. Außerdem gab es schlimme Krankheiten wie die Pest, an der viele starben. Damals wussten die Ärzte noch nicht, wie man solche Krankheiten verhindert.

Die Menschen konnten sich nicht erklären, warum ihr Leben ständig durch Hunger und Krankheit bedroht war. Sie gingen in die Kirche und beteten, dass der liebe Gott und die Heiligen ihnen helfen sollten. Sie trugen Amulette, zündeten geweihte Kerzen an und hängten Weihwasserkessel an der Haustür auf, um Gottes Segen ins Haus zu bringen. Und sie suchten einen Schuldigen.

Das konnte ganz harmlos anfangen. Jemand brauchte bloß rote Haare zu haben, dann war er schon verdächtig. Oder die Kuh der Nachbarin gab mehr Milch als die eigene - ob da vielleicht Hexerei dahintersteckte? Man tuschelte. Man tratschte. Genaues wusste keiner, aber die Gerüchte blieben. Und irgendwann waren die meisten ganz sicher, dass die Frau mit den roten Haaren, deren Kuh die meiste Milch gab, eine Hexe war. Oder dass der Mann mit dem Buckel durch Hexerei drei schlechte Ernten verursacht hatte. Die Hexe würde die Kinder auffressen! Der Hexenmeister das Vieh verhexen! Das ganze Dorf würden sie ins Unglück stürzen! Man zeigte sie an. Und dann erging es ihnen schlecht.

Heute stellt man Menschen vor Gericht, um herauszubekommen, ob sie schuldig sind oder nicht. Wer damals als Hexe oder Hexenmeister vor Gericht kam, wurde meistens gezwungen, zuzugeben, was die Richter hören wollten. Die Menschen dachten, sie müssten sich von den Hexen befreien. Wer schuldig gesprochen war, wurde verbrannt, weil man glaubte, dadurch das Böse zu vernichten. Das hörte erst auf, als es den Menschen besser ging, es weniger Krankheiten und mehr zu essen gab und sie mehr über die Ursachen der Dinge erfuhren, die sie ängstigten. Aber mit Vorurteilen gegen Menschen, die anders sind als wir, müssen wir auch heute noch aufpassen.

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