Zeitung Heute : Hier aussortiert, im Ausland begehrt: Berliner reisen der Arbeit hinterher

Der Tagesspiegel

Von Annette Kögel

Als Bauarbeiter in die Niederlande, als Englischlehrer nach China – oder gar als Friseur nach Mallorca: Immer mehr Arbeitslose finden im Ausland eine neue Perspektive. Vor allem jüngere, flexible und ungebundene Berliner sind dazu bereit, der Heimat aus beruflichen Gründen vorübergehend den Rücken zu kehren. Interessenten soll künftig die Job-Suche erleichtert werden: In Tempelhof eröffnet in Kürze ein privates „Europa-Jobcenter“ in Kooperation mit dem Arbeitsamt Südwest. Zur aktuellen Forderung aus Politik und Wirtschaft, Erwerbslose sollten auch auf Stellensuche außerhalb Deutschlands gehen, sagte der Sprecher des Landesarbeitsamtes, Klaus Pohl: „Das ist bei uns schon normales Geschäft“.

Denn Krankenschwestern, Ärzte, Bauarbeiter oder auch Fachkräfte aus Hotellerie und Gastronomie, die sich in Berlin vergeblich bewerben, werden anderswo mit Kusshand genommen. Wie der 31-jährige Restaurantfachmann aus Prenzlauer Berg, der den Winter über in einem Restaurant in Scoul, Schweiz, arbeitet. „Ich hatte keinen Job und habe die Anzeige im Internet gesehen.“

Wie viele Berliner und Brandenburger die Region verlassen, weil sich ihnen anderswo Perspektiven bieten, weiß indes niemand genau. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn hat vergangenes Jahr 14 000 Menschen aus Deutschland in nahezu 120 Länder vermittelt – nach Bundesländern wird in der Statistik nicht differenziert. Die Berliner „Eures“-Beratungsstelle rund um Jobs in Europa zählte 2001 insgesamt 7000 Anfragen – die Tendenz ist steigend, sagt Expertin Ina Rosenow. Beispiel Irland: Hier suchen Call-Center ständig Mitarbeiter. Über 1000 Interessenten waren während der Info-Woche in Berlin gekommen, 300 haben sich beworben, rund 150 hat das irische Amt ein Jobangebot geschickt. Schweden wiederum sucht Hände ringend Ingenieure, Bauarbeiter, Erzieherinnen, Übersetzer. Für diese Stellen hatten 160 Arbeitslose aus der Region Interesse bekundet, der erste Schwedisch-Kursus mit rund einem Dutzend Teilnehmern begann am Montag.

Um die steigende Nachfrage bewältigen zu können, öffnet im April eine neue Beratungsstelle für Auslands-Interessenten – bislang sind nur zwei Arbeitsamt-Expertinnen für die gesamte Region Berlin-Brandenburg zuständig. Träger ist die „Euro-Schulen Organisation“, einer der großen privaten Bildungsträger. Das von der Bundesanstalt für Arbeit finanzierte „Europa-Jobcenter“ mit sechs Mitarbeiterinnen in der Tempelhofer Alarichstraße 12-17 wird „Euro-Schulen“-Geschäftsführer Stefan Teich zufolge eng mit dem Arbeitsamt Südwest kooperieren. Die Beratung ist gratis. Im ersten deutschen „Europa-Jobcenter“ in Magdeburg hat Teich die Erfahrung gemacht, dass es „angesichts bürokratischer Hürden oft einfacher ist, Leute ins Ausland zu vermitteln als innerhalb Deutschlands.“

Die Euro-Jobs sind so vielfältig wie die Euro-Länder, weiß Sabine Seidler, Pressesprecherin der Zentralen Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn, die die Erwerbslosen letztlich vermittelt. „Auf Mallorca werden sogar Friseure ohne Spanischkenntnisse gesucht.“ Im übrigen Land aber Spanisch sprechende Gärtner, Maurer, Bürokräfte, Bäcker, Tischler. Mediziner haben in Großbritannien und den nordischen Ländern Chancen. Holland sucht Buchhalter, Maler und Lackierer, Belgien Übersetzer und Zahntechniker.

Wer aber denkt, unter südlicher Sonne bequem eine schnelle Mark machen zu können, irrt. Oftmals sind die Lebensbedingungen wegen geringer sozialer und gesundheitlicher Standards härter als erwartet. Lieselotte Heckmann, bei der ZAV in Bonn zuständig für Stellen vor allem in Entwicklungsländern, hat dennoch auch schon Bewerber aus Berlin in Jobs wie Kaufmännischer Direktor in Kamerun, Controller in Mali oder Lehrer in Abu Dhabi vermittelt. Je weniger entwickelt das Land, desto höher der fachliche Anspruch an die Bewerber.

Auch der Prenzlauer Berger in der Schweiz hat eine dreijährige Ausbildung vorzuweisen. „Und Erfahrungen im Ausland machen sich einfach gut im Lebenslauf.“ In der Schweiz bekommt er „das netto raus, was ich in Berlin brutto auf dem Gehaltszettel habe“. Und das Arbeitsklima? Auch eine neue Erfahrung. „Total locker, wir duzen hier selbst die Chefs.“ Aber für immer im Engadin? „Nein, ich will wieder nach Berlin.“

Stellenangebote bei allen Arbeitsämtern (Internet: www.arbeitsamt.de ). Details zu Ländern in Europa: „Eures“-Beratung, Arbeitsamt Südwest: Telefon 5555 80 2636 (E-Mail: Ina.Rosenow@arbeitsamt.de ). In alle Welt vermittelt die ZAV, Info-Telefon 0228 713 1313.

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