Zeitung Heute : Hieb- und stichfest

Geduld und Ehrgeiz führten ihn einst als Fechter zum Olympiasieg. Nun könnten sie ihm wieder helfen – auf dem Weg ins wichtigste Amt des Sports. Thomas Bach will Präsident des Internationalen Olympischen Komitees werden. Das hat vor ihm noch kein Deutscher geschafft.

Wettkämpfer. Thomas Bach sagt: „Ich konzentriere mich auf das, was strategisch wichtig ist.“ Foto: Lisi Niesner/Reuters
Wettkämpfer. Thomas Bach sagt: „Ich konzentriere mich auf das, was strategisch wichtig ist.“ Foto: Lisi Niesner/ReutersFoto: REUTERS

Er hat gerne die blaue Ledertasche dabei. Dort sind seine halben Sätze drin.

Wenn es so weit kommen sollte...

Wenn das Ergebnis tatsächlich feststeht...

Wenn man das mal voraussetzt...

Mit klaren Worten kommt man schneller auf den Punkt. Aber nicht immer zum Ziel. Juristen reden deshalb oft mit angehängter Einschränkung. Funktionäre auch. Und Politiker. Er ist das alles. Halbe Sätze hat er immer parat. Vielleicht ist er bald der mächtigste Mensch seiner Welt. Wenn...

Auf seiner Tasche sind die Olympischen Ringe eingedruckt. Sie sind das Versprechen auf Ruhm durch Sport. Für ihn geht’s um Ruhm durch Sportpolitik. Er ist schon der zweitmächtigste Mensch seiner Welt. Ohne Wenn. Ohne Aber.

Ein normaler Nachmittag im Frühling. Fernbahnhof Frankfurt am Main. Der Zug rollt ein. Thomas Bach greift seine Tasche und den Rollkoffer. Darin sind Hemden verstaut. Auf denen ist ein Logo eingestickt: „ThB“. Er fährt zu einem Sportkongress. Über die deutsche Grenze. Hinter ihm fliegt Landschaft vorbei. Sein Rücken lehnt am Zugfenster. Seine Augen folgen drinnen Vorbeigehenden. Seine Hände folgen seinen Worten. Sie zählen auf. „Bundespräsident“, der erste Finger schnellt hoch. „Bundeskanzlerin“, zwei. Dann die Ministerien: Verteidigung, Außen, Innen, Arbeit. Mit all denen hat Deutschlands Sportchef zu tun. „Was haben wir noch?“, fragt Bach ins Abteil. Der nächste Finger antwortet: Landwirtschaftsministerium. Überall hat er Projekte. Seine Finger reichen gerade aus.

Bald könnte er noch mehr zu tun bekommen. Bach will im Herbst Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) werden. Bisher ist er Vize. Und Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Er kandidiert nach langem Zögern. Das hat er am Donnerstag seiner Welt erklärt. Und den anderen. Auf der Pressekonferenz in Frankfurt am Main wirkt er heiter. Kameras filmen sein Lächeln. Mikros nehmen nette Worte auf.

„Als Sportler liebt man Wettkampfsituationen.“

„Der Wahlkampf erinnert an gute alte Athletenzeiten.“

„Man ist jetzt auf dem Weg in die Vorbereitung, ins Trainingslager, wenn man so will.“

Wenn. Man.

Eigentlich ist es ganz einfach. Das IOC in Lausanne ist die wichtigste Sportorganisation der Welt. Er wäre deren wichtigster Mann. Das hat noch kein Deutscher geschafft. Er könnte einfach sagen: Ich.

Herr Bach, können Sie mal diese Halbsätze weglassen?

Er lacht zur Antwort. Es schallt im Zugabteil. Seine randlose Brille wackelt. „Leider nein.“ Aha, der Mann kann auch kurz. Er ändert seine Taktik, seine Worte. Wenn es passt.

Um Thomas Bach zu erklären, dieses Phänomen eines kleinen quirligen Sportaufsteigers aus Tauberbischofsheim, der zum Olympiasieger im Fechten wurde und nun mit 59 Jahren zum Sieger beim olympischen Machtausfechten werden will, kann man natürlich auch Umwege nehmen – Nebengeschichten, Nebengleise, Nebensätze.

Er geht gern auf Risiko, zumindest wenn er Karten spielt. Manchmal kloppt er mit alten Freunden eine Runde Skat – „falls ich mal in TTB bin und ein Geschäftstermin ausfällt“. TTB ist Tauberbischofsheim, die kleine Welt seiner Sandkastenfreunde und Schafkopfkumpels; Pensionäre darunter, Friseure, Vermessungsingenieure; man trinkt Wein, beliebt zu scherzen. Er merke sich nicht jede Karte, die auf dem Tisch landet, sagt Bach über sein Spiel: „Manchmal denke ich: Da müsste noch ein Trumpf draußen sein.“

Thomas Bach hat immer ein paar Trümpfe draußen. Er hätte in die Politik gehen können. Mit Angela Merkel kann er angeblich gut, er hat es sich zumindest nicht mit ihr verscherzt wie so mancher dieser Sporthelden: Dieter Hoeneß, Theo Zwanziger; auch Joseph, der selbst ernannte Sepp, Blatter. Die FDP ist Bachs Partei, sie hatte ihm einst in Bonn eine Karriere angeboten. Hans-Dietrich Genscher, die graue Eminenz der zuweilen grausam zerstrittenen Partei, schwört auf ihn. Aber Bach schwört lieber auf seine Unabhängigkeit.

„Der Unterhalt meiner Familie soll nicht am Fraktionszwang hängen.“ Inzwischen hängt sie an gar nichts mehr. Bach ist Wirtschaftsanwalt mit bestem Einkommen. Er führt Aufsicht über die Michael Weinig AG, ein Unternehmen für Holzverarbeitungsmaschinen – hier ist Bach schon unauffälliger Weltmarktführer. Er hätte auch ganz in die Wirtschaft gehen können, war gut dotierter Berater bei Siemens, vielleicht zu gut dotiert für ein sportlich unabhängiges Ehrenamt – er gab den Posten nach Protesten auf. Öffentliche Diskussionen über sich mag Bach nicht; seine Geheimnisse drückt er lieber in den Skat.

Als Kind wollte er Fußball spielen. Doch seine Eltern schickten ihn zum Fechten, als Schule für den Körper. Die Finten auf der Planche wurden zur Schule für sein Leben. Bach, vom Ehrgeiz besessen und mit Geduld gesegnet, brachte es 1976 zum Olympiasieger. Mit der bundesdeutschen Mannschaft gewann er ein Jahr später auch die WM in Buenos Aires. Hier tritt er im September auf der sportpolitischen Planche an. Sein größter Konkurrent dürfte Richard Carrión aus Puerto Rico sein. Er ist Finanzchef des IOC und Akquisiteur astronomisch hoher Fernsehverträge für die nächsten Sommer- und Winterspiele und schon deshalb ein sportpolitisches Schwergewicht. Ob er aber so wendig ist wie der kleine Bach?

„Eigentlich tritt er nur an, wenn er sicher ist, dass er eine große Chance hat“, sagt ein wichtiger deutscher Sportfunktionär. „Außer seiner Karriere hat er doch nichts im Sinn“, sagt ein anderer. Unterschätzen tut Bach jedenfalls keiner mehr nach seinem atemberaubenden Steilflug durch die IOC-Instanzen. Sicher auch nicht die anderen Kandidaten, die ihre Karten noch verdeckt halten: Ng Ser Miang etwa, ein Millionär aus Singapur. Oder Ahmed al Sabah aus Kuwait. Sie alle haben Geld und Verbindungen. Aber sind sie auch so gut vernetzt wie Bach? Der ist, nicht ganz nebenbei, Präsident der deutsch-arabischen Industrie- und Handelskammer. Das nützt ihm auch in seiner Welt, vielleicht sogar gerade hier.

Sport ist schon immer so global, wie es Politik und Wirtschaft erst geworden sind. In dieser seiner Welt fühlt sich Bach freier, „es ist meine große Liebe“. Diesen Spruch hört man in dem Business, das mit der Liebe seiner Fans das große Geld verdient, öfter. Und können nicht selbst große Lieben einmal langweilig werden? „Nö“, sagt Bach und lacht wieder laut. „Große Lieben rosten nicht.“ Der Zug fährt in Brüssel ein.

Im deutschen Sport ringen sie längst um seine Nachfolge. Er schweigt dazu. Die Pläne sind bereits gemacht. Generaldirektor Michael Vesper, der sich vom rebellischen Grünen zum immertreuen Diener Bachs gewandelt hat, steht bereit. Wenn der interne Widerstand gegen den zuweilen polternden und gut bezahlten Vesper zu groß ist, könnte Hans-Peter Krämer für den Übergang übernehmen. Er ist ein stiller Finanzmann und Gremienarbeiter, sagt öffentlich nicht mal „Wenn“.

Was aber will Thomas Bach eigentlich erreichen, wenn er alles erreicht hat? Als Chef des DOSB hielt er sich oft taktisch bedeckt. Er war für die Dopingbekämpfung, aber gegen schärfere Gesetze. Er war für deutsche Olympiabewerbungen, schickte aber München in ein aussichtsloses Rennen um die Winterspiele. Das IOC braucht mehr Visionen: von umweltverträglichen Sportereignissen, von transparenteren Verbänden, von Leistungen ohne Synthetikverdacht. Jacques Rogge, der das IOC noch führt, hat die olympische Bewegung zumindest aus dem gröbsten Korruptionssumpf herausgezogen. Die Olympische Fackel ließ sich der stille Arzt aus Belgien aber bei den pompösen Pekinger Spielen 2008 von Chinas Staatsführung entreißen.

Bach sagte am Donnerstag, er wolle „Einheit in Vielfalt“. Das kann alles bedeuten, wieder mal. Im persönlichen Gespräch erklärt er, ihm seien zwei Dinge wichtig: die Interessen der Athleten und die Autonomie des Sports. Beides erklärt sich aus seinem Leben.

Autonom ist Bach seit jeher. Er musste schon als Junge lernen, ein eigener Herr zu sein. Im Alter von 14 Jahren verlor er seinen herzkranken Vater. Heute ist sein Auto sein fahrendes Büro. Das Handy verbindet ihn mit seinen Helfertruppen – im IOC, beim DOSB, in seiner Kanzlei. Dort sitzen viele Menschen, die täglich hunderte Mails, die an ihn gerichtet sind, filtern, verteilen, abarbeiten. „Ich konzentriere mich auf das, was strategisch wichtig ist“, sagt Bach; es ist ein Moment seltener Offenheit. „Alles andere erledigt der Apparat.“

Die Freiheit, sein Leben selbst zu sortieren, nimmt er sich täglich. Morgens macht er langsam: Kaffee, Zeitung, Blackberry, „vor neun Uhr rede ich kaum mit jemandem“. Danach werden es oft 16 Stunden am Stück, zwischendurch lässt er sich die aktuellen Sportergebnisse durchgeben: Fußball, Tennis, Eishockey, „eigentlich alles“. Hat er Privatleben? „Wenig“, antwortet er wenig.

Athlet ist Bach immer noch: Er hätte noch mehr Medaillen gewinnen können, wenn nicht die westliche politische Welt die Sommerspiele des Sports 1980 in Moskau boykottiert hätte. Er war damals Athletensprecher, intervenierte bei Bundeskanzler Helmut Schmidt – der entschied für die Politik. Seit 33 Jahren schweigen sich Schmidt und Bach deswegen an.

Ansonsten redet er mit jedem. Wenn Bach in Brüssel vom Bahnhof zu einem Kongresszentrum fährt, in dem 300 Menschen auf ihn warten müssen, weil sein Zug Verspätung hat, parliert er auf Französisch mit dem Taxifahrer über den ewigen Stau in Europas Hauptstadt. Seinen Vortrag auf Englisch beginnt er mit dem eingeübten Satz: „Ich weiß, dass sie nicht wegen meiner Rede gekommen sind, sondern trotz meiner Rede.“ Knappes Konferenzlachen weht ihn an. Auf wie vielen solcher Veranstaltungen saß Bach schon vorne auf der Bühne? Und wie viele kommen nun hinzu, wenn er tatsächlich der wichtigste Mensch seiner Welt wird und gänzlich von Tauberbischofsheim nach Lausanne zieht? Bach scheint das zuweilen aufscheinende Kleine seiner Welt nicht zu stören, er schaut mit den Augen über die Gläser seiner randlosen Brille in den amüsierten Saal – und lacht mit. Über seinen eigenen Witz.

Dann macht er weiter. So kommt Thomas Bach vorwärts. Immer vorwärts. Neben ihm auf dem Podium steht seine blaue Ledertasche. Da hat er die Halbsätze drin. Für alle Fälle. Jacques Rogge hat sie ihm geschenkt.

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